Dass das Bundesamt Mühe mit den Corona-Zahlen hat, liegt auch am Erreger

Die Fehlinformation mit den übertriebenen Zahlen vom Freitag war katastrophal, aber die korrigierten Zahlen helfen auch nicht viel weiter.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen

Infektionskrankheiten stoppt man, indem man die Infektionsketten unterbricht. Das klappt am besten dort, wo sich viele Menschen anstecken. Eine Information, an welchen Orten sich Leute anstecken, ist deshalb für einen Epidemie-Manager wichtig. Denn sie ermöglicht ihm erst, wirkungsvolle Massnahmen zu verordnen. Die Wirksamkeit bemisst sich daran, wie viele Infektionen verhindert wurden.

Das Bundesamt für Gesundheit hat am Freitag falsche Zahlen zu den Ansteckungsorten veröffentlicht.

Das Bundesamt für Gesundheit hat am Freitag falsche Zahlen zu den Ansteckungsorten veröffentlicht.

Keystone

Deshalb wurden die Zahlen, welche das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am letzten Freitag auf Aufforderung des Schweizer Fernsehens publizierte, mit grossem Interesse wahrgenommen. Und sie entsprachen auch einem Vorurteil, das ziemlich viele Menschen haben dürften: dass Clubs und Bars Viren-Hotspots sind. «Zwei von drei Ansteckungen im Ausgang» – die Schlagzeile drängte sich auf wie von selbst.

Sie passten auch zur Stimmung. Nur einen Tag zuvor hatte das BAG anlässlich einer Pressekonferenz angesichts leicht steigender Fallzahlen von einer «epidemiologischen Trendwende» gesprochen und indirekt den Kantonen empfohlen, die Schutzmassnahmen zu verschärfen.

Dass sich zwei Drittel im Ausgang anstecken, war falsch

Bevor sich die Kantonsregierungen vor die Herausforderung gestellt sahen, gegen die Clubs und Bars vorzugehen, gab es Entwarnung. Alles falsch, teilte das BAG mit und publizierte eine neue Tabelle. Die Vergnügungsindustrie registrierte mit Wohlwollen, dass sich die 69 Prozent vom Freitag auf 1,9 Prozent (Club, Disco) und 1,6 Prozent (Bar, Restaurants) zurückgebildet hatten.

Der «gefährlichste» Ort, um sich Sars-CoV-2 einzufangen, wurde nach der neuen Tabelle der Familienhaushalt. Dass die nächste Kategorie nach unten bereits «Anderes» hiess, war allerdings nicht unbedingt hilfreich. Es ist klar, dass eine Erstinfektion nicht in der Familie stattfindet, auch wenn das Virus dort dann günstige Verbreitungsbedingungen vorfindet.

Covid-19 ist eine heimtückische Infektionskrankheit. Denn der Erreger verbreitet sich nicht gleichmässig (wie zum Beispiel der Influenza-Erreger), sondern sehr unterschiedlich (sogenannte «Superspreader-Events») und auch der Weg der Infektion ist nicht präzis definiert.

Als Doktor Snow den Pumpenschwengel abmontierte

1854 grassierte in London eine Choleraepidemie. Von unsichtbaren Krankheitserregern wie Viren wusste man so gut wie nichts. Der Arzt John Snow trug die Cholerafälle auf einem Plan ein. Sie konzentrierten sich in einem Quartier und bestätigten eine Vermutung, die Snow schon länger gehabt hatte: Die Cholera würde durch vergiftetes Wasser verbreitet. Als Doktor Snow den Pumpenschwengel der Pumpe in der Broad Street in Soho abmontierte, verebbte die Cholera-Epidemie.

Leider ist dies eher die Ausnahme als die Regel. Die Daten waren in seinem Fall sehr eindeutig. Im aktuellen Covid-Fall ist das völlig anders. Ort und Zeitpunkt der Ansteckung sind selten so klar bestimmbar wie Snows Wasserpumpe.

Dazu kommt, dass die Daten in der korrigierten aktuellen BAG-Tabelle nicht sehr belastbar sind. Sie stammen vom 16. Juli bis zum 1. August, nicht nur eine (zu) kurze Zeitspanne, sondern eine eher ausserhalb der Normalität (Ferien). Und die Datenquelle sind die Meldeformulare der Ärztinnen und Ärzte, die – wahrscheinlich nach einem Gespräch mit dem Patienten – mögliche Ansteckungsorte ankreuzen. Wenn es bereits Fälle in der Familie gibt, überrascht nicht, dass diese Angabe die häufigste ist. Das immerhin weiss man mit Bestimmtheit, anderes nicht.

Mehr zum Thema