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Zürcher Philosophiefestival
lädt ins Land der Träume ein

Im Zürcher Kulturhaus Kosmos wird vom 17. bis 19. Januar über Träume philosophiert. Sechs mitwirkende Gäste über perverse, grössenwahnsinnige und begrabene Träume.
Melissa Müller
Hilal Sezgin, Philosophin, Autorin und Veganerin, betreibt einen Lebenshof für ältere Tiere im Landkreis Lüneburg und ist Sufi und Feuerwehrsfrau. (Bild: Barbara Fisahn)

Hilal Sezgin, Philosophin, Autorin und Veganerin, betreibt einen Lebenshof für ältere Tiere im Landkreis Lüneburg und ist Sufi und Feuerwehrsfrau. (Bild: Barbara Fisahn)

Hilal Sezgin , welchen Traum mussten Sie begraben?

Als Kind und noch als Studentin träumte ich von einem erfüllten, regen Leben, das sich aber doch völlig unbeschwert anfühlen würde. Reine Philosophie sozusagen. Inzwischen weiss ich es besser. Wer liebt, hat auch Kummer; wer überhaupt etwas ernst nimmt, hat Sorgen.

Für welchen Traum würden Sie auf die Strasse gehen?

Ohne Konjunktiv: Für den Traum, dass die Menschen endlich ihren Hochmut gegenüber (anderen) Tieren fallen lassen und die Ausbeutung und Versklavung der Tiere einstellen und Tieren das Recht auf Leben und Freiheit zugestehen – dafür gehe ich immer wieder auf die Strasse. Davon träume und dafür arbeite ich Tag und Nacht.

Jonas Lüscher hat mit seinem Roman «Kraft» 2017 den Schweizer Buchpreis gewonnen. Dessen Held erleidet einen realen Albtraum. (Bild: Geri Born)

Jonas Lüscher hat mit seinem Roman «Kraft» 2017 den Schweizer Buchpreis gewonnen. Dessen Held erleidet einen realen Albtraum. (Bild: Geri Born)

Jonas Lüscher, für welchen Traum würden Sie auf die Strasse gehen?

Für den guten alten Traum von Freiheit, Gleichheit und Solidarität lohnt es sich immer, auf die Strasse zu gehen – ebenso gegen den Albtraum der Grausamkeit.

In welche Traumwelt ziehen Sie sich zurück?

Zeichnet ein Tagtraum als Rückzugsgebiet nicht eben gerade aus, dass es ein absolut privater Raum ist? Einer, in dem es peinlich zugehen darf, pervers, neurotisch, kitschig, grössenwahnsinnig, ­infantil, naiv und obsessiv. Und niemand wird es je erfahren? Warum sollte ich also in der Zeitung darüber berichten? Aber nicht, dass Sie jetzt glauben, meine Tagträume seien infantil oder gar pervers … Seien Sie versichert, es tagträumt mir immer nur von frühsommerlichen Magerwiesen und von Schwalben im Flug.

Philosophin und Autorin Barbara Bleisch moderiert die «Sternstunde Philosophie» bei SRF. (Bild: Mirjam Kluka)

Philosophin und Autorin Barbara Bleisch moderiert die «Sternstunde Philosophie» bei SRF. (Bild: Mirjam Kluka)

Barbara Bleisch, welchen Sinn hat es, zu träumen?

Die Dichterin Nelly Sachs schrieb: «Alles beginnt mit der Sehnsucht.» Träume von einem besseren Leben geben dem Willen, etwas zu verändern, oft die nötige Schubkraft. Allerdings nur, wenn die Träume hinreichend Bodenhaftung haben. Auch ein Flugzeug startet auf einer Piste, nicht in der Luft.

Für welchen Traum würden Sie auf die Strasse gehen?

Um eine Mondfinsternis zu sehen. Ich harre auf der Strasse aus, um Himmelsereignisse mitzuerleben. Die Frage ist natürlich anders gemeint. Demonstrationen sind für mich aber nicht dazu da, Träume zu verwirklichen, sondern Rechte einzufordern. Ich träume beispielsweise nicht von einer Welt der Gleichstellung, ich fordere sie. Und dafür gehe ich auch mal auf die Strasse.

Philosophin Catherine Newmark interessiert sich für Popkultur. Ihr Buch mit dem Titel «Viel zu lernen du noch hast» dreht sich um Star Wars und Philosophie. (Bild: Johanna Ruebel)

Philosophin Catherine Newmark interessiert sich für Popkultur. Ihr Buch mit dem Titel «Viel zu lernen du noch hast» dreht sich um Star Wars und Philosophie.
(Bild: Johanna Ruebel)

Catherine Newmark, welchen Traum mussten Sie begraben?

Alle Kindheits- und Jugend­träume! Pilotin! Schauspielerin! ­Sängerin! Politikerin! Wirtschaftsführerin! Reich und berühmt werden! Aber das Schöne an der Philosophie – und am ­Älterwerden – ist, dass sie die Teenager-Träume doch sehr ­relativiert.

Welchen Sinn hat es, zu träumen?

Das Abschweifen der Gedanken in Tagträumereien fühlt sich zwar oft ein bisschen zeitverschwenderisch an, und es passiert besonders gern, wenn man unter Zeitdruck ist. Aber wenn man es zulässt, dann ist es nicht nur schön, sondern oft auch fürs Denken hilfreich. Der Kopf ist danach wieder freier und frischer.

Svenja Flasspöhler ist Chefredakteurin des «Philosophie Magazins». Kürzlich ist ihre Streitschrift «Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit» erschienen. (Bild: Johanna Ruebel)

Svenja Flasspöhler ist Chefredakteurin des «Philosophie Magazins». Kürzlich ist ihre Streitschrift «Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit» erschienen.
(Bild: Johanna Ruebel)

Svenja Flasspöhler, welchen Sinn hat es, zu träumen?

Träume, auch die, die wir tagsüber haben, sind Wunscherfüllungen. Als ich Kind war, träumte ich immer davon, andere zu retten. In dieser Vorstellung lag eine tiefe Befriedigung für mich. Aber warum? Wer dieser Frage wirklich nachgeht, erkennt schnell auch die Abgründe der eigenen Traumproduktion. Träume sind mithin der Schlüssel zur Selbsterkenntnis. Gnothi seauton – Erkenne dich selbst: Dieser Imperativ zierte in der Antike den Apollotempel von Delphi und ist bis heute das Fundament gelingenden Zusammenlebens. Nur wer die Anstrengung unternimmt, die eigenen Träume zu analysieren, kann sich anderen gegenüber angemessen verhalten.

Welchen Traum mussten Sie begraben?

Es gibt natürlich einige Dinge in meinem Leben, die ich gerne geschafft hätte, aber wohl nicht mehr schaffen werde, zum Beispiel Klavier zu spielen oder mehrere Fremdsprachen perfekt zu beherrschen. Aber ich würde von diesen Dingen nicht sagen, dass es sich um Träume handelt, die ich begraben musste. Träume sind grösser. Sie sind das, was uns antreibt, der Motor des Daseins und deshalb von vornherein unerfüllbar. Wenn ich meine Träume verwirklichen könnte, was hielte mich dann noch auf Trab? Woraus ferner folgt, dass ich auch noch keinen Traum begraben habe. Täte ich es, würde ich gleichsam den Stecker ziehen. Ein Traumgrab wäre das Ende.

Model und Schauspielerin Melanie Winiger hat den Dokfilm «#Female Pleasures» produziert. (Bild: Gabriel Hill)

Model und Schauspielerin Melanie Winiger hat den Dokfilm «#Female Pleasures» produziert. (Bild: Gabriel Hill)

Melanie Winiger, in welche Traumwelt ziehen Sie sich zurück?

Eine Traumwelt ist etwas sehr Persönliches meiner Meinung nach und darum möchte ich diese auch nur für mich behalten.

Welchen Sinn hat es zu träumen?

Träumen gibt mir eine positive Haltung dem Leben gegenüber und lässt meine Fantasie nicht sterben.

Speed-Dating mit Denkabschnittspartnern

Wovon dürfen wir träumen und was sollten wir anpacken? Diesen und vielen weiteren Fragen geht das zweite Zürcher Philosophie-Festival mit prominenten Gästen nach. Philosophiert wird vom 17. bis 19. Januar im Kulturhaus Kosmos. Das Programm ist zu finden unter www.philosophiefestival.ch

Da ist der Eröffnungsgast Jonas Lüscher, der seinen Traum vom philosophischen Doktortitel im Silicon Valley begraben musste. Oder die ehemalige Miss Schweiz Melanie Winiger, die den Film «#Female Pleasure» produzierte und mit den Philosophen Stefan Zweifel und Svenja Flasspöhler über freie Liebe diskutiert. Oder der Ethikprofessor und Theologe Markus Huppenbauer, der sich fragt, ob am Ende statt des Paradieses doch nur die Würmer warten. Am Samstagnachmittag heisst es «warum, warum, warum», wenn Moderatorin Barbara Bleisch mit Kindern philosophiert. Auch das Publikum ist gefordert: Beim Speed-Dating können sich Alleinphilosophierende ohne Hintergedanken mit Hirnverwandten und Denkabschnittspartnern treffen. Ein Vorwissen über Philosophie brauche es nicht, sagt Festivalleiter Urs Siegfried.

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