Sie mögen Licht, Wärme und auch Stickstoff: Die giftigen Blaualgen werden durch das aktuell warme Klima begünstigt

Die Seen sind viel sauberer als früher, doch toxische Arten profitieren vom Klimawandel. In Neuenburg wurde der Badespass verdorben. Für Menschen drohen Durchfall und Erbrechen.

Niklaus Salzmann
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Blaualgen sind keine Pflanzen, sondern Bakterien.

Blaualgen sind keine Pflanzen, sondern Bakterien.

Bild: HO

Sechs Hunde tot innert 24 Stunden: So lautet die Bilanz der jüngsten Algenblüte im Neuenburgersee. Ausgerechnet in den heissesten Tagen, wenn es Mensch und Hund zur Abkühlung ins Wasser lockt, fühlen sich auch die Blaualgen, welche giftige Stoffe produzieren können, besonders wohl.

Blaualgen: Sie kommen in Süssgewässern vor

Wo und wann es zur explosionsartigen Vermehrung, der sogenannten Algenblüte kommt, lässt sich bislang aber nicht zuverlässig vorhersagen. So reagierten die Behörden im Kanton Neuenburg erst nach den Todesfällen bei Hunden. Fünf Tage lang blieb das Baden zwischen der Areuse-Mündung und Colombier untersagt, bevor es die Behörden vergangenen Mittwoch wieder zuliessen.

Blaualgen kommen in Süssgewässern immer vor. Sie werden nicht zu den Pflanzen gezählt, sondern zu den Bakterien, genauer zu den Cyanobakterien. Allerdings haben sie einige Eigenschaften mit den Pflanzen gemein. Zum Beispiel enthalten sie denselben grünen Farbstoff, das Chlorophyll, das ihnen zusammen mit einem anderen Farbstoff die typische blaugrüne Farbe verleiht. Die Blaualgen mögen Licht, Wärme und die Nährstoffe Phosphor und Stickstoff, die vor allem aus der Landwirtschaft in die Seen des Mittellandes gelangen.

Behörden mahnen zur Vorsicht – vor allem bei Kindern

Kommt es dann wie Ende Juli im Neuenburgersee zur explosionsartigen Vermehrung, kann es für Hunde gefährlich werden. Die Bakterien sondern verschiedene Giftstoffe ab. Beim Menschen kann es zu Erbrechen und Durchfall sowie Hautreizungen kommen. Am Neuenburgersee hat das stürmische Wetter die Algenblüte beendet, in Wasserproben wurden vergangene Woche keine Giftstoffe mehr festgestellt. Die Behörden raten aber zur Vorsicht mit kleinen Kindern an stehenden Gewässern bei hohen Temperaturen.

Die Lebensbedingungen für Blaualgen haben sich in den vergangenen fünfzig Jahren verändert. In den 1970er-Jahren spülten Abwässer und die Landwirtschaft noch viel mehr Phosphor in die Gewässer. Andererseits ist es heute im Schnitt wärmer, was ihnen wiederum behagt. Das Wasserforschungsinstitut Eawag hat vor drei Jahren in einer Studie festgestellt, dass die Artenvielfalt der Blaualgen abnimmt. Unter den Profiteuren sind viele toxische Arten.

Was hier ab und zu in einem See passiert, ist aber nichts im Vergleich zu dem, was die Vorläufer der Cyanobakterien in der Erdgeschichte einst anrichteten. Sie waren vor rund zweieinhalb Milliarden Jahren die ersten Lebewesen, die im grossen Stil Sauerstoff produzierten. Die Sauerstoffkonzentration in der Atmosphäre nahm massiv zu. Die Folge: ein Massensterben unter den Mikro­organismen. Die Katastrophe machte die Bahn frei für atmende Lebewesen. Allerdings produzieren Cyanobakterien nicht nur Sauerstoff, sondern auch das Treibhausgas Methan.