Das tröstliche Tagebuch eines Einsamen

Auf der dritten Seite meiner Ausgabe von Cesare Paveses Tagebuch «Das Handwerk des Lebens» steht «Juni 1975», auf der ersten Seite findet sich in kaum mehr leserlicher Schrift ein Traum notiert.

Rolf App
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book (Bild: Rolf App)

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Auf der dritten Seite meiner Ausgabe von Cesare Paveses Tagebuch «Das Handwerk des Lebens» steht «Juni 1975», auf der ersten Seite findet sich in kaum mehr leserlicher Schrift ein Traum notiert. Ich hatte damals die Angewohnheit, beim Aufwachen die Träume wahllos in jene Bücher zu schreiben, die gerade auf dem Nachttisch lagen. Kann gut sein, dass das eine ziemlich traumreiche Zeit gewesen ist.

Juni 1975: Da bin ich 23 Jahre alt, Student, und habe meine innigsten Beziehungen zu den Büchern. Cesare Paveses Tagebuch kommt in dieser Lebenssituation gerade recht. 1908 geboren, unternimmt Pavese in den frühen Dreissigerjahren erste literarische Versuche, ist Antifaschist und muss 1935/36 für mehrere Monate nach Kalabrien in die Verbannung. 1945 tritt er der kommunistischen Partei bei. Sein Tagebuch löst bei der KP tiefes Befremden aus.

Veröffentlicht wird es 1952, zwei Jahre nach Cesare Paveses Selbstmord, der in den letzten Eintragungen zum Thema wird. Zwei Jahrzehnte später wird ein Notizbuch auftauchen, in dem er ungehaltene Bemerkungen macht über die Antifaschisten, die «alles wissen, alles besser können und doch nur streiten». Doch ist Politik im «Handwerk des Lebens» kaum ein Thema. Paveses Notizen sind kurz, oft rätselhaft, was mich beim Lesen nie gestört hat. Es ist der Ton, der mich fasziniert. Dieses Verlorene, die Selbstzweifel, die tiefe Einsamkeit.

So hatte ich in meiner eigenen Einsamkeit einen anderen Einsamen gefunden.

Cesare Pavese: Das Handwerk des Lebens. Claassen-Verlag

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