Das Tal der Superlative

Chamonix In den Savoyer Alpen hat nicht nur die Natur Grandioses geschaffen wie den Mont Blanc und seine Gletscherwelt. Auch der Mensch hat technisch Einzigartiges erreicht, beispielsweise die Bahn zur Aiguille du Midi, einem felsigen Vorposten auf 3842 Metern Höhe. Ein Erlebnisbericht aus Anlass ihres 100-Jahr-Jubiläums. Lioba Schneemann

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Atemberaubende Bergwelt: Die Aiguille du Midi im Mont-Blanc-Massiv südlich von Chamonix. (Bild: Lioba Schneemann)

Atemberaubende Bergwelt: Die Aiguille du Midi im Mont-Blanc-Massiv südlich von Chamonix. (Bild: Lioba Schneemann)

Wer in Chamonix reist, will nur eines: In die Höhe! Wir beschliessen, uns etwas langsamer der fremden Welt aus Eis, Schnee und Granit zu nähern. Wir fahren mit einer alten Diesellok nach oben, fünf Kilometer durch Tannenwälder zum ersten Gletscher. Die Bahn Montenvers feiert dieses Jahr ihren 100. Geburtstag. Sie gilt als eine der ältesten Bahnen ihrer Art in Frankreich und wurde von einem Schweizer erbaut.

Dank des Jubiläums können Besucher jeweils am Donnerstagabend mit einem Zug in teilweise offenen Wagen den Bahnhof und das «Grand Hotel» auf 1913 Metern Höhe erreichen.

Schlechter Ruf

Erst nach der letzten Kurve sind wir wirklich im Hochgebirge. Unten liegt der grösste Gletscher Frankreichs mit rund sieben Kilometern Länge und einer Fläche von vierzig Quadratkilometern; er wird umrahmt von den Spitzen der Aiguilles des Charmos und Blaitière.

Im Hintergrund erhebt sich die Grandes Jorasses, die Spitze des 3754 Meter hohen Les Drus thront auf der gegenüberliegenden Seite.

«Eismeer» heisst der schmale Strom aus Eis und Schutt seit dem Jahr 1741, als die Engländer Windham und Pocock als erste den Gletscher begingen. Zu der Zeit glaubten die Einheimischen, dass die Berge Unheil bringen würden.

Wer sich besser in die damalige Lage versetzen möchte, sollte sich alte Karten ansehen, die im Grandhotel Montenvers oder im Alpinen Museum ausgestellt sind: Das Eismeer stiess bis in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins Tal nach Le Bois vor, drohte gar das Arvetal zu versperren. Bis 1873 konnten Touristen eine grosse Eisgrotte besichtigen. Heute, so scheint es wenigstens, ist nur ein kleiner Rest vom Gletscher übrig.

In Rock und Hut

Die Begehung des einst verwunschenen Gletschers war die Geburtsstunde des Alpinismus – und des Bergführerberufs. Bereits 1821 wurde der Verein «Compagnie des guides de Chamoix» gegründet. Die Geschichte des Gletscherabenteuers verbreitete sich vor allem in England wie ein Lauffeuer. Adlige und Reiche aus aller Herren Länder kletterten auf die «Eiswellen» – überall begegnet man Ansichten von Herrschaften in langen Röcken und Hüten, die mit Stöcken und Socken über den Schuhen auf dem Eis herumklettern.

Weiterer Höhepunkt war der Bau des Grand Hotels und Restaurants Montenvers im Jahr 1879.

Auch im Zentrum von Chamonix sollte man möglichst in alten Gemäuern übernachten. Gelungen renoviert wurde 2004 das Grand Hotel des Alpes von 1840, nachdem es rund zehn Jahre leer stand. Im Winter kämen viele russische Gäste, so erzählt die Geschäftsführerin Katia. Hier herrscht, wie auch sonst im Ort, ein internationales Flair, aber ohne protzig zu wirken.

Nach der Erstbesteigung des Mont Blanc durch Paccard und Balmat im August 1786 folgten weitere waghalsige Projekte. Eines, von vornherein zum Scheitern verurteilt, war der Bau eines Observatoriums 1909 direkt auf dem Mont Blanc. In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts hatten zwei ebenso verrückte Projekte jedoch Erfolg: die Seilbahn zur 3842 Meter hohen Aiguille du Midi und die fünf Kilometer lange Kabinenbahn «Panoramic du Mont Blanc» über die Gletscher und das «Weisse Tal» zur Helbronnerspitze.

Stahlkabel heraufgeschleppt

Von der Bergstation Planpraz aus wagen wir uns auf die Aiguille du Midi. In nur zwanzig Minuten gelangen wir mit einer Geschwindigkeit von etwa vierzig Kilometern pro Stunde mit zwei Bahnen auf die Spitze. Weniger beängstigend als befürchtet ist die Fahrt, die an ihrer steilsten Stelle eine Steigung von hundert Prozent aufweisen soll. Wie konnte das damals nur gebaut werden – ohne Helikopter, bei polarem Klima, ohne Transportmöglichkeiten.

So hat beispielsweise eine Karawane von dreissig Bergbewohnern in zwei Tagen das 1,7 Kilometer lange Stahlkabel auf den Gipfel geschleppt…

Leicht wankend und schnaufend begeben wir uns von einer Plattform zur anderen: ein atemberaubendes Panorama. Die Aiguilles von Chamonix reihen sich hinter dem Grat des Midi Plan aneinander, unten vereinen sich die Gletscher. Wir beobachten Bergwanderer, die sich auf die beliebte Hochgebirgstour über das Weisse Tal begeben.

Das Tal kann man ebenso mit den Ski auf zwanzig Kilometern Länge abfahren.

Die Stimme der Natur

Wir wählen lieber die bequeme Variante mit der Gondel, nicht zuletzt, weil der Einstieg der Tour über einen steilen Grat im Schnee führt. Wir haben das Gefühl, als würden wir über den Géant-Gletscher fliegen, immer neue Ausblicke auf die umgebenden Bergriesen tun sich auf.

«Die Seele schwingt sich auf, der Verstand scheint sich zu erweitern, und inmitten dieses majestätischen Schweigens glauben wir, die Stimme der Natur zu vernehmen», schrieb Horace-Bénédict de Saussure, dessen Statue man im Zentrum von Chamonix besichtigen kann. Wie recht er doch hatte!

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