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Es wird heute überschätzt:
Das Seefahrer-Vitamin

Als James Cook vor 250 Jahren zu seiner ersten Weltreise aufbrach, war Skorbut eine Geissel der Seefahrt. Vitamin C war die Lösung – heute ist daraus ein Allzweckmittel geworden.
Heidemarie Pütz (DPA)
James Cooks «Endeavour» erreicht Tahiti am 13. April 1769 (Stahlstich von Carl Mayer, um 1845). (Bild: Keystone)

James Cooks «Endeavour» erreicht Tahiti am 13. April 1769 (Stahlstich von Carl Mayer, um 1845). (Bild: Keystone)

Ob als Serum, als Tablette oder als Kiloware, das Geschäft mit Vitamin C oder Ascorbinsäure brummt. Käufer versprechen sich eine Extraportion Gesundheit, Experten sehen das kritisch. Vitamin C sei ein medizinisch nicht notwendiges Produkt. Die Geschichte des angeblichen Wundermittels ist faszinierend. Sie beginnt mit dem Seefahrer James Cook und der Krankheit Skorbut. Am 26. August 1768 startete er mit der «Endeavour» zu seiner ersten Weltumseglung und kehrte nach erfolgreicher Mission drei Jahre später wieder zurück.

Die Reise sollte auch einen Schutz gegen den damals von Seefahrern gefürchteten Skorbut finden. Skorbut war zu Cooks Zeit ein grosses Thema. Die Krankheit war bis Ende des 18. Jahrhunderts die häufigste Todesursache auf See. Schiffsbesatzungen litten unter Muskelschwund, Zahnfleischfäule, Gelenkentzündungen und Bindegewebsschwäche. Viele Menschen starben an Herzmuskelschwäche. Dass ihnen das lebenswichtige Vitamin C fehlte, war damals unbekannt.

Mit Malzextrakt scheinbar gegen Skorbut

Als Cook in See stach, nahm er im Auftrag der Admiralität unterschiedliche Lebensmittel mit, um an Bord ihre Wirkung gegen Skorbut zu testen. Darunter waren Sauerkraut, eingekochter Zitronen- und Orangensaft sowie Biervorstufen wie Malzextrakt und Stammwürze. Das Resultat: Von Cooks Mannschaft erkrankte niemand an Skorbut. Bei einer dreijährigen Fahrt glich das einem Wunder. Cook und sein Schiffsarzt William Perry priesen danach Malzextrakt als bestes Skorbutmittel. Erst Ende des 18. Jahrhunderts klärten die Schiffsärzte Robert Robertson und Gilbert Blane auf, was wirklich half: frischer Zitronensaft. Ab 1795 waren Zitrusfrüchte Pflicht an Bord.

Mehr als 100 Jahre dauerte es dann, bis im Zuge der aufkommenden Vitaminforschung der entscheidende Wirkstoff bekannt wurde. 1933 gelang dem Schweizer Tadeus Reichstein die chemische Synthese aus Traubenzucker. Er verkaufte sein Patent an das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche. Es war der Beginn einer erfolgreichen Marketingstrategie, die Nachfrage für ein medizinisch nicht notwendiges Produkt schuf.

Hoffnung auf ein besseres Leben

«Am Anfang hat man medizinisch keinen Bedarf gesehen, dann wurde es zu so einem Blockbuster», erklärt Beat Bächi vom Institut für Medizingeschichte der Universität Bern. «Es ging dar­um, individuelle Leistung zu puschen. Krank war man schon, wenn man nicht seine volle Leistungsstärke hatte.» Der Konsum von Ascorbinsäure wurde Allgemeingut. Die frühere Angst vor Skorbut wich nun der Hoffnung auf ein besseres Leben. Inzwischen gibt es kaum ein industriell hergestelltes Lebensmittel ohne den Zusatzstoff E 300. Dahinter verbirgt sich Ascorbinsäure. Sie steckt etwa in Wurst, Brot, Joghurts und sogar in Sauerkraut. Als Oxidationshemmer soll sie die Haltbarkeit verlängern und die Farbe erhalten.

Eine Orange oder eine halbe rote Paprika genügt

Vitaminpräparate boomen bis heute. Viele Experten halten die Einnahme jedoch für sinnlos. Sie plädieren für eine Ernährung mit wenig Fleisch, aber viel Obst und Gemüse. Künstliches Vitamin C wird schnell ausgeschieden. Der Körper nimmt nur so viel auf, wie er braucht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sieht als ausreichende Tagesmenge 110 Milligramm bei Männern und 95 bei Frauen. Dafür reicht etwa eine halbe rote Paprika oder eine Orange.

Seit Cooks Suche vor 250 Jahren nach dem antiskorbutischen Stoff hat sich viel getan. Bekannt ist nun, dass schon 10 Milligramm Vitamin C pro Tag Skorbut verhindern können. Wie der Stoff aber im Körper genau wirkt, haben Forscher noch nicht endgültig entschlüsselt. Die Entdeckungsreise geht weiter.

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