Das Schönste? «Dass es immer no schneit»

Das beste Liebeslied? Ein möglicher «Experte» für diese unmögliche Frage ist Roman Riklin. Er hat für sein Musical «Ewigi Liebi» 42 Schweizer Mundart-Liebeslieder ausgewählt. Persönlich bevorzugt er Lieder über zerbrochene Liebe(n).

Marcel Elsener
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Das Liebeslied in Musical-Aktion: Heidi und Daneli in «Ewigi Liebi». (Bild: vasistas.ch/Christian Knecht)

Das Liebeslied in Musical-Aktion: Heidi und Daneli in «Ewigi Liebi». (Bild: vasistas.ch/Christian Knecht)

«Endless Love», die Pop-Schnulze von Lionel Richie und Diana Ross, besagt es: Die Liebe und also die Liebe als Musikstoff ist endlos, uferlos, unübersichtlich. Und subjektiv bis in die intimsten Kämmerchen unser aller – sieben Milliarden Weltbewohnerinnen und Weltbewohner – Herzen hinein. Das allerschönste von Abertausenden Liebesliedern? Eine unmögliche Frage.

Oh my darling, frag mich nicht! Was summt gleich im Ohr, an wen denken wir? Tina oder Abba, John Lennon oder Bob Dylan? Oder ein Herzensfavorit wie David Gedge («The Wedding Present»), vielleicht ein Schweizer Outsider wie GUZ («Bettina, ich wollt, ich wär tot…»)? Dann versuchen wir es verkehrt herum: Wer singt nie über Liebe? John Lydon, früher Rotten, von dem «This Is Not A Love Song» stammt?

Mash vor Houston und Adams

Unmöglich. Doch bevor wir hier aufgeben, bevor wir angefangen haben, konzentrieren wir uns aufs Inland. Und werden fündig: In einer Umfrage von Radio DRS, das tatsächlich fragte: «Welches ist das schönste Liebeslied?», landete «Ewigi Liebi» von Mash (35 Prozent aller Stimmen) klar vor Whitney Houstons «I Will Always Love You» und Bryan Adams' «Everything I Do» (beide 18 Prozent).

«Da kapituliert man, das hört nicht auf», sagt einer, der es wissen muss: Roman Riklin, St. Galler Komponist, Musiker (Heinz de Specht, Jagdkapelle), Autor und musikalischer Leiter des Erfolgsmusicals «Ewigi Liebi». Gut 50 Prozent aller Pop-Songs handelten von Liebe, sagt Riklin und kann es, jedenfalls in der Schweiz, belegen: Er hörte sich durch 250 Mundartlieder, stets auf der Suche nach dem Hit.

«Weil mehr als die Hälfte Liebeslieder waren, hatte ich zwangsläufig den Musicalstoff gefunden: Es musste Liebe sein, und das gleich mit einem doppelten Paar.» Riklin schrieb die Story aufgrund der passenden Lieder, von denen längere Passagen oder nur Schlüsselzeilen anklingen. Einschlägige Lieder wie Florian Asts «Engel» und «Sex», Polo Hofers «Giggerig», Baschis «Gib mer e Chance», Göläs «Keine Träne meh» und so weiter, man kennt sie alle (ob man will oder nicht).

Das Wunder der Naivität

Von 42 verwendeten Songs pickt Riklin die vier berühmtesten heraus, an erster Stelle das titelgebende «Ewigi Liebi», das Lied, «bei dem die Schweiz schmilzt» («Blick»). Für Riklin «fast ein Wunder von einem Lied, in seiner unglaublichen Naivität». Als Profi habe man das Gefühl, dass «hier kein Musiker und kein Texter am Werk gewesen» seien; dermassen «mittelmässig, holprig und abgelutscht» höre sich das an, «null Poesie». Doch treffe es «die Emotionen der Leute – das ist doch das Faszinierende der Popmusik».

Ähnlich «nervt und fasziniert» Riklin «Träne» von Florian Ast/Francine Jordi, die moderne Schlagerversion eines Volkslieds («Stets i truure»). Doch sei hier zumindest «interessantes Songwriting» auszumachen – der Refrain wiederholt die Strophe, nur eine Quarte höher. Kommentarlos schiebt Riklin zwei Mundart-Überhits nach: Polo Hofers «Alperose» und Züri Wests «I schänke dir mis Härz», letzteres «im weitesten Sinn ein Liebeslied», weil Lauener ja, auweia, eine Hure besinge.

Dreimal Züri West

Überhaupt Kuno Lauener, er hat nach Meinung Riklins die besten hiesigen Liebeslieder geschrieben. Unter seinen persönlichen «Top Five» figurieren gleich drei Kuno-Songs auf den ersten Plätzen, allen voran «Dass es immer no schneit» (auf dem Züri-West-Début «Sport und Musik»), mit seiner «starken Stimmung» und dem «unwirklichen Moment» des Morgens nach dem Abend des Abschiedsbriefs.

Wenn der Erzähler (Kuno) nicht wisse, «ob's regnet oder schneit», den zerfetzten Brief wieder zusammensetze oder darauf warte, dass sie die «Platten zurückbringt» (live wahlweise die Tochter), «passiert extrem viel».

Platz zwei «Iverabschiedemiau», emotional die Musik, abgeklärt der Text mit dem entscheidenden Wörtchen «mol», das die Belanglosigkeit einer überstrapazierten Beziehung auf den Punkt bringe. «Es gibt niemanden, der das in der Schweiz schöner trifft.

» Schliesslich Riklins dritter Favorit, «Redt si no vo mir?», das sich an den neuen Lover der Ex-Freundin richtet, auch dies typisch Kuno.

Dreimal Züri West – und erst dann Patent Ochsner mit «Niemer im Nüt» und «Scharlachrot». Mit Ausnahme des letzten Songs handelt es sich um traurige Songs, die von zerbrechlicher oder bereits zerbrochener Liebe erzählen.

«Da geschieht viel mehr», sagt Riklin, «fröhliche Happy-lala-Liebeslieder interessieren mich fast nie.» Die aber seien wohl «noch schwieriger» zu schreiben. Oder entstünden bestenfalls als «naives Zufallsprodukt». Fast wie die echte Liebe.

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