Das Psychogramm der Eigenheiten funkelt

Vergnügtes Glucksen und verständnisinnige Blicke haben am Vorarlberger Landestheater in Bregenz die flotte Premiere von Yasmina Rezas Erfolgsstück «Drei Mal Leben» begleitet.

Christel Voith
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«Dieser Abend läuft etwas aus dem Ruder», stellt Henri lakonisch fest. Henri ist Astrophysiker, seine Frau Wirtschaftsanwältin. Er hat Labordirektor Hubert Finidori zum Abendessen eingeladen, weil der ihm die Karriereleiter hinaufhelfen könnte. Finidori kommt mit Frau In?s aber einen Abend früher als erwartet. Nichts ist vorbereitet und das sechsjährige Kind plärrt, will nicht schlafen: «Er will einen Keks…»

Versuchsanordnung

Wie werden die vier Beteiligten reagieren? Wie selbstsicher sind sie? Wie schnell beeinflussbar, wie emotional? Wie gehen sie mit dem Kind, mit dem Partner, dem Gegenüber, mit Überraschungen, mit unerwarteten Tiefschlägen um? Reagieren sie souverän und locker oder flippen sie gleich aus? Wie weit gehen sie bei steigendem Alkoholpegel?

Yasmina Reza spielt in einer Art Versuchsanordnung drei mögliche Varianten durch, Caroline Starks drehbares Designer-Bühnenbild spielt bestens mit. Und das Quartett auf der Bühne zeigt sich ebenfalls in Spiellaune.

Unter Karin Epplers Regie kippen Artigkeiten rasch, machen Aggressionen Platz. Das Kind nervt, der Kollege ist ein selbstgefälliges Ekel, Henris Ruin scheint sicher. Dennoch ein Spiel voller Überraschungen. Da werden aus Sammetpfoten Tigerkrallen, aus Unterdrückten Unterdrücker. Das Psychogramm der Eigenheiten und Verhaltensmuster funkelt und mit ihm die geschliffenen Dialoge.

Genüsslich leiden

Nuancenreich verschieben sich die Charaktere: Da folgt ein souveräner, fast heiterer Henri einem in Selbstmitleid badenden Loser-Typen (Mario Plaz), eine humorvolle Sonja einer prinzipienstrengen (Marion Freundorfer). Hübsch, wie die Frau des Hauses jeweils auf die sexuellen Attacken des gar nicht so feinen Hubert (Burghard Braun) reagiert. Genüsslich demütigt dieser seine Umgebung, auch seine verunsicherte Frau In?s (Kathrin Schwaderer), bis diese unerbittlich zurückschlägt. Yasmina Reza hat ihr Komödienpersonal genau studiert – kaum einer, der sich nicht in einer Variante wiedererkennen wird.

Weitere Aufführungen am 20., 21. Mai sowie 7., 8., 19. und 20. Juni.

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