Das Problem ist wohlbekannt

Die Schweizer Orthographische Konferenz SOK bilanziert den Stand der Rechtschreibe-Unordnung und kritisiert den Schülerduden.

Peter Surber
Merken
Drucken
Teilen

«Rechtschreibung» gibt es nur noch im Plural – dies machte die Frühjahrstagung der Schweizer Orthographischen Konferenz SOK vorgestern in Zürich deutlich. Der Gossauer Gymnasiallehrer und Reformkritiker Stefan Stirnemann erinnerte in seinem Bericht zur «Lage der Rechtschreibungen» an die wichtigsten Mängel der 1996 eingeführten Reform, namentlich auf dem Gebiet der Grossschreibung und der Getrennt- oder Zusammenschreibung. Das inzwischen wohlbekannte Musterbeispiel: «wohlbekannt» oder «wohl bekannt» sind zweierlei.

Lehrmittel mit Fehlern

Zwar haben die in der SOK organisierten Reformgegner, darunter zahlreiche Medien wie auch unsere Zeitung oder die Nachrichtenagentur sda, in den letzten Jahren ein eigenes Regelwerk entwickelt, das den Anforderungen an Schreibsicherheit, inhaltliche Differenzierung und Respekt vor dem «Sprachgefühl» (Stirnemann) Rechnung trägt und im Zweifelsfall der früheren Orthographie den Vorzug gibt: «bei Varianten die herkömmliche». Und die Schweiz erhielt dafür in Zürich denn auch Applaus von Gästen aus Deutschland und Österreich.

In Schulen und Verwaltungen gilt jedoch die neue Rechtschreibung, und namentlich in der Bundeskanzlei und bei den Erziehungsdirektoren beisse man mit Verbesserungsvorschlägen «auf Berner Granit», erklärte SOK-Aushängeschild und Nationalrat Filippo Leutenegger.

Gravierend sei die Lage in den Schulen, wie mehrere Redner hervorhoben: Seit August 2009 gilt fehlerwirksam die neue Rechtschreibung nach den Vorgaben des Schülerdudens.

Dieser weise jedoch in vielen Fällen genau jene Varianten als nicht korrekt aus, die inzwischen selbst vom Rat für Rechtschreibung wieder für zulässig erklärt worden sind.

Auf die Seite der Reformkritiker stellten sich Autoren: Nicole Pfister Fetz vom Schweizer Autorenverband AdS und der österreichische Schriftsteller Ludwig Laher, der auch im Rat für Rechtschreibung sitzt, betonten die Wichtigkeit einer literarisch statt bürokratisch legitimierten Orthographie.

Die Verunsicherung bleibt

Allerdings: Viele Schülerinnen und Schüler kämpften heute mit Schreibproblemen auf elementarster Ebene; im Vergleich dazu diskutierten die Reformkritiker auf Champions-League-Niveau. Dennoch sei Widerstand wichtig, sagte der Basler Linguist Rudolf Wachter: «Eine Orthographie muss unauffällig sein – nur dann taugt sie etwas.» Das Schlimmste sei das Unsicherheitsgefühl beim Schreiben – und dieses ist, wie SOK-Mitglied Gottlieb F.

Höpli hervorhob, zeitgleich mit der Orthographiereform durch die schnellen, häufig im Dialekt geschriebenen SMS- und Mailtexte noch labiler geworden.

Doch genau von solcher Schreibsicherheit ist man auch 2010 weit entfernt.