Sprache und Gesichtsausdruck
Das Nein-Gesicht ist allen Menschen gemeinsam – und so sieht es aus

Was haben alle Menschen gemeinsam? Eine grosse Frage - für die es Antworten gibt, aber bei vielen ist man doch nicht so sicher. Sprache gehört wohl dazu. Aber eines ist ganz sicher: Wir machen alle das gleiche Gesicht, wenn wir «nein» oder «nicht» denken.

christoph bopp
Drucken
So sieht es aus, wenn die Menschen «Nein» oder «Nicht» denken.

So sieht es aus, wenn die Menschen «Nein» oder «Nicht» denken.

Ohio State University/Keystone

Forscher der Universität von Columbus, Ohio, haben festgestellt, dass negative Gefühle bei Menschen ganz verschiedener Kulturen von einem ähnlichen Gesichtsausdruck begleitet werden. Gerunzelte Stirn mit einer Rinne oberhalb der Nase, zusammengepresste Lippen und ein vorgerecktes Kinn signalisieren offenbar: "Nicht einverstanden".

Negative Gefühle auszudrücken ist älter als das menschliche Sprachvermögen. Das hatte bereits der grosse Charles Darwin festgestellt, als er 1872 sein Buch "Über den Ausdruck der Gemütsbewegung bei dem Menschen und den Tieren" publizierte.

Charles Darwins (zweit-)wichtigstes Buch: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren (1872) Ungebrochene Bewunderung für Darwin

Charles Darwins (zweit-)wichtigstes Buch: Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren (1872) Ungebrochene Bewunderung für Darwin

Keystone

Es macht nicht gerade glücklich, aber die wirklich grundlegendste Bedingung, dass soziales Zusammenleben unter Menschen funktioniert, ist die Möglichkeit, anderen zu signalisieren, dass wir etwas nicht mögen. Vorsprachlich löst man das Problem durch Kommunikation per Gesichtsausdruck.

"Mach nicht so ein Gesicht!" - wir machen dauernd Gesichter und drücken damit auch etwas aus. Denn - wie der grosse Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick gesagt hat: "Man kann nicht nicht kommunizieren."

Welche Muskelbewegungen drücken "happily disgusted" aus?

Professor Aleix Martinez, Psychologe und Informatiker, und sein Team von der Ohio University, haben 21 verschiedene Gesichtsausdrücke unterschieden. Und mit Algorithmen versucht die Kontraktionen der Gesichtsmuskeln abzubilden, welche bestimmte Gefühle hervorrufen. Darunter auch so komplexe wie "happily disgusted" (glücklich geekelt), dieser Gesichtsausdruck soll sich einstellen, wenn etwas Widerliches in einem sonst angenehmen Umfeld passiert. Das Beispiel: Wenn ein an sich herziges Baby in seine Windel macht.

Das "Nein-Gesicht", das "nicht einverstanden" ausdrückt, wäre dann aus diesen drei Basis-Gesichtsausdrücken zusammengesetzt: Zorn (Stirnrunzeln), Ekel (vorgerecktes Kinn) und Verachtung (zusammengepresste Lippen).

Vorerst war das eine Hypothese. 158 Studenten - mit verschiedenen Muttersprachen (Englisch, Spanisch, Mandarin, dazu die Zeichensprache ASL- American Sign Language) - mussten sich frontal vor eine digitale Kamera hinsetzen. Dann führten sie eine Konversation in ihrer Muttersprache und wurden dabei gefilmt.

"Nein" ist "Nein" - oder doch nicht?

Als Vergleichsbasis diente der grammatikalische Marker für Negation ("not" im Englischen, "nicht" im Deutschen etc.). Ein solcher Marker verändert den Sinn eines Satzes. (Beispiel: Ich gehe zur Party - Ich gehe nicht zur Party). In allen Sprachen gibt es sprachliche Gebilde (Silben, kurze Wörter etc.), welche Sätze verneinen. Wenn dieser grammatikalische Marker nun wirklich universal ist, sagten sich die Forscher, dann müsste sich bei allen Probanden auch ein ähnlicher Gesichtsausdruck einstellen. Die Studenten auf dem Stuhl mussten auswendig gelernte verneinte Sätze aufsagen oder man provozierte von ihnen Antworten wie "Das glaube ich nicht" oder "Finde ich nicht so eine gute Idee" oder "Das sollte man nicht tun".

Das universale Nein-Gesicht

Das universale Nein-Gesicht

Ohio State University/Keystone

Die Gesichtsausdrücke wurden nun - Frame für Frame - analysiert und die Computer-Algorithmen suchten nach gemeinsamen Mustern in den Muskelkontraktionen. Was sich einstellte, war genau das "Nein-Gesicht", die Zusammensetzung aus Wut, Ekel und Verachtung.

Das universale Nein-Gesicht: Zusammengesetzt aus Wut, Ekel und Verachtung.

Das universale Nein-Gesicht: Zusammengesetzt aus Wut, Ekel und Verachtung.

Ohio State University/Keystone

Wie steht es nun mit dem Zusammenhang mit Sprache? Menschliches Sprechen produziert drei bis acht Silben pro Sekunde oder "schwingt" mit 3 bis 8 Hz. Die Computer analysierten auch das Tempo, in dem die Gesichtsmuskulatur arbeitete. Englische Sprecher produzierten das "Nein-Gesicht" mit ungefähr 4,3 Hz, spanische mit 5.23 Hz, Mandarin bei 7,49 Hz. ASL produzierte eine Frequenz von 5,48 - alle im Bereich der gesprochenen menschlichen Kommunikation (3 bis 8 Hz).

Die Folgerung, dass das "Nein-Gesicht" wirklich den "grammatikalischen Marker" ausdrückt, ist naheliegend.

Das Forscherteam versucht nun, weitere Gesichtsausdrücke mit grammatikalischen Markern zu verbinden. Das ist nicht so einfach, nicht alle Gefühle drücken sich so unverblümt aus wie das "Nein-Gesicht". Vor allem positive, bejahende nicht.

Die Studie wurde in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Cognition" veröffentlicht.