200 Jahre Karl Marx
Das Leben von Karl Marx: Kapitel 5 – Die Ökonomie

Das war der eine Denkfehler, den man Marx vorwerfen kann. Er führte dazu, dass konkrete Visionen fehlten, was nach einer Revolution passieren würde. Es gab eben historisch auch gar nie eine wirkliche proletarische Revolution, wie Marx sie dachte.

christoph bopp
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Revolutionäre Denker: Karl Marx (links) und Friedrich Engels.

Revolutionäre Denker: Karl Marx (links) und Friedrich Engels.

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In Russland gab es nur ein marginales Industrieproletariat und später in China gar keines. Da war eben auch nichts da wie ein proletarisches Bewusstsein. Und man ersetzte – etwas phantasielos – die kapitalistische Marktordnung durch eine zentral gesteuerte Planwirtschaft. Das sah immerhin mehr nach „Vergemeinschaftung“ aus als die Logik des Marktes.

Der andere Punkt betraf den Zeitpunkt der Revolution. Eine Gesellschaft musste „reif“ sein für diese Umwälzung der Verhältnisse. Hier argumentiert Marx nicht ganz eindeutig. Die „revolutionäre Situation“ sah er durch mehrere Dinge charakterisiert, die nicht alle miteinander kompatibel sind. Wenn sich das Elend immer mehr verschlimmern würde, dann würde das Proletariat die Lage irgendwann nicht mehr aushalten und zur Revolution schreiten. Das war die subjektive Seite.

Marx skizzierte auch eine objektive. Die Bewegung des Kapitals, so argumentierte er, ist krisenhaft. Der Prozess der Kapital-Akkumulation verläuft nicht stetig nach oben, sondern macht Sprünge, oft kommt es auch zu Abstürzen. Irgendwann wird sich das System selbst an die Wand gefahren haben. Oder die Leute könnten zur Einsicht kommen, dass die Produktionsverhältnisse so weit entwickelt sind, dass alles, was wir brauchen, in ganz kurzer Zeit und fast völlig automatisch produziert werden kann.

Dann haben die geschichtlichen Kräfte die Produktionsverhältnisse „gesprengt“, sagte Marx. Es macht schlicht keinen Sinn mehr, sich stundenlang unnötig abzurackern, nur damit das Kapital Profit generiert und dem Kapitalisten den Eindruck beschert, er habe sinnvoll investiert.

Um diese objektive Seite, die man gern auch „die wissenschaftliche“ nennt, hat Marx bis zu seinem Tod gerungen. Man sieht es den Texten manchmal auch an. Er schaffte es mit Ach und Krach, den ersten Band des „Kapitals“, der noch lange philosophisch unterfütterte Abschnitte enthält, fertig zu stellen. (Band 2 und 3 wurden nach seinem Tod von seiner Tochter Tussy und Engels aus dem Nachlass zusammengestellt.)

Die gängigen „Ökonomen“ hatten ziemlich simple Modelle. Das liberale Marktmodell setzte auf den Angebot-Nachfrage-Mechanismus. Auf den Märkten würden alle Dinge nach ihrem Wert getauscht. Und wertvoll waren Dinge, die begehrt und knapp waren. Die erzielten hohe Preise. Wenn etwas in Fülle vorhanden war, sanken die Preise.

In der Theorie würde dieser Mechanismus dafür sorgen, dass die Märkte jederzeit „leer geräumt“ würden. Auch die Arbeitskraft ist ein Gut, das auf dem Markt gehandelt wird. Wenn zu viel da ist, sinken die Preise (das heisst hier: die Löhne). Im Klartext heisst das: Arbeitslosigkeit entsteht, wenn die Löhne zu hoch sind. Und Arbeitslosigkeit verschwindet, wenn die Löhne sinken.

Marx sah das differenzierter. Der Markt, wo einfach getauscht wird, unbesehen, was es ist, diese Idee gefiel ihm nicht. Er operierte mit Werten, die nicht mathematisch aus dieser Markt-Logik abgeleitet werden konnten. Denn es ging ja darum, den Menschen in der Wirtschaft zu verorten, wie ihn die Philosophie sah. Nicht einfach nur als Lieferant von Arbeitskraft oder als Konsumenten. Arbeit hat auch einen Wert, der nicht nur von der Nachfrage der Kapitalisten abhängt.

Und im kapitalistischen Produktionsprozess werden auch nicht einfach Güter hergestellt, denen der Markt dann ein Preisschild anklebt. Sondern „Waren“, die zwar am Schluss zu einem bestimmten Preis verkauft werden müssen, aber in denen mehr steckt als nur die Resultante aus Angebot und Nachfrage. In die Warenform fliessen alle möglichen Dinge ein, die dann nicht mehr sichtbar sind. Zum Beispiel die Arbeitszeit, die zur Produktion verbraucht wird, aber auch das in Maschinen und Gebäude investierte Kapital.

Die Frage stellte sich auch: Woher kommt der Profit, ohne den im Kapitalismus nichts läuft? Die Antwort von Marx lautete: Der Kapitalist zahlt den Arbeitern einen Lohn, der dem Wert ihrer Arbeitskraft entspricht. Der Wert der Arbeitskraft muss so hoch sein, dass der Arbeiter mit seinem Lohn sich selbst und seine Familie erhalten kann. Nun produziert aber der Arbeiter in der Zeit, für die er seinen Lohn erhält, Güter, die mehr wert sind als sein Lohn.

Und das nennt Marx den Mehrwert, den sich der Kapitalist aneignet. Die Ausbeutung der Arbeitskraft ist die Quelle des Profits. Die Geschichte ist hier sehr vereinfacht. Marx macht es sich nicht einfach und wühlt sich durch einen Begriffsdschungel, den er selbst hat wachsen lassen, in dem sich der Leser aber leicht verliert. Aber dies ist der Kerngedanke.

Darauf baut auch seine Krisentheorie. Entscheidend bei Investitionsüberlegungen ist für den Kapitalisten das Verhältnis zwischen Löhnen (Marx nennt diesen Anteil „das variable Kapital“) und Investitionen in Maschinen („das fixe Kapital“). Wird das Verhältnis ungünstig, wird der Kapitalist danach trachten, Arbeitskraft durch Maschinen zu ersetzen.

Denkt man das konsequent durch, wird die Einsicht überfällig, dass die „Profitrate“ (das Verhältnis zwischen variablem und fixem Kapital in der Veränderung) tendenziell sinken wird. Der Akkumulationsprozess des Kapitals wird sich deshalb verlangsamen und vielleicht einmal still stehen.

Natürlich wird der Kapitalismus danach trachten, diesen Zeitpunkt so weit wie möglich von sich weg zu schieben: durch das Tiefhalten der Löhne (oder die Produktion dorthin zu verlagern, wo das Lohnniveau tief ist), durch Ausweitung der Märkte (beides nennt man heute „Globalisierung“), durch noch mehr Ausbeutung der Natur, durch neue Produkte, neue Bedürfnisse etc. Aber irgendwann, so glaubte Marx, wird es so weit sein.

Hier gelangen Sie zu den weiteren Kapiteln:

Einführung – BiographieKapitel 1 – PhilosophieKapitel 2 – GeschichteKapitel 3 – Der Kapitalist und der ArbeiterKapitel 4 – Der SozialismusKapitel 6 – Und heute?

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