200 Jahre Karl Marx
Das Leben von Karl Marx: Kapitel 4 – Der Sozialismus

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das hatte die Französische Revolution versprochen. Freiheit hatte sich zu einem gewissen Grad eingestellt. Gleichheit wurde wenigstens ansatzweise vor dem Gesetz durchgesetzt. Wie steht es mit der Brüderlichkeit?

christoph bopp
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Karl Marx in Stein gemeisselt.

Karl Marx in Stein gemeisselt.

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Heute kommt uns der Begriff recht inhaltslos vor. Damals war er es nicht. Wenn der Mensch sein Leben produzieren muss, tut er das nicht allein. Die Menschen schliessen sich zu einer Gesellschaft zusammen und reproduzieren sich gemeinsam. Dieses gemeinschaftliche Produzieren soll die Bedürfnisse aller Menschen befriedigen.

Jeder weiss, was es heisst, wenn man unter irgendeinem Mangel leidet. Und es wird sein Bestreben sein, einen solchen Mangel in der ganzen Gesellschaft zu vermeiden. Das ist der soziale Gedanke. Dass die Gesellschaft dafür sorgt, dass ihre Mitglieder nicht unnötig leiden müssen.

Abstrakt betrachtet ist die soziale Gesellschaft eine Gemeinschaft, in der die Mitglieder „für einander“ arbeiten. Sie müssen nicht gezwungen werden, denn sie wissen, wie sich Mangel anfühlt, auch wenn sie ihn nicht selber leiden. Der Sozialismus wäre dann eine Gesellschaft des „Füreinander“. Oder wie die Sozialisten (Marx war auch einer) das nannten: eine freie Assoziation freier Produzenten.

Die Revolution hatte die Menschen zwar befreit, aber gleichzeitig waren auch „soziale Bande“ verschwunden. Die horizontale Schichtung der monarchischen Feudalgesellschaft wurde aufgebrochen. Das schuf Chancen für sozialen Aufstieg. Künstler konnten Karriere machen, ohne von Mäzenen abhängig zu sein (zugegeben: längst nicht alle, aber immerhin).

Aber die Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft war eine „individuelle Freiheit“. Sie trennte die Menschen auch. Denn sie setzte ihn in die Konkurrenz. Auf dem Markt setzte sich jeweils der Beste durch. Die Freiheit war eine des „Miteinander“ (im besten Fall; manchmal gar eher des „Gegeneinander“).

Anstatt dass die Menschen in „freier Assoziation“ ihr Leben produzierten, mussten sie sich in Fabriken abrackern und unwürdige Lebensverhältnisse in Kauf nehmen. Da war nichts zu spüren von Freiheit, sondern es herrschte ziemlich brutaler Zwang. Schuld daran waren die Produktionsverhältnisse, welche das Kapital geschaffen hatte. Die Produktionsmittel gehörten einer privilegierten Schicht, diese diktierte dem Rest, wie er zu leben hatte.

Für Marx (und auch einige andere Sozialisten) war der Fall klar: Das Proletariat muss sich befreien. Das heisst in erster Linie: die Produktionsmittel vergemeinschaften. Die Produktion gesellschaftlich organisieren. Das Proletariat hat nichts zu verlieren als seine Ketten. Aber viel zu gewinnen. Die bürgerliche Revolution hatte es nicht geschafft, Freiheit und Brüderlichkeit zu vereinen.

Die (bürgerliche) Freiheit hatte die Gesellschaft gespalten. Wenn sich die Arbeiter-Proletarier darauf besinnen, wie man die Menschheitsaufgabe der Arbeit interpretieren muss, gibt es gar keine andere Möglichkeit, als dass sich die „richtigen“ Verhältnisse einstellen. Dass eben alle „für einander“ produzieren und nicht ziemlich viele für ein paar wenige. Die Proletarier machen eine Revolution und das kann nur eine sein, die zum Sozialismus führt.

Das war ein Fehler im Denken von Marx. Er ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, wie fasziniert Marx von der Produktion war. Er blendete eine ganze Menge anderer Dinge aus. Er glaubte, er können sie ausblenden, weil die Verhältnisse, unter denen die Menschen ihr Leben produzierten, entscheidend seien. Und wenn die aktuellen Verhältnisse, welche verhindern, dass „die richtigen“ herrschen, umgewälzt oder abgeschafft sind, dann wird es gut kommen.

Der Philosophie von Marx kann man vorwerfen, dass sie einen auf die Produktion verengten Blick hat auf die Gesellschaft und dass er nur in dialektischen Kategorien der Revolution denkt. Wie Marx die Demokratie sieht, ist eine sehr komplexe Frage. Das Proletariat muss sich einfach der politischen Macht bemächtigen, dann wird der Sozialismus einkehren.

Dass man die Verhältnisse auch politisch ändern könnte, dass sich die Proletarier politisch Gehör verschaffen könnten und so auf die Veränderung der Verhältnisse hinarbeiten könnten, fand er nicht so eine gute Idee. Hier war ihm der Klassenkampf-Gedanke im Weg. Das war „Revisionismus“ und wurde dann von den Marxisten behandelt wie religiöse Ketzerei. Das deutete sich bereits zu Marx‘ Lebzeiten an. Richtig zur Orthodoxie wurde der Marxismus dann aber erst nach dem Tod von Marx.

Hier gelangen Sie zu den weiteren Kapiteln:

Einführung – BiographieKapitel 1 – PhilosophieKapitel 2 – GeschichteKapitel 3 – Der Kapitalist und der ArbeiterKapitel 5 – Die ÖkonomieKapitel 6 – Und heute?

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