Das höhere Gleichgewicht

Das sinfonische Ensemble aus Luzerns Partnerstadt Chicago bot zwei aufregende Abende, formidabel durchgestaltet in mächtigen Klangeruptionen.

Mario Gerteis
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Eigentlich befindet sich das Chicago Symphony Orchestra in einem Intermezzo: der letzte Chefdirigent (Daniel Barenboim) hat 2006 aufgehört, der nächste (Riccardo Muti) kommt erst 2010. Und so hat sich der inzwischen 79jährige Bernard Haitink bereit erklärt, in der Zwischenphase als «principal conductor» einzuspringen. Eine Kombination, die auf bestechende Art klappt.

Die 6. Sinfonie von Gustav Mahler und die 4. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch sind grossorchestrale Kolosse, die nicht zuletzt von der Befindlichkeit ihrer Verfasser zeugen. Es ist eine bedrohte, ja zerbrechende Welt, die in immer neuen und manchmal gewalttätigen Anläufen beschworen wird. Bei Mahler mag solcher Pessimismus eher im psychologischen Bereich gelegen haben, bei Schostakowitsch auch im Politischen. Seine Vierte ist ein (tönendes) Zeitbild, wie es erschütternder kaum zu denken ist: Mündet Mahlers Sinfonie in zerstörerische Hammerschläge, so verliert sich Schostakowitschs Werk im gespenstischen Nichts – ein finsteres Grabdenkmal, so hat es der Komponist selber umschrieben.

Werke, die von den Interpreten Ungeheuerliches verlangen, zugleich Engagement und Distanz, Identifikation und Abwehr. Haitink mit seiner langen Karriere besitzt diese Fähigkeiten. Es gilt, das Disparate in Mahlers wie in Schostakowitschs Musik zu wahren und doch den Ablauf nicht auseinanderzureissen. Brüsk brechen fremde Sphären in scheinbar geordnete Strukturen ein, Aufschwung und Verzweiflung liegen nahe beieinander, immer wieder suchen Märsche das Vorwärtsdrängende und münden handkehrum in lastendem Trauerrhythmus. Auskomponierte Zerrissenheit, welcher Mahler durch exterrestrische Entrücktheit (im Andante), Schostakowitsch durch wahnwitzige Fugati oder groteske Überspitzung zu entgehen sucht.

Unterstützt von einem Top-Orchester in Hochform, ist es Haitink gelungen, das Ausufernde und gelegentlich Weitschweifige dieser Sinfonien als höheren architektonischen Bauplan zu fassen. Solch reichhaltige Gefühlswelten, mit wuchernder Phantasie ausgebreitet, brauchen die Vermittler, die – im Detail wie im Ganzen – das Zwingende, ja Unausweichliche der tönenden Botschaft hörbar machen. Vermittler, die, so paradox es scheinen mag, zerrissene Welten in ein höheres Gleichgewicht bringen.