Ob Barcelona oder Aarau: Nach krachenden Niederlagen hilft nur der Anruf beim Psychologen

Der Sieg schien klar, dann die krachende Niederlage. Nach einer krassen Wende wie jener im Spiel Barcelona gegen Liverpool oder FC Aarau gegen Xamax hilft nur noch eines: der Anruf beim Psychologen.

Sabine Kuster
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Das Drama Fussball schlug auch beim FC Aarau zu. (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus (Aarau, 2. Juni 2019))

Das Drama Fussball schlug auch beim FC Aarau zu. (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus (Aarau, 2. Juni 2019))

Alles scheint klar und dann kommt es ganz anders. Das sind Wendungen, wie sie Filmregisseure gerne inszenieren. In der Realität aber verstehen die plötzlichen Verlierer die Welt nicht mehr. So erging es dem FC Aarau am Sonntag beim Heimspiel gegen Xamax. Der Aufstieg schien unumstösslich. Dann die 0:4-Niederlage.

Eins vorneweg: Ein absoluter Ausnahmefall ist das nicht. Weder im Fussball noch sonst in der Sportwelt – und sogar der Alltag hält Überraschungen bereit, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Vermutlich gibt es Dutzende Effekte, die das scheinbar Unmögliche zur Realität verkehren. Hier aber – frisch von der Psychologen-Couch – eine besonders fatale Entwicklung.

Ein Goal, dann das Straucheln

Wenn der Mannschaft mit wenig Siegchancen der erste Punkt zuerst gelingt und das auch noch früh, ist plötzlich alles möglich. Kürzlich geschehen im Halbfinal der Champions League zwischen Liverpool und Barcelona. Der FC Barcelona hatte im Hinspiel 3:0 gesiegt, im Rückspiel schossen die Engländer bereits nach sieben Minuten das erste Goal, nach 56 Minuten stand es 3:0. Das vierte, vernichtende Tor war nur noch die logische Konsequenz.

Warum? Auf der einen Seite beweist die scheinbar zum Verlieren verurteilte Mannschaft mentale Stärke und verwertet jede Chance. Die Spieler kommen in einen Flow. ETH-Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann nennt es «die gnadenlose Effizienz». Was aber passiert auf der anderen Seite? Spätestens nach dem zweiten Gegentor gerät der Favorit mental ins Straucheln. Das (übersteigerte) Selbstbewusstsein, mit dem er auf den Platz gekommen ist, ist weg und nur noch ein Gedanke da: «Das hätte nicht passieren dürfen.» Im Kopf war nur der Plan zu siegen.

Im Einzelsport kommt das laut Gubelmann öfter vor, heute immer mehr auch im Mannschaftssport, wenn sich die Teams punkto Können ebenbürtig sind: Die eine Mannschaft beginnt nach einer negativen Überraschung zu studieren. «Man weiss, dass das in dynamischen und komplexen Sportarten ein Nachteil ist, denn dann zögert man und die Präzision leidet sofort», sagt Gubelmann. Die Abwärtsspirale beginnt, plötzlich ist viel Druck da: Man muss doch gewinnen. Und der Gedanke: «Es darf nicht wahr sein.»

Für solche Fälle sollte man die «What-if»-Strategie zur Hand haben. Der Trainer hätte die Mannschaft vorbereiten müssen. «Die Spieler müssen wissen, dass die Gegner früh werden Goals schiessen wollen, um siegen zu können», sagt Gubelmann.

Viele Sportler haben schon sicher geglaubte Siege aus der Hand gegeben

  • FC Barcelona – Paris Saint Germain, 2017: Nachdem Paris Saint Germain den FC Barcelona im Achtelfinal der Champions League in Paris mit 4:0 demontierte, rechnete niemand mehr mit einem Weiterkommen der Katalanen. Im Rückspiel erzielte Barcelona aber plötzlich drei Tore, nach 85 Minuten stand es 3:1 für das Heimteam. Wenn Barcelona in den nächsten Minuten nicht mindestens zwei weitere Tore geschossen hätte, wäre Paris weiter gekommen. Doch Barcelona erzielte nicht zwei, sondern drei Tore.
  • Tennis: Jennifer Capriati – Martina Hingis 4:6, 7:6, 6:2, 2002:      Lange sah es so aus, als würde die bisher souveräne Martina Hingis sich im Final der Australien Open gegen die Amerikanerin Capriati durchsetzen. Die Schweizerin hatte sich vier Matchbälle erkämpft – konnte aber keinen nutzen. In der Folge holte sich ihre Gegnerin Spiel, Satz und Sieg.
  • Eishockey: EV Zug – Rapperswil-Jona Lakers, 2007: Im Playoff-Viertelfinal 2007 waren Rapperswil-Jona Lakers eigentlich schon weiter. Die Ostschweizer hatten die ersten drei Spiele gewonnen und führten im vierten. Doch da erkämpfte sich der Gegner aus Zug die Führung. Wenige Minuten vor Schluss glichen die Lakers aus. Die Verlängerung brachte keinen Sieger, es kam zum Penaltyschiessen: Zug gewann. Nach diesem Wahnsinnsspiel waren die Innerschweizer nicht mehr zu bremsen. Sie besiegten Rapperswil-Jona dreimal hintereinander und sicherten sich den Halbfinaleinzug.
  • Ski Alpin: Luca Aerni: Von Platz 30 auf den ersten, 2017   Mit dem 30. Platz in der Abfahrt qualifiziert sich der Berner Luca Aerni ganz knapp für den zweiten Lauf der Alpinen Kombination der Skiweltmeisterschaft 2017. Er startete daraufhin als Erster in den Slalom und fuhr eine Bestzeit, welche von keinem anderen Fahrer geschlagen wurde. Der Favorit Marcel Hirscher verpasste den Sieg wegen einer Hundertstel-Sekunde und wurde Zweiter.

Das umgekehrte Déjà-vu

Beim Heimspiel des FC Aarau gegen Xamax ist wahrscheinlich noch etwas anderes passiert. «Ich gehe davon aus», sagt Hanspeter Gubelmann, «spätestens nach dem 2:0 ist in vielen Köpfen von FCA-Spielern ein Déjà-vu in umgekehrter Form abgelaufen.» Drei Goals in der ersten Halbzeit, das 4:0 nach der Pause. Im Auswärtsspiel war den Aarauern genau das gelungen. «Das Déjà-vu wurde zur sich selbsterfüllenden Prophezeiung, diesmal einfach zugunsten von Xamax.» Der Effekt ist derselbe: Ein Handlungsablauf hat sich im Gehirn festgebrannt. «Priming» nennt das die Sportpsychologie.

So eine Kehrtwende erscheint verrückt, für den Sportpsychologen aber ist sie nachvollziehbar. Im Fussball, davon ist Gubelmann überzeugt, wird viel zu oft die Technik oder die Taktik analysiert und zu wenig auf die Psychologie geachtet. Wie die Beispiele im Text unten zeigen, ist es nicht selten, dass die Psychologie eine scheinbar entschiedene Partie ins Gegenteil verkehrt.

Im Alltag passiert dem Sportpsychologen manchmal Ähnliches: Er geht selbstsicher und mit der Erwartung in die Vorlesung, dass diese besonders gut ablaufen muss – doch der Funken im Publikum will nicht zünden. «Weniger programmatisch vorbereitet geht es oft besser», sagt Gubelmann. «Dann bin ich hellwach, fokussiert, vertraue meiner Expertise und bin bereit, auf ungeplante Situationen kompetent zu reagieren.»

Die Bilanz: Es ist gut, den Plan haben zu siegen. Aber nur, wenn man sich durch nichts davon abbringen lässt.

Mehr Kühnheit als gute militärische Taktik

Auch die Militärgeschichte kennt unerwartete Siege. Die schwächere Seite gewinnt die Schlacht, weil sie das Kräfteverhältnis durch Kühnheit ausgleicht. Im Nachhinein lassen es die Militärhistoriker nicht gern dabei bewenden. Sie finden dann meist einen militärisch einleuchtenderen Grund, der die Niederlage des vermeintlich sicheren Siegers doch erklärt. So auch bei der Seeschlacht von Salamis (480 v. Chr.) zwischen Athen und den Persern. Die Perser hatten mehr als 1200 Schiffe, die Griechen 270 (nach anderen Quellen 368) Dreiruderer. Das waren wendige, schnelle Schiffe und wenn sie mit ihrem Bugsporn aus Metall ein gegnerisches Schiff rammten, wurde es mindestens schwer beschädigt. Als Xerxes’ Schiffe in die Bucht von Salamis einfahren wollten, wurden sie von den Griechen überraschend von der Seite her angegriffen. Bald waren die persischen Schiffe blockiert oder vernichtet. Vater des Sieges war Themistokles, der den Griechen zuerst hatte erklären müssen, dass ihre Chance auf dem Wasser, nicht auf dem Land, liege. Wenn Generäle träumen, träumen sie von Cannae. 216 v. Chr. schlug dort Hannibal mit einer bereits durch einen Lawinenunfall in den Alpen dezimierten Armee ein weit überlegenes römisches Heer. Die Feldherren hatten ihre schwere Infanterie im Zentrum massiert, Hannibal wich dort zurück und umfasste die Römer seitlich an den Flügeln. Klassischer wurde seither keine Armee geschlagen.