Das grosse Fressen

Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill wirkt heute so aktuell wie in den 1920er-Jahren, als das Stück geschrieben wurde. «Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht», heisst es da. Die Inszenierung am Theater St. Gallen, die am Freitagabend Premiere hatte, bleibt aber seltsam unentschlossen. Philippe Reichen

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In Hochzeitslaune: Polly (Andrea Haller) singt für ihren Gatten Mackie Messer (Bruno Riedl, r.) und den Trauerweidenwalter (Marcus Schäfer).

In Hochzeitslaune: Polly (Andrea Haller) singt für ihren Gatten Mackie Messer (Bruno Riedl, r.) und den Trauerweidenwalter (Marcus Schäfer).

Mord, Einbruch, Fälschungen, Meineide, Steuerhinterziehung, Heiratsschwindel und Ehebruch: Mackie Messer lebt nach seinen Instinkten, nicht nach dem Gesetz. «Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht», heisst es bei Bertolt Brecht. Und wenn Londons Polizeichef Tiger-Brown, ein Jugendfreund Mackie Messers, vor Verbitterung weint, weil er seinen Kumpan einsperren muss, kann das nur eines bedeuten: Die mafiose Halbwelt bestimmt über den bürgerlichen Rechtsstaat.

Mackie hat alle im Griff

Mackie Messer geniesst seine Freiheiten in vollen Zügen – und legt sich neben der Justiz mit dem «Kapital» an. Es gelingt ihm dank seines spröden Charmes, Polly Peachum für sich einzunehmen. Polly und Mackie heiraten heimlich. Vater Jonathan Jeremiah Peachum und Pollys Mutter bekommen Wind davon. Peachum, Besitzer der Firma «Bettlers Freund», der Mittellose als Vogelscheuchen verkleidet und auf Betteltour schickt, um danach die Hälfte zu kassieren, ist genauso beunruhigt wie hilflos.

Mit aller Macht versucht der selbsternannte «König der Bettler», seine Tochter Mackie Messer zu entreissen. Doch dieser feiert den Heirats-Coup mit seinem Clan ausgiebig und denkt gar nicht daran, seine neuste Trophäe wieder herzugeben. Polizeichef Tiger-Brown, der einzige, der ihn gefährden könnte, hat er fest im Griff.

Brando oder Ledger?

Bertolt Brecht ahnte 1928, als sein Stück in Berlin uraufgeführt wurde, nicht, dass er mit Mackie Messer eine Figur geschaffen hatte, die Karriere machte und zur Ikone wuchs. Die Frage ist: Wie soll man diese schillernde, durchtriebene Hauptperson der Dreigroschenoper heute inszenieren? Die Frage drängt umso mehr, weil seither im Schauspiel, vor allem aber im Spielfilm, ähnliche Figuren tausendfach geschaffen wurden.

Mackie Messer stellt man sich heute irgendwo zwischen Marlon Brandos legendärer Verkörperung des Paten und Heath Ledgers Spiel als «Joker» im 2008 veröffentlichten Kino-Film («Batman – The Dark Night») vor. Nur: Brandos Verkörperung des stoischen Bösen würde auf der Theaterbühne kaum funktionieren, Heath Ledgers Spiel des durchgeknallten Psychopathen aber schon.

Vertrottelt statt durchgeknallt

Regisseur Kurt Josef Schildknecht bleibt in seiner St. Galler Inszenierung seltsam unentschlossen. Er baut mit dem Trauerweidenwalter (Marcus Schäfer), Hakenfinger (Romeo Meyer) und Münzmatthias (Matthias Albold) zwar eine nervös agierende, extrovertierte Entourage auf, Mackie Messer (Bruno Riedl) bleibt darin aber blass – und unentschieden. Meist wirkt er leicht vertrottelt, statt durchtrieben und durchgeknallt. So geht die Energie, die um ihn herum aufgebaut wird, rasch wieder verloren.

Auch die betrogene Polly (Andrea Haller) kann das nicht auffangen. Selbst das Bordell, wo Mackie Messer Selbstbestätigung und Ablenkung sucht, scheint ihn nicht wirklich zu erregen.

Gelungen sind hingegen die Auftritte der Ansagerin (Bettina Schwarz), die sich mit abgründiger Ironie zwischen die Szenen drängt. Und auch Lucy (Doris Dexl), Mackie Messers betrogene, langbeinig-blonde Ehefrau und Tochter von Polizeichef Brown, belebt mit ihrem lasziven Kurzauftritt die Szenerie.

Im Haifischbecken

Das Stück spielt im Tresorraum einer Bank (Bühne: Rudolf Rischer), inmitten von Bankschliessfächern, wo Jonathan Jeremiah Peachum (Hans Rudolf Spühler) und seine Frau (Vera Schweiger) ihr Büro haben. Auf dem Bildschirm im Hintergrund taucht gelegentlich ein Hai auf und dreht seine Runden.

Hier in diesem Haifischbecken des Kapitalismus prallen die Schichten und ökonomischen Welten aufeinander; und alles, was eine Farbe hat (Kostüme: Gera Graf), fällt in

diesem grauen Moloch sofort auf – auch die Musik von Komponist Kurt Weill, die ein zentrales Element des Stücks ist. – Wie gut ist sie wirklich? Darüber streiten sich Experten bis heute. Die immer wieder interpretierte «Moritat von Mackie Messer» wurde ein Welthit. Andere Songs wie «Die Ballade vom angenehmen Leben» oder «Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Lebens» sind nicht aus dem Stück wegzudenken.

Die Mitglieder des Schauspielensembles sind primär fürs Sprechtheater ausgebildet, die sängerischen Leistungen fielen an der Premiere denn auch unterschiedlich aus. Das siebenköpfige Orchester um den musikalischen Leiter Martin Gantenbein begleitet ordentlich, wenn auch nicht mit letzter Leidenschaft.

Vom Publikum gab es am Ende warmen Beifall.