Das Ende einer Ära
Drei Tops und drei Flops aus der langen Karriere von Angela Merkel – eine Bilanz

Nach 16 Jahren im deutschen Kanzleramt tritt die mächtigste Frau der Welt dieses Jahr zurück. Sie hinterlässt eine starke Wirtschaft, aber ein gespaltenes Land.

Patrik Müller
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Wo Merkel Erfolg hatte

Die Marke und ihr Zeichen: Angela Merkel macht die Raute.

Die Marke und ihr Zeichen: Angela Merkel macht die Raute.

Bild: Keystone (2017)

1. Starke Wirtschaft
Die CDU gewann die Wahlen 2005 mit dem Versprechen, mehr Jobs zu schaffen. SPD-Kanzler Gerhard Schröder trat mit einer Arbeitslosenquote von 12 Prozent ab, unter Angela Merkel sank sie unter 5 Prozent, bevor sie wegen Corona wieder etwas stieg. Der Aufschwung am Arbeitsmarkt ist aber auch Schröders Verdienst: Er setzte liberale Sozialreformen (Agenda 2010, Hartz IV) um, die ihre Wirkung mit Verzögerung entfalteten. Und: Allen Unkenrufen zum Trotz ist Deutschland nach wie vor Weltspitze in Sachen Export.

2. Internationale Führungsrolle
In der Finanz- und Eurokrise 2007 bis 2010 war Merkel die starke Figur Europas. Mit ruhiger Hand, Entschlossenheit und zugleich historisch gebotener Zurückhaltung sorgte sie dafür, dass der Euro nicht zerbrach («scheitert der Euro, scheitert Europa»). In der Ära Donald Trump galt sie als «letzte Verteidigerin des freien Westens».

3. Gesellschaftliche Öffnung
Zum Schrecken ihres konservativen Parteiflügels setzte Merkel mehr und mehr linksliberale Anliegen durch. Homosexuelle können heiraten, die Wehrpflicht ist Geschichte, Frauenförderung auf allen Ebenen Trumpf. Nach dem Reaktorunfall von Fukushima 2011 beschloss sie den Atomausstieg. Er war von der rot-grünen Vorgängerregierung aufgegleist und von Merkel zuerst gestoppt worden. Merkels Meinungswechsel bei AKW dokumentiert ihre Wendigkeit und das Talent, auf dem Zeitgeist zu surfen.

Wo sie Probleme hinterlässt

An Pressekonferenzen war die Kanzlerin immer sehr sachlich – manchmal aber auch hölzern.

An Pressekonferenzen war die Kanzlerin immer sehr sachlich – manchmal aber auch hölzern.

Bild: Keystone (2021)

1. Flüchtlingspolitik
Merkel und die Asylkrise – es ist das wohl prägendste Thema ihrer Amtszeit. Dass sie im Herbst 2015 in Eigenregie die Grenzen öffnete und eine Million Flüchtlinge, die über die Balkanroute kamen, ins Land liess, sorgte zunächst für Begeisterung in- und ausserhalb Deutschlands.

Merkel und ihr Land wurden für ihre Offenherzigkeit gefeiert. Doch die Stimmung kippte schnell. An Silvester 2015 kam es am Bahnhof Köln zu sexuellen Übergriffen auf Frauen durch junge Asylsuchende. Ein Jahr später starben zwölf Menschen bei einem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt durch einen Islamisten, der in der Flüchtlingskrise eingewandert war.

2. Aufschwung für Rechtsaussen
Die Folgen der Flüchtlingskrise, aber auch die generelle Sozialdemokratisierung der CDU liessen rechts Bewegungen und Parteien wie Pegida und AfD spriessen. Unter Merkel holte erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine rechtsnationale Partei (AfD) bundesweit über 12 Prozent, in den ostdeutschen Ländern gar 20 bis 30 Prozent.

3. Corona-Management
Für ihre Pandemiebekämpfung bekam Merkel in der Anfangsphase viel Lob. Deutschland war bei Infektionen und Todesfällen international Musterschüler. Doch im letzten Herbst entglitt Merkel das Heft. Es kam zu einem endlosen Kompetenzgezerre zwischen Bund und Ländern, Merkel entschuldigte sich im März 2021 für ihr Hin und Her bei Lockdowns. Corona beschleunigte ihren Machtverlust.

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