Das Dilemma der Grosseltern: Trotz ersten Lockerungen dürfen sie ihre Enkel weiterhin nicht sehen
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Das Dilemma der Grosseltern: Trotz ersten Lockerungen dürfen sie ihre Enkel weiterhin nicht sehen

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Die Gesundheit aufs Spiel setzen für eine Umarmung? Damit liebäugeln immer mehr Omas und Opas.

Sabine Kuster
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«Mein Geduldsfaden reisst jetzt dann», sagt die Grossmutter, 73 Jahre alt.

«Wenn die Coiffeure wieder auftun, bin ich auch parat, die Enkel wieder zu hüten. Irgendwann langt’s doch.»

So wie sie reden viele Grosseltern dieser Tage. Sie vermissen ihre Enkel sehr. Sie sagen: «Wir kommen jetzt dann wieder.» Aber sie zögern.

Oft sind es ihre eigenen Kinder, die ihnen den Kontakt mit den Enkeln verbieten, aus Angst, mitschuldig zu sein, wenn sie erkranken würden. Aber auch ein Vater sagt: «Irgendwann … weisst du, was ich meine?» Es ist alles drin in seinem halb fertigen Satz. Dass es noch Monate, ja vielleicht Jahre dauern wird, bis ein Impfstoff da ist, aber dass Grosseltern nicht so lange ausharren wollen. Dass man irgendwann, wenn die Sehnsucht zu gross wird, seine Gesundheit riskiert. Dass, selbst wenn Infektiologen und Epidemiologen die Durchhalteparole ausgeben, es bald zu einer schleichenden Annäherung zwischen Senioren und Kindern kommen könnte.

«Wenn mein Enkelkind plötzlich wieder vor mir stehen würde, ich glaube, dann kämen mir die Tränen»

, sagt eine andere Grossmutter, 80-jährig.

«Dann würde ich sie umarmen, ich könnte nicht anders. Und dann wär’s halt passiert.»

Dass sie das Mädchen ein Jahr lang nicht umarmen würde, kann sie sich nicht vorstellen, und sei es nicht so, dass die Kinder selten Überträger sind?

Die andere, die 73-jährige Grossmutter, sagt: «Am Anfang hörte sich dieses Virus furchterregend an. Aber ich kenne niemanden, der schwer erkrankt ist. Jetzt fühlt es sich nicht mehr so gefährlich an.» Vielleicht müsse man sich einfach mit dem Risiko abfinden, wie mit anderen Risiken auch. Die Spitäler seien ja nicht überfüllt.

Kleine Kinder können nicht Abstand halten

Video-Calls trösten wenig auf die Dauer, andere Lösungen sind kaum praktikabel. Jedenfalls mit Kleinkindern. «Wie soll das gehen mit einem Besuch selbst draussen auf dem Sitzplatz mit einem zweijährigen und vierjährigen Kind? Ich kann sie doch nicht abweisen, wenn sie auf den Schoss wollen.»

Videoanrufe sind für Grosseltern im Moment die einzige Möglichkeit, ihre Enkel zu sehen.

Videoanrufe sind für Grosseltern im Moment die einzige Möglichkeit, ihre Enkel zu sehen.

Bild: Keystone

Genau das müssen Seka und Andria machen. Die beiden Grosseltern wohnen nur hundert Meter von ihren Enkeln entfernt, jeden Tag kommen sie zu Besuch. «Wir sehen sie, aber sie fehlen uns trotzdem», sagt Andria, der wegen einer Krankheit sein Immunsystem drosseln muss.

«Das Herz sagt umarmen, der Verstand sagt warten. Aber nicht, bis die Impfung kommt, nein, das ist zu lange.»

Das Virus sei gefährlich, aber das hiesse nicht unbedingt, dass er sterben würde.

Einer der drei Enkel, der einjährige Andrey, kommt über die Wiese gewackelt. «Hoi Schatz», sagt Seka, während die Tochter schon Luft holt, um ihn zurückzurufen. Als sein Ball unter den Tisch rollt, weicht Seka aus, statt ihn ihm zurückzugeben. «Einmal hat er an die Gartentüre geklopft und geweint, weil ich nicht geöffnet habe.» Die vierjährige Enkelin kann besser Distanz halten. Ihr die kleine Spritzkanne aufzufüllen, das macht die Grossmutter dann aber doch.

Der Grossvater blickt auf seinen Garten, der noch sorgfältiger gepflegt ist, als er es vorher schon war, und sagt zu seiner Enkelin: «Wenn das Virus vorbei ist, Lena, dann kannst du zehn Tage bei uns schlafen und ich umarme dich und lasse dich eine ganze Stunde nicht mehr los.»

Vom Enkel-Umarmen wird bis auf weiteres abgeraten

Wen man auch fragt von den offiziellen Stimmen, sie raten bis auf weiteres ab, die Enkel zu umarmen. Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Unispital Zürich, sagt:

«Das Zu-Hause-Bleiben und sich über die neuen Medien im Blick zu behalten, ist eine Empfehlung, die Sinn macht – bis wir das überstanden haben. Das gelingt nur zusammen.»

Die Organisation fürs Alter, Pro Senectute, aber findet, dass eine besonders gefährdete Gruppe nicht nur aufgrund des Alters definiert werden sollte, «weil man so den ungerechtfertigten Ausschluss eines Teils der Pensionierten aus dem öffentlichen Leben» riskiere.

Mit Freunden plaudern und dabei den Enkel hüten – Was einst gewöhnlicher Alltag war, ist heute nicht mehr möglich.

Mit Freunden plaudern und dabei den Enkel hüten – Was einst gewöhnlicher Alltag war, ist heute nicht mehr möglich.

Bild: Keystone

Also dürfte Seka, die erst 55 ist, Andrej wieder auf die Beine helfen, wenn er hingefallen ist, obwohl ihr Mann eine Vorerkrankung hat? Darf die 73-jährige, kerngesunde Grossmutter ihre Enkel wieder besuchen? Niemand nimmt zu solchen Detailfragen für den Alltag Stellung.

Selbst Pro Senectute schreibt, man müsse beachten, dass die Gefahr einer Ansteckung noch nicht gebannt sei. Besonders jetzt, da wir schon mehrere Wochen durchhielten, gelte es, die Vorgaben weiterhin strikt einzuhalten. «Wir vertrauen auf das Expertenurteil des Bundesamtes für Gesundheit, das uns mit der Landesregierung durch diese Krise führt.»

Tun dies auch die Grossväter und Grossmütter? Oder rechnen sie anders, die sie im letzten Lebensabschnitt sind? Andria will seine Enkel umarmen, sobald es die Tochter erlaubt. «Ende April», sagt seine Frau Seka trotzig. Ein Datum, das nicht so unvorstellbar weit weg liegt wie eine Impfung. Auch wenn Seka die Umarmung vermutlich dann doch noch weiter hinausschiebt.

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