Das Coronavirus und der Sinn des Lebens
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Das Coronavirus und der Sinn des Lebens

Viren sind klein und sehr rudimentär. Wir zittern vor ihnen. Dabei sind wir ihnen völlig gleichgültig. Sie wollen sich nur vervielfältigen.

Text: Christoph Bopp / Illustration: Janina Noser
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Betrachten wir Viren wie Schwiegersöhne und stellen die zwei klassischen Fragen: Woher stammen Sie? Und (wovon) leben Sie eigentlich?, erhalten wir leider keine Antwort.

Viele Menschen zittern vor ihnen. Und dann sollen sie nicht einmal leben? Viren sind komische Gebilde. Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel und sind erklärtermassen keine Lebewesen. Auch die Frage, woher sie stammen, ist ungeklärt. Es gibt drei Theorien: Nach der ersten sind sie parallel zu den «normalen» Zellen entstanden. Nach den beiden anderen haben sie sich aus der entwickelten Zelle wieder davongestohlen und sich für die Eigenexistenz entschieden. Klar ist nur: Seit es Leben gibt, sind sie da.

Viren bestehen aus einem mehr oder weniger grossen Stück Erbsub­stanz (DNA oder RNA) und ein bisschen Drumherum (meist Proteine). Von dieser atemberaubenden Einfachheit können wir die zwei wichtigsten Dinge über das Leben lernen: sein Geheimnis und sein Sinn.

Das Geheimnis des Lebens besteht in vier Buchstaben (oder vier Basen): A, T, G und C. Sie stehen für vier chemische Substanzen: Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Aber die chemischen Bezeichnungen sind schon zu viel fürs Geheimnis. Es besteht nur darin, dass A nur mit T kann und G nur mit C. Zum Geheimnis gehört noch, dass sie nicht nur zusammen können, sondern offenbar auch zusammen wollen. A ist nur glücklich, wenn es mit T zusammen sein kann und umgekehrt, und bei G und C verhält es sich ähnlich.

Der Sinn des Ganzen ist das Kopieren des Codes

Und daraus entsteht auch der Sinn des Lebens. Denn diese Sehnsucht ist die Grundlage für den Lebensprozess schlechthin: die Replikation. Der Sinn des Lebens besteht in der Vermehrung seiner selbst. Die vier Buchstaben bilden Doppelketten, die ineinander verdreht sind: die berühmte Doppelhelix. Wenn man die beiden Stränge trennt, ergänzen sie sich wieder zu zwei neuen Kettenpaaren und so weiter. Das tun sie innerhalb von Zellen und immer wieder. Komplexere Lebewesen bauen um diese Ketten herum Strukturen, die man für ihre tatsäch­liche Gestalt hält. Aber dem ist nicht so.

Das beweisen eben die Viren, die zum grossen Teil ohne dieses Brimborium auskommen. Das heisst: eben nur zeitweise. Denn wenn sie sich vermehren wollen, bedienen sie sich der Apparatur von lebenden Zellen. Sie dringen ein, «ziehen sich aus», lassen von den Kopiermechanismen der Zellen ihr Genom vervielfältigen, «ziehen sich wieder an» und verlassen die Zelle wieder, um in die nächste einzudringen. Das nennt der Mensch dann «Infektion» und findet es meist nicht lustig. Denn nicht alle Körperzellen in allen Tieren und Pflanzen lassen sich gern benutzen und reagieren dann heftig. Sie überstehen es manchmal auch nicht.

«Krankheit» nennt das der Mensch. Aber das ist eine sehr enge Betrachtungsweise. Wer es so sieht, hat den Sinn und das Geheimnis des Lebens nicht verstanden. Zwischen fünf und acht Prozent unseres Genoms besteht aus DNA von Retroviren. Sie haben sich während Millionen von Jahren dort eingebaut. Und nur die allerwenigsten ­Viren wollen uns an den Kragen. Dem Rest sind wir völlig egal.

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