Das Buch der Woche

Schaut hin, all das ist Europa! Der Salzburger Schriftsteller und Reporter Karl-Markus Gauss reist in seiner Erzählung «Im Wald der Metropolen» erneut durch Europa und erkundet damit, wie bereits in seinen früheren hochgelobten Buch-Expeditionen, eine Kulturgeschichte, die reich an

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Karl-Markus Gauss (Bild: Paul Zsolny Verlag, 2010)

Karl-Markus Gauss (Bild: Paul Zsolny Verlag, 2010)

Schaut hin, all das ist Europa!

Der Salzburger Schriftsteller und Reporter Karl-Markus Gauss reist in seiner Erzählung «Im Wald der Metropolen» erneut durch Europa und erkundet damit, wie bereits in seinen früheren hochgelobten Buch-Expeditionen, eine Kulturgeschichte, die reich an Zusammenhängen und ungeahnten Verwandtschaften ist – aber auch an Schmerzlichem.

Die Roma, Europas Brüder

Gauss besucht die Ränder und ist doch immer mittendrin im Leben. Das erste etwa, was er morgens wahrnimmt, wenn er in seinem Bukarester Hotelzimmer aufwacht, ist das Gelächter einiger Frauen: Es sind die Zigeunerinnen, die Bukarests Strassen säubern. Im Taxi erklärt ihm später der Fahrer, dass es «eine Schande für Europa» sei, was Italien mit seinen Landsleuten, den Roma, anstelle.

Obwohl oder gerade weil Gauss Details zur Kenntnis nimmt, weil er auf Geräusche hört, aber auch die europäischen Gazetten liest, gelingt es ihm, ein weitgehend unbekanntes, faszinierendes Europa darzustellen.

Zwanglos, wie per Zufall sieht er ein Strassenschild «Strada Maria Rosetti». Er geht durch die Strasse, vorbei an der Vielfalt der rumänischen Hauptstadt mit ihren innerstädtischen Brachen neben grossbürgerlichen Villen, heruntergekommenen Bauernhäusern und Betonblocks aus der Zeit der Diktatur.

Und vergisst nicht, dass Maria Rosetti den ersten feministischen Artikel in Rumänien geschrieben hat.

Auch Alfred Margul-Sperber hat an der Strada Maria Rosetti gewohnt. Dieser hat sich für die Zigeuner (heute politisch korrekt: Roma) engagiert, sie ein «Brudervolk von Königen» genannt, als das «Brudervolk der Juden» beschrieben. Paul Celan, der eigentlich Paul Antschel hiess, hat sein anagrammatisches Pseudonym Margul-Sperber zu verdanken. Celan kennen wir.

Dass auch der Dichter Tudor Arghezi an dieser Strasse gewohnt hat, hat Europa bisher kaum zur Kenntnis genommen. Gauss sieht die einzelnen Bäume im Wald der Metropolen!

Ein Flaneur unserer Zeit

Der Titel «Im Wald der Metropolen» ist dennoch verwirrend. Man erwartet New York, Bombay, Shanghai oder Moskau. Aber Karl-Markus Gauss bleibt sich treu.

Es sind jedoch nicht mehr nur die Orte, «von denen Europa nichts weiss», die er uns in früheren Büchern nahegebracht hat. Er schaut sich auch in Westeuropa um, reist ins Elsass, nach Siena, ins Burgund, schlendert dann wieder durch Wien, durch Ingeborg Bachmanns Ungargasse, in der er das Haus eines vergessenen kroatischen Dichters entdeckt, und durch Belgrad, wo er auf die «freundlichsten Europäer» trifft und auf den Spuren des serbischen Dichters Vuk Karadzic wandert.

Auch die Dörfer haben es ihm angetan. Es wirkt, als wäre er auf einer privaten Reise; daraus resultiert ein scheinbar willkürlich zusammengestelltes Mosaik von Erzählungen in 13 Stationen. Nach jahre-, ja jahrzehntelanger Erfahrung kann Gauss zeigen, wie in Europa (fast) alles mit allem zusammenhängt.

Manchmal aus purer Langeweile gehe er einer Spur nach, meint er.

Aber es steckt natürlich sein Engagement für die Randständigen und Minderheiten Europas dahinter, ebenso der Versuch, Europa als ein Ganzes, als einen Kontinent ohne (geistige) Mauern zu denken. «Europa hat sich immer nur denken können, indem es sich von einem Gegen-Europa abhob, von einem Reich der Barbarei, des Unglaubens, des Rückschritts, gegen das es sich selbst als Reich der Zivilisation oder des Fortschritts setzte.» Gauss hingegen baut Brücken.

Erika Achermann