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Die Nanny, das bezahlte Ersatzmami

Nannys sind im Trend, und oft die letzte Rettung. Findet man keinen Krippenplatz, hat man mehrere Kinder, arbeitet man Vollzeit, dann ist ein Kindermädchen im eigenen Heim eine praktische Lösung. Das Verhältnis erfordert aber Fingerspitzengefühl.
Susanne Holz
Die «Schattenmutter» wird entlöhnt. Schattenmütter nennt man Nannys aufgrund ihrer Rolle zwischen einer Angestellten und einer grossen emotionalen Bezugsperson. (Illustration: Patric Sandri)

Die «Schattenmutter» wird entlöhnt. Schattenmütter nennt man Nannys aufgrund ihrer Rolle zwischen einer Angestellten und einer grossen emotionalen Bezugsperson. (Illustration: Patric Sandri)

Katie Griffiths mag Kinder, und sie mag ihren Job. Die 32-jährige Britin kümmert sich um Kinder, seit sie 17 ist. Um Babys, Teenager, den Nachwuchs der Reichen und Schönen, aber auch um die Sprösslinge ganz «normaler» Eltern. Gearbeitet hat sie schon in Privathaushalten in ihrer Heimat Grossbritannien, in Frankreich, Italien, der Schweiz. Derzeit kümmert sie sich in Zürich um ein drei Monate altes Baby in der einen Familie und um zwei drei- und fünfjährige Mädchen in einer weiteren Familie. Katie Griffiths wurde im Gesundheits- wie auch im erzieherischen Bereich ausgebildet.

Vermutlich ist sie eine typische Nanny, wie sie in unserer globalisierten Welt nicht zuletzt aufgrund von Flexibilität und englischer Muttersprache gefragt sind. Christoph Seitz von «Babysitting24.ch» weiss: «Die meisten Suchanfragen gibt es in den grossen Städten: Zürich, Genf, Basel, Bern. Expats suchen überproportional oft nach einer Nanny. Trotzdem sind Anstellungen durch Schweizer Haushalte die Mehrheit. Die Nachfrage nach Nannys hat in den letzten 10 Jahren sehr stark zugenommen.»

Doch so gesucht Nannys seit einigen Jahren auch sind, und so praktisch es ist, den Nachwuchs zu Hause betreuen zu lassen – das Verhältnis zur Nanny bedarf der Pflege. Eine vor kurzem abgeschlossene Forschungsstudie mit dem schönen Titel «Mary Poppins» beschäftigte sich mit dem schwierigen Arbeitsstatus der Nannys, die man auch «Schattenmütter» nennt. Einerseits soll sich die Nanny liebevoll ums Kind kümmern, andererseits der Mutter den Platz nicht streitig machen.

Eine Gratwanderung. Tatsächlich gab jede dritte in der Studie befragte Nanny an, schon mal entlassen worden zu sein, weil die Beziehung zum betreuten Kind zu eng wurde. Befragt wurden 120 Mütter und 110 Nannys aus der Deutschschweiz im Zeitraum zwischen November 2017 und April 2018.

Vordergründig geht es um Dienstleistung, hintergründig um Liebe

In der Diskussion über familienergänzende Betreuung legt die Studie neu einen Fokus auf den Umstand, dass Frauen auch dann intensive Mütter sind, wenn sie in grösserem Umfang arbeiten, und darauf, dass Kinder stets Beziehungen zu ihren Betreuungspersonen eingehen. Ergebnisse der Studie sind: Zwar geht es beim Nanny-Job vordergründig um häusliche Dienstleistung, hintergründig aber um Liebe und manchmal um Konkurrenz. 93 Prozent der befragten Nannys sehen die Beziehung zum Kind als Herzstück ihrer Arbeit.

Das Fazit der Studienleiterinnen Margrit Stamm und Franziska Templer: Gelingt es Müttern, den eigenen Anspruch zu relativieren, immer die primäre Person im Leben des Kindes zu sein, gelingt es gleichzeitig besser, die Schattenmutter als ebenbürtige Professionelle zu behandeln. Partnerschaftliche Betreuungsbeziehungen zwischen Müttern und Nannys basieren auf gemeinsam erarbeitetem Vertrauen, auf verhandelter Autonomie, Zwei-Weg-Kommunikation und geteilter Entscheidungsfindung.

Viel Macht für die Nanny. Und wie handhabt Kindermädchen Katie Griffith ihren Job? Kinder bevorzugten ein enges Verhältnis zur Betreuerin, sagt die Britin, genauso wie sie selbst ein enges Verhältnis zum Kind bevorzuge. «Man ist Teil des Lebens der betreuten Kinder, sie spiegeln einen, und man ist für sie ein Vorbild.»

«Eine enge Beziehung zum Kind zu haben, macht die Arbeit einfacher.»

Die 32-Jährige erzählt, mit vielen Familien einmal von ihr betreuter Kinder noch in Kontakt zu sein: «Manche der Kinder beenden bereits das College.»

Es sei immer hart, Goodbye zu sagen, verlasse man eine Familie wieder: «Nanny zu sein, ist ein Beruf, aber man ist doch sehr vertraut mit Familie und Kind.» Sie habe schon eifersüchtige Mütter erlebt, so Katie Griffiths, die Familien aber, die sie glücklich in ihrer Mitte aufgenommen und auch als Ratgeberin in Kinder- und Erziehungsfragen betrachtet hätten, seien in der Überzahl.

Ist die Nanny herzlich zum Kind, und die Mutter herzlich zur Nanny, dann sollte eigentlich alles klappen. (Illustration: Patric Sandri)

Ist die Nanny herzlich zum Kind, und die Mutter herzlich zur Nanny, dann sollte eigentlich alles klappen. (Illustration: Patric Sandri)

Und die Mütter? Wie erleben die das Verhältnis zur Nanny? Mirjam Hofer (46) aus Unterägeri (ZG) arbeitet seit über 20 Jahren in der Medizintechnikbranche, seit langem als Key Account Manager. Nach einer kurzen Babypause begann sie vor rund 10 Jahren wieder zu arbeiten, Vollzeit. «In meiner Branche sind Teilzeitstellen nicht üblich», erzählt die dreifache Mutter. Als Mirjam Hofer wieder in den Job einstieg, waren die Kinder der Familie ein, zwei und vier Jahre alt – ­beide Elternteile arbeiteten zu hundert Prozent. Und obwohl sie fünf Tage in der Woche weitgehend nicht zu Hause waren, empfanden die Eltern die Nanny nie als Konkurrenz. «Für uns war es nie ein Thema, dass die Beziehung der Nanny zu unseren Kindern zu emotional sein könnte», sagt die Zugerin.

«Die Kinder wussten genau, wer die Mutter und wer die Nanny ist.»

Mirjam Hofer: «Wir haben eine gute Mutter-Vater-Kind-Bindung. Abends verbrachten und verbringen wir viel Quality Time. Wir kochen mit den Kindern, und als sie klein waren, lasen wir ihnen viel vor, sangen gemeinsam und spielten mit ihnen.»

Die Familie hatte nacheinander verschiedene Nannys angestellt, unterschiedlich lang. «Von der Kleinkind­erzieherin bis zur Katechetin. Eine war Mitte 50, hatte erwachsene Kinder und konnte alles. Eine hat toll gebacken und gekocht. Nur einmal hatten wir Pech – da wurden die Kinder nur vor den Fernseher gesetzt.» Die Nanny müsse naturgemäss meist auch einen Teil des Haushalts machen, und es sei wichtig, hier und bei der Erziehung der ­Kinder Hand in Hand zu arbeiten. «Es braucht Regeln, und selbstverständlich hat man sich als Arbeitgeber korrekt zu verhalten.»

«Drei Krippenplätze an fünf Tagen hätten wir gar nicht bekommen»

Wöchentliche Arbeitsbesprechungen mit der Nanny waren bei den Hofers Usus. Kinder und Nanny hätten sich meist gut verstanden, auch wenn die Nanny die Regeln der Eltern durchgesetzt habe. Hätte es für die Familie eine Alternative zur Nanny gegeben? Mirjam Hofer verneint: «Wir hatten weder Grosseltern noch sonst Verwandte hier. Drei Krippenplätze fünf Tage in der Woche hätten wir zudem gar nicht bekommen, ganz davon abgesehen, dass diese Variante teurer gekommen wäre als eine Vollzeit-Nanny.» Die Zugerin rechnet vor: «Dreimal Krippe die ganze Woche hätte uns über 6500 Franken gekostet. Eine Nanny arbeitet in diesem Pensum ab 4500 Franken.» Was man bei einer Nanny jedoch einkalkulieren müsse: Dass sie mal ausfällt, krankheitshalber, und man für ihren Ersatz aufkommen muss. «Dann zahlt man doppelt.»

Katrin Erk (49), Wirtschaftsingenieurin und CEO einer Klinik in Süddeutschland, arbeitete bereits sechs ­Wochen nach der Geburt ihrer heute zehnjährigen Tochter wieder Vollzeit. Nanny Edita hatte eine Hauswirtschaftsausbildung und selbst zwei Söhne im Alter von drei und sechs Jahren.

«Die gebürtige ­Kosovarin brachte ihre Kinder zur Arbeit mit. Wir halfen uns auch gegenseitig.»

«Ich machte abends mit den Buben Hausaufgaben», erzählt Katrin Erk. Als Tochter Jana ganz klein war, sei es tatsächlich ein Thema gewesen, ob sie die Nanny lieber mag: «Sie strahlte morgens die Nanny an, anstatt mir hinterherzuweinen. Da muss man selbstbewusst sein und gut reflektieren. Die Liebe des Kindes zur Nanny muss man aushalten. An erster Stelle steht schliesslich, die seelische Befindlichkeit seines Kindes wichtig zu nehmen.» Sei das Kind aber mal ein, zwei Jahre alt, könne es gut zwischen Mutter und der Rolle der Nanny unterscheiden. Sie habe zudem eine intensive Beziehung zur Tochter, trotz Vollzeitstelle: «Jeden Abend kuscheln wir, und wir üben ein gemeinsames Hobby aus – wir lieben beide Pferde.»

Und die Kinder? Der Luzerner Robert Casagrande, heute erwachsen, wuchs mit Nannys auf: «Eine war dreieinhalb Jahre bei uns, das war für mich damals ein halbes Leben.

«Sie war streng, sie hat mich geprägt. Doch die Mutter blieb die Mutter.»

Dass die Nanny streng war, schadete mir nicht, aber manchmal hätte man sich jemanden gewünscht, der einen beschützt statt beobachtet.»

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