Das andere Weltgefühl

Am 23. Mai wäre der 100. Geburtstag von Annemarie Schwarzenbach, doch der Rummel geht schon jetzt los. Eröffnet hat ihn eine Ausstellung im Strauhof Zürich: «Eine Frau zu sehen».

Eva Bachmann
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«Zwei Welten, eine Landstrasse»: Annemarie Schwarzenbach mit ihrem Mercedes unterwegs durch die Pyrenäen (1933). (Bild: Strauhof/Marianne Breslauer)

«Zwei Welten, eine Landstrasse»: Annemarie Schwarzenbach mit ihrem Mercedes unterwegs durch die Pyrenäen (1933). (Bild: Strauhof/Marianne Breslauer)

Ihr Vater war der reiche Seidenindustrielle Alfred Schwarzenbach, ihre Mutter die Tochter von General Ulrich Wille und Clara Bismarck und selber eine kleine Generalin, ihr Cousin der nationalistische James Schwarzenbach – sie selbst war Antifaschistin, Morphinistin, Lesbierin.

Schon allein dieser Zwiespalt in den äusseren Verhältnissen mag das Interesse an der Person Annemarie Schwarzenbach erklären. Spannend sind aber auch ihre Fluchtversuche: in die Literatur und in fremde Länder – so fuhr sie etwa 1939 mit dem Auto bis nach Kabul. Doch alle ihre Wege endeten in einer Sackgasse. Sie starb im Alter von nur 34 Jahren nach einem Unfall in Sils im Engadin. Die Tagebücher hat ihre Mutter vernichtet, doch seit 1987 wird immer wieder ein Manuskript oder ein Konvolut von Briefen entdeckt – Schätze, wie sie Literaturwissenschafter gerne heben.

Gewundene Wege

Die Ausstellung im Strauhof Zürich beginnt mit einem Gang über einen hölzernen Steg, auf die «Wasserfläche» sind Bilder aus dem Leben Annemarie Schwarzenbachs projiziert, Texte exponieren ihre Lebensthemen: das Nomadentum, die Selbsterkenntnis. Im nächsten Raum wird auf einer gewundenen Bahn die Biographie erzählt, ausgehend und endend in der Schweiz, mit Reisen nach Berlin, in den Orient, Amerika, Afghanistan und Afrika, unterlegt mit magischen Namen wie Mazanderan, Shiraz, Babylon, Demawend, Pittsburgh, Luanda… Daneben stehen die Berufswünsche des Mädchens, das zuerst Generalin werden wollte, dann Pianistin, dann Tänzerin, als Erwachsene wurde sie Germanistin, Historikerin und Archäologin, war Autonomadin, Journalistin, Fotografin und Schriftstellerin.

Die Präsentation von Alexis Schwarzenbach ist vorerst wenig fokussiert, er versucht, seine Grosstante umfassend und von Grund auf vorzustellen. Doch auch Kennerinnen und Kenner des Werks werden in dieser Ausstellung fündig. Im ersten Stock sind einzelne Themen vertieft, und da gibt es aufschlussreiche Dokumente im Original oder als Faksimile zu sehen.

So ist zum Beispiel der Brief des Vaters von 1933 ausgestellt, in dem er der Tochter ihre antifaschistischen Aktivitäten ausreden will – man dürfe nicht kleinlich sein mit den Exzessen, die die Hitlerbewegung mit sich bringe, «das Grosse, Reinigende, Aufbauende, Notwendige der prächtigen Sache» sei nicht zu vergessen. Zu sehen ist auch der Artikel Annemarie Schwarzenbachs von 1930 in der NZZ über «Die Stellung der Jugend», in dem sie mit ihrer Elterngeneration abrechnet und das Trennende als «Unterschied eines Weltgefühls» beschreibt.

Erschütternd zu lesen ist der Brief an Anita Forrer, die gemäss Testament den Nachlass hätte sichten sollen, in dem die Mutter Renée Schwarzenbach die Texte ihrer Tochter als «momentane Ergüsse» abqualifiziert. Den Abschluss macht jenes Heft der Zeitschrift «Alltag», in dem Roger Perret 1987 ein Dossier über die vergessene Dichterin publizierte und damit die Wiederentdeckung einläutete.

Fotos im Grossformat

Leicht überinszeniert wirkt der sich verengende Raum über Schwarzenbachs Drogensucht. Viel Platz wird hingegen ihrem literarischen und fotografischen Werk eingeräumt. Die Abzüge ihrer Bilder wirken in dieser Grösse noch einmal anders als in Reproduktionen, eindrücklich sind insbesondere die Aufnahmen aus Amerika, wo sie das Leben der Industriearbeiter festhielt und vor den Textilfabriken ihrer Familie nicht haltmachte.

«Eine Frau zu sehen» ist eine Ausstellung, die erste und erneute Blicke auf das erfahrene und erlittene Leben von Annemarie Schwarzenbach ermöglicht.

Bis 1. Juni, Strauhof, Augustiner- gasse 9, Zürich. Di–Fr 12–18 Uhr, Sa–So 10–18 Uhr. www.strauhof.ch

Annemarie Schwarzenbach 1939 in Genf. (Bild aus Miermonts Buch)

Annemarie Schwarzenbach 1939 in Genf. (Bild aus Miermonts Buch)

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