Paläontologie
Dance to Impress: Wie die Urzeitriesen im Tanz zueinander gefunden haben

Dinosaurier führten Paarungstänze auf – das meinen Forscher aus Fussabdrücken zu lesen. Wie kommen solche Erkenntnisse zustande und wie plausibel sind sie?

Deborah von Wartburg
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Aus alten Fussabdrücken rekonstruiert: So könnte der Sauriertanz ausgesehen haben.

Aus alten Fussabdrücken rekonstruiert: So könnte der Sauriertanz ausgesehen haben.

Illustration Xing Lida/Yujiang H

Die Erde muss heftig gebebt haben: Der kolossale Dinosaurierbulle wirft den Kopf in den Nacken, stösst einen kehligen Ruf aus und scharrt mit den Hinterfüssen auf dem Boden. Mit diesem Liebestanz umgarnt er das Weibchen seiner Wahl.

So oder ähnlich sollen Saurier aus der Gruppe der Theropoden Paarungstänze aufgeführt haben. Das jedenfalls legt der Paläontologe Martin Lockley von der Universität Colorado in Denver in einem kürzlich publizierten Forschungsbericht nahe.

Doch worauf er seine Behauptung stützt, ist wenig: ein paar Millionen Jahre alte Kratzer im Stein. Weitere Informationen wie etwa fossile Knochen gibt es nicht. Aus Kratzern auf einen Paarungstanz schliessen: Ist das nicht zu viel der fantasievollen Interpretation? «Das ist oft so in der Dinosaurierforschung», sagt Christian Meyer, Paläontologe und Direktor des Naturhistorischen Museums Basel, der schon seit rund vierzig Jahren Saurierspuren erforscht und interpretiert. «Dennoch können wir aus wenigen Hinweisen oft verblüffend viel herauslesen.»

Meist muss ein Fussabdruck, ein Knochenfossil oder ein Häufchen versteinerter Dino-Kot genügen. «Doch um eine wirklich plausible Interpretation machen zu können», so Meyer, «muss man den Fund bis ins Detail untersuchen.»

Bei einem Fussabdruck möchten Forscher meist zuerst herausfinden, welches Tier ihn hinterlassen hat. Dafür reicht es nicht, nur den Abdruck selbst zu untersuchen. Wichtig sind auch die darin enthaltenen Indizien wie Mikroorganismen, Pollen, Vulkanasche und sogar der umliegende Boden. «Hier finden wir oft eine Art von Zeitmarken, die uns sagen, wann ein Tier ungefähr gelebt haben muss», sagt Meyer.

Um einen Fund in die Erdgeschichte einzuordnen, verwenden Paläontologen sogenannte Leitfossilien: Versteinerte Lebewesen, von denen bekannt ist, wann sie gelebt haben und wie sie sich in der Evolution verändert haben. Häufig sind das versteinerte Tintenfische, auch bekannt als Ammoniten.

Mit deren Hilfe lässt sich eingrenzen, wann eine Fussspur entstanden sein muss. Das macht es einfacher, das dafür verantwortliche Tier zu bestimmen.

Mathematik hilft Forschern

An einer Fussspur lässt sich sogar ablesen, wie der Dinosaurier gebaut war – selbst wenn keine Knochen beim Abdruck gefunden wurden. Hier hilft Mathematik. So weiss man bei Vierfüssern beispielsweise, dass die Fusslänge mal vier gerechnet etwa der Hüfthöhe eines Tieres entspricht. Diese Methode hat Meyer bei Spuren eines Echsenfussdinosauriers bei Moutier im Kanton Bern angewandt. Da die Länge des Hinterfusses 1,20 Meter betrug, muss der Saurier eine Hüfthöhe von 4,80 Metern aufgewiesen haben.

Spuren können jedoch nicht über den ganzen Körperbau Auskunft geben. «Wie lang Hals oder Schwanz waren, darüber kann man ohne Zusatzinformationen nur fantasieren», sagt Meyer.

Aus versteinerten Überresten ziehen Forscher nicht nur Rückschlüsse auf den Körperbau, sondern auch auf den Speiseplan der Dinosaurier. Dafür greifen sie auf modernste Technik zurück: zum Beispiel 3-D-Scans. Damit lässt sich beispielsweise ein Computermodell eines fossilen Saurierschädels erstellen. Dieses wird ergänzt mit mikroskopischen Daten zu Struktur und Dichte der Knochen. Anschliessend berechnet ein Programm, an welchen Stellen der Kauapparat wie viel Druck aushält. «Nur wenn ein Kiefer grossem Druck standhält, ist es möglich, dass er Beute in der Grösse eines Kalbs zermalmen konnte», sagt Meyer. Die Technik wurde beispielsweise am Schädel des Raubsauriers Tyrannosaurus Rex angewandt.

Moderne Technik kommt auch dann zum Einsatz, wenn kein Fossil gefunden wird, sondern nur ein Fussabdruck. Um ihn interpretieren zu können, sind Vergleiche mit bekannten Spuren wichtig. Doch diese sind oft auf der ganzen Welt verteilt.

Hier hilft den Paläontologen der 3-D-Druck. So können sich beispielsweise Schweizer Forscher online den digitalisierten Abguss eines Fussabdrucks aus Japan bestellen, diesen als dreidimensionale Kopie ausdrucken und mit einer lokalen Spur vergleichen. So können sie unter anderem feststellen, ob die Spuren von derselben Saurierart stammen.

Tarnen oder auffallen

Doch so viele Details die Forscher über die längst ausgestorbenen Lebewesen herausfinden können, einiges wird immer ein Geheimnis bleiben – zum Beispiel ihre Färbung. «Da Haut oder Federn nicht versteinern können, weiss man auch nicht, wie ein Saurier wirklich aussah», sagt Meyer.

Zwar seien die Farbnuancen, in denen sie heute häufig dargestellt werden, wahrscheinlich – aber bei weitem nicht sicher. «In der Natur dienen Farben oft entweder der Tarnung oder dem Beeindrucken von potenziellen Sexualpartnern», sagt Heinrich Mallison, Paläontologe an der Universität Berlin.

Weil die Forscher wissen, wie die Landschaft zur Dino-Zeit ungefähr aussah – grosse grüne Pflanzen und lehmig brauner Boden – nimmt man an, dass auch die Tiere in grün und braun gefärbt waren. Ob Dinosaurier aber auch auffälligere Farbpartien hatten, um zum Beispiel Weibchen zur Paarung anzulocken, ist laut Mallison reine Spekulation.

Für plausibel hält er hingegen, dass Dinosaurier Paarungstänze aufgeführt haben. Denn das tun auch Vögel, insbesondere Hühner. «Und sie sind die nächsten noch lebenden Verwandten der Dinosaurier», sagt Mallison.

Andere mögliche Ursachen der Spuren wie Nestbau oder einen Kampf hält er für weniger wahrscheinlich. Denn dafür fanden die Forscher aus Colorado keine Indizien wie Überreste eines Nests oder eines toten Sauriers. Doch ob die Spuren tatsächlich von einem Tanz stammen, wird nie abschliessend geklärt werden. Denn wie plausibel eine Interpretation auch sein mag, sie bleibt immer eine Möglichkeit.

Dieser Artikel ist entstanden in Zusammenarbeit mit Gebert Rüf Stiftung.