Covid-Impfung
Geht der Nobelpreis dieses Jahr an die Erfinder der mRNA-Impfung? Auch dieses Ehepaar würde dann wohl ausgezeichnet

Eigentlich sollte die mRNA-Impfung zuerst gegen Krebs eingesetzt werden. Für ihren Erfolg bei Corona war ein deutsch-türkisches Ehepaar zentral, das mit der ungarischen Biochemikerin Katalin Karikó zusammenarbeitet.

Bruno Knellwolf
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Das deutsche Forscher-Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin von Biontech in Mainz.

Das deutsche Forscher-Ehepaar Özlem Türeci und Ugur Sahin von Biontech in Mainz.

Keystone

Sollte die mRNA-Impfung mit einem Nobelpreis ausgezeichnet werden, so würden wohl gleich mehrere Forscher ausgezeichnet werden: Zu den heissen Kandidaten gehören auch Ugur Sahin und seine Frau Özlem Türeci. Die beiden deutschen Forscher haben das Unternehmen Biontech gegründet und zusammen mit Karikó massgeblich zur Entwicklung des mRNA-Impfstoffs beigetragen. Bei seinem Auftritt am «stars Switzerland Symposium» diese Woche in Schaffhausen erklärte Sahin, wie es möglich war, den Impfstoff gegen Corona in dieser Rekordzeit zu entwickeln.

Die Geschichte beginnt bereits in den 1990er-Jahren. Sahin arbeitet an der Entwicklung von Immuntherapien gegen Krebserkrankungen. Sahin ist fasziniert von der Idee, dass jeder Mensch mit dem eigenen Immunsystem fähig ist, den Krebs zu besiegen. Er träumt von diversen Strategien, um eine personalisierte Krebstherapie zu entwickeln. Dafür arbeitet er auch an der ETH Zürich bei Hans Hengartner und Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel.

Im Jahr 2001 realisiert Sahin, dass er eine Firma gründen muss, um seine Vision weiterzuentwickeln, und lanciert die Firma Ganymed. «Doch 2008 waren wir in einer Krise», erzählt Sahin am Symposium. Keine Pharmafirma interessierte sich für seine Forschung mit monoklonalen Antikörpern.

2009 entsteht die Firma Biontech in Mainz

Investoren hingegen gefiel seine Arbeit: Sahin gründet in den folgenden Jahren mehrere Firmen, 2009 auch Biontech in Mainz. Dort erkennen die Forschenden das grosse Potenzial von mRNA – mRNA steht für Messenger Ribonukleinsäure. Das sind Botenmoleküle, die unsere Zellen auf natürliche Weise tausendfach nutzen. Die mRNA enthält die Baupläne für Proteine. Sämtliche Proteine in unserem Körper werden somit auf der Grundlage von mRNA gebildet. Bei einer mRNA-Impfung wird uns mRNA verimpft, die den Bauplan eines Krankheitsträgers erhält. Dieser Bauplan produziert dann das gewünschte Zielprotein, welches die Antikörperproduktion anregt und so ein Virus bekämpft.

«Niemand glaubte an mRNA. Wir haben viele Jahre investiert, um die mRNA-Technologie zu verbessern», erzählt Sahin. Doch dann kam Corona und änderte alles. Schnell wurde ihm klar, dass daraus eine globale Pandemie entstehen könnte und so schnell wie möglich eine Impfung dagegen entwickelt werden musste. Seine mRNA-Technologie sollte vorerst nicht gegen Krebs, sondern gegen Sars-CoV-2 eingesetzt werden. Das Virus eilte um die Welt, Sahin setzte alle Kräfte von Biontech für den mRNA-Impfstoff ein. Für die Produktion und globale Verteilung konnte Biontech die US-Firma Pfizer überzeugen.

Am 12. Januar 2020 wurde die genetische Sequenz von Sars-CoV-2 publiziert, am 17. März begann die Zusammenarbeit mit Pfizer. Schon Ende April und Anfang Mai begannen die Phase-1-Studien in Deutschland und den USA noch mit vier verschiedenen Impfstoff-Kandidaten. Ende Juli hatten sich Sahin und sein Team für einen Wirkstoff entschieden, mit dem die Phase-2 und 3-Studien in Angriff genommen wurden mit 44000 Probanden. Am 18. November war der grosse Tag für Sahin und Türeci: Die Studie bewies die 95-prozentige Wirksamkeit des mRNA-Impfstoffs, im Dezember wurden in England erste Senioren geimpft. Heute wurde der Impfstoff über einer Milliarde Menschen verabreicht.

Plug-and-Play-Container für Afrika

Um auch ärmeren Weltgegenden eine Impfung zu ermöglichen, baute Biontech Plug-and-Play-Container in Deutschland, die in ärmere Länder geliefert werden und in denen vor Ort mRNA-Impfstoff hergestellt werden kann. «So haben wir in weniger als 12 Monaten eine Produktionsstätte in Afrika», sagt Sahin.

Im Blick auf neue Varianten hat Biontech einen angepassten Impfstoff gegen Omikron BA.5 entwickelt. Sahin räumt ein, dass diese Impfstoffe zwar sehr gut gegen schwere Erkrankungen schützen, allerdings nur zeitlich begrenzt gegen Infektion und Verbreitung. Trotzdem erwartet er «keine dramatische Verbesserung» durch die neuartigen nasalen mRNA-Impfstoffe, obwohl diese vom Prinzip her besser gegen Infektion schützen. Auch Biontech entwickelt solche nasalen Wirkstoffe.

Im Prinzip kann die mRNA-Technologie gegen jeden Krankheitserreger eingesetzt werden. Biontech entwickelt mRNA-Impfstoffe gegen Influenza wie auch gegen Malaria. Auch gegen Zika, die Atemwegserkrankung RSV und die CMV-Infektion mit Herpesviren und sogar gegen Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose ist ein Einsatz möglich. Die mRNA-Impfstoffe werden in Zukunft wohl alte Impfstoffe ersetzen. Sahins Vision bleibt eine mRNA-Impfung gegen Krebs. Diese ist allerdings viel komplexer als die Herstellung eines Impfstoffs gegen ein Virus.