Corti und die Kioskfrau

Aus ökonomischen Gründen würde er gerne nach Hollywood gehen, sagte Hanspeter Müller-Drossaart vor einiger Zeit. So weit hat er es noch nicht geschafft. Mit seinem «Obsi-Nitsi»-Programm kommt er nun in die Ostschweiz.

Reinhold Hönle
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Sie machen momentan Kabarett und drehen gleichzeitig zwei neue Filme. Ein Zeichen, wie begehrt Sie sind, oder wie schlecht beide Jobs in der Schweiz bezahlt sind?

Hanspeter Müller-Drossaart: Ersteres lasse ich gerne einfach mal so stehen, über seinen Lohn redet ein Schweizer eh nicht. Tatsache ist, dass zum Jahresende plötzlich noch die Fördermittel-Budgets ausgeschöpft und mit diesem Geld viele Produktionen möglich werden. So bin ich zeitgleich neben der schon lange fixierten «Obsi-Nitsi»-Tournée am «Sennentuntschi» drehen und beginne direkt danach in Film «Frühling im Herbst» zu spielen.

Ein ziemlicher Stress.

Müller-Drossaart: Ich habe einen Chauffeur, der mich jeden Tag aus dem Bergell zu meinen Vorstellungen ins Tal fährt und in der Nacht wieder retour. Das sind drei Stunden pro Weg, aber Rini macht das so wunderbar, dass ich mich dabei entspannen kann!

Den Mario Corti in «Grounding» hat Ihnen jeder abgenommen. Wie stehen Sie zu seiner Person?

Müller-Drossaart: Ich habe ihn vor etwa einem Monat getroffen. Er war so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: ein aufrechter, mit allen Wassern gewaschener Mann, der zuerst mit Leidenschaft für die Firma und dann für sein Recht gekämpft hat. Leider hat er geglaubt, die Swissair im Alleingang retten zu können.

Wie war die Resonanz auf der Strasse?

Müller-Drossaart: Riesig! Ich bin dauernd auf diese Rolle angesprochen worden. Aber die beste Story hat mir Corti selbst erzählt. Während eines Fluges nach Boston habe ein Typ dauernd zu ihm herübergestarrt. Beim Aussteigen habe dieser sich dann ein Herz genommen und gesagt: «Sie, ich muss Ihnen unbedingt ein Kompliment machen: Den Corti haben Sie einfach super gespielt!»

Sie spielen zurzeit fast in jedem Schweizer Film mit. Wieso machen Sie jetzt auch noch Kabarett?

Müller-Drossaart: Als wir mit dem Theaterstück «Alte Freunde» unterwegs waren, sagte ich einmal kokettierend, irgendwann würde ich Solo-Kabarett machen. Stefan Gubser und Catherine Bloch behafteten mich sofort darauf und sagten, sie würden es produzieren. Darauf stupften sie mich so lange, bis ich tatsächlich Nummern zu schreiben begann.

Was ist schwieriger Kabarett oder Filmemachen?

Müller-Drossaart: Wenn der Kameramann mich beim Dreh fragt, ob ich mich um einen halben Zentimeter nach links drehen und kurz hinaufschauen könnte, jedoch nicht mit dem Kopf, sondern nur mit den Augen, ist das eine ganz andere Situation als am Abend, wenn ich auf der Bühne stehe und weiss, dass ich die Zuschauer in der letzten Reihe erreichen muss. Trotzdem brauche ich für beides ähnlich viel Energie und Präsenz.

Jede Ihrer Figuren spricht einen anderen Dialekt. Wie haben Sie die alle gelernt?

Müller-Drossaart: Meine Mutter war Nidwaldnerin, mein Vater Obwaldner. Dazwischen liegen schon Welten! Dann zogen wir nach Uri, wo ich die Primarschule besuchte, und im Internat pickte ich noch einige Dialekte mehr auf.

Welche Dialekte möchten Sie sich noch aneignen?

Müller-Drossaart: Aargauisch und Solothurnisch sind schwierig. Es würde mich aber sehr reizen, die Unterschiede zwischen Schaffhauser, Thurgauer und St. Galler Mundart zu lernen.

Die Perle Ihres Programms ist Ihre Oberwalliser Kioskfrau…

Müller-Drossaart: Wenn ein Mann eine Frau verkörpert, ist dies immer von hoher Attraktivität, da es die spannendste Art ist, um den Wunsch auszudrücken, jemand anders zu sein, als man ist.

Denken Sie heute anders über Kabarett als vorher?

Müller-Drossaart: Ich habe noch mehr Respekt vor dieser Kunstform, die dich wie keine andere sofort belohnt – oder auch nicht. Während die Zuschauer bei einem schwermütigen Drama wenigstens aus Scham stumm zwei Stunden lang mitleiden, dokumentiert die Dichte der Lacher im Kabarett zu jeder Minute, wie du in Form bist.

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