Coronakrise: Wie in Haushalten die Rollenaufteilung neu verhandelt wird
Reportage

Coronakrise: Wie in Haushalten die Rollenaufteilung neu verhandelt wird

Bild: Claudio Thoma (Zürich, 18. April 2020)

Gerade wird in vielen Haushalten die Rollenaufteilung neu verhandelt. Die Coronakrise beflügelt manche Frauen – wie Ärztin Nina.

Sabine Kuster
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In der Coronakrise. Zwei Freundinnen telefonieren. Die eine sagt: «Bei uns hat sich gar nichts verändert, mein Mann verzieht sich jeden Morgen ins Homeoffice im Dachstock und kommt am Abend wieder runter.» Die andere: «Mein Mann hütet zwei Tage mehr, weil die Kita zu ist und ich die Arbeit nicht aufs Wochenende verschieben kann … Moment, ich komme gleich wieder, eines der Kinder schreit.» Die Frau verlässt ihr Zimmer, schlichtet den Streit zwischen den Kindern. Dabei war der Vater am Hüten.

Das ist kein Witz, sondern Rollenaufteilungsalltag in der Coronakrise.

Das Virus, heisst es, werfe die Frauen zurück in die 50er-Jahre.

In Krisensituationen greife man auf Altbewährtes zurück, schreibt der «Spiegel». Und weil die meisten Frauen weniger verdienen würden und ohnehin Teilzeit und deshalb eher in weniger wichtigen Positionen arbeiteten, seien sie es, die nun zu Hause blieben und die Kinderbetreuung übernähmen, wenn die Schulen zu sind. Eine Autorin im amerikanischen Magazin «The Atlantic» schrieb, die Coronakrise sei ein Desaster für die Gleichstellung von Mann und Frau. Doch abgerechnet wird erst am Schluss.

Das Problem im geschilderten Telefongespräch ist nicht, dass der Vater der Freundin sich im Homeoffice verschanzt, sondern dass die andere Mutter ihr Homeoffice verlässt, um ihrem Mann beim Hüten zu helfen. Ein klassischer Mütter-Fehler: Sie können schlechter loslassen.

Die Mutter war ich. Der Fehler wird mir bewusst, als ich draussen am Tisch im vorgeschriebenen Abstand zu einem Ärzte-Paar sitze. Nina arbeitete bis jetzt 50 Prozent auf der Inneren Medizin eines Zürcher Spitals, ihr Mann Vinzenz 80 Prozent als Augenarzt. Nun hat sich das Verhältnis gedreht: In der Augenklinik werden nur noch dringende Patienten behandelt, und Vinzenz arbeitet nur zwei Tage pro Woche. Nina managt mit einem 90-Prozent-Pensum im Spital die Station mit den mittelschweren Coronafällen.

Sie managt die Coronavirus-Abteilung, er die Kinder: Für Nina und Vinzenz ist die Krise eine Probezeit im guten Sinn.

Sie managt die Coronavirus-Abteilung, er die Kinder: Für Nina und Vinzenz ist die Krise eine Probezeit im guten Sinn.

Bild: Claudio Thoma (Zürich, 18.4.2020)

Die ersten Wochen, bevor klar war, wie heftig die Krankheitswelle ausfallen wird, habe sie schlecht geschlafen, erzählt Nina. Nun sitzt sie energiegeladen am Tisch:

«Ich stehe am Morgen auf und kann einfach gehen. Wenn ich heimkomme, muss ich nicht noch Kinder abholen. Das Nachtessen steht auf dem Tisch, die Wäsche ist gemacht. Wunderbar!»

Sie geniesse es, dass sie mit diesem Pensum mehr Verantwortung übernehmen könne und trotzdem entspannt sei, weil die Kinder (1 und 5 Jahre) nicht fremdbetreut sind. «Vinzenz ist ein super Hausmann und Vater, er macht lässigere Dinge mit den Kindern als ich.»

NinaMutter und Ärztin

Nina
Mutter und Ärztin

Jetzt die Hauptverantwortung, nicht mehr nur «Papitag»

Vater Vinzenz sagt, er sei stolz, dass seine Frau in der Coronakrise an vorderster Front dabei sei. Und: «Ich geniesse es auch, mehr mit den Jungs zusammenzusein. Dass sie mir gegenüber anhänglicher sind, ist ein schöner Nebeneffekt.» Nina findet: «Du weisst jetzt besser, was die Kinder brauchen. Am Papitag hattet ihr bisher primär Spass zusammen.»

Nun ist er es, der zu ihr sagt: «Schalte doch mal den Compi aus.» Früher forderte sie, er solle präsenter sein in der Familie. Vinzenz sagt:

«Die Rollen haben gewechselt. Corona sei Dank.»

Doch wenn die Augenklinik ihren Betrieb wieder voll aufnimmt, wird Vinzenz wieder Vollzeit arbeiten. Und Nina? «Es reizt mich, weiter hochprozentig zu arbeiten. Bisher traute ich mich das nicht, weil die Kinder dann mehr als zwei Tage in die Kita müssten und somit der Stress vor und nach der Arbeit zunimmt.» Vinzenz hingegen sagt, er glaube, den Kindern sei es egal, wie viel sie fremdbetreut seien.

Ob sie ihr Pensum tatsächlich längerfristig aufstockt, kann Nina noch nicht sagen. «Wenn nicht», sagt Vinzenz, «dann hoffe ich, dass du nach der Krise trotzdem mehr von deiner ‹Mental Load› abgibst.» Er spricht von der geistigen Last, also das Organisatorische und das Kümmern in der Familie, das oft bei den Müttern liegt, selbst wenn sie gleich viel arbeiten wie die Männer. Ich schlucke und denke an meine Einmischung ins väterliche Familienmanagement kurz vor dem Gespräch.

Am Tisch sitzt auch Sandra. Sie arbeitet im selben Spital wie Nina, in der Intensivpflege, 80 Prozent, was sich bei den jetzigen 13-Stunden-Schichten auf drei oder vier Tage pro Woche beläuft. Ihr Mann hat als Informatiker keinen systemrelevanten Beruf. Die beiden haben drei Kinder, das jüngste ist achtjährig. Doch Sandra sieht entspannt aus.

Nein, es habe sich in der Rollenverteilung nichts geändert. Beide arbeiten, beide kochen, beide wechseln sich im Homeschooling ab. Die Definition der Rollen, sagt Sandra, hätten sie schon vor Jahren gemacht:

«Wenn ich jetzt nach 13 Stunden heimkomme, ist gekocht, aber die Küche wird erst später aufgeräumt.»

Die Frau solle sich nicht gleich auf die Küche stürzen. «Jeder machts halt anders. Und dass es in einer Ausnahmesituation wie jetzt bei uns etwas häufiger Pizza gibt und die Kinder mehr fernsehen, ist in Ordnung.»

Sie habe den Anspruch aufgeben müssen, das Homeschooling perfekt zu machen. Ihr Mann wiederum habe beim ersten Kind ein volles Jahr gebraucht, bis er sich damit abgefunden habe, dass er morgens die Zeitung nicht mehr lesen könne. Sandra findet: «Solche Entwicklungen brauchen Zeit.»

Lockdown-Bilanz: In anderen Rollen ginge es auch

Die Coronazeit ist ein Testgelände für Frauen wie Nina, die mit einem höheren Arbeitspensum liebäugeln, aber den grösseren Stress für sich und die Kinder fürchten.

Familienvater Vinzenz will Nina auch nach der Krise mehr Last abnehmen.

Familienvater Vinzenz will Nina auch nach der Krise mehr Last abnehmen.

Bild: Claudio Thoma (Zürich, 18.4.2020)

Und die Frauen im Schweizer Gesundheitswesen und jene im Verkauf bekamen nicht nur in der Öffentlichkeit mehr Anerkennung, sondern oft auch von ihren Männern. Ein Vollzeit-Elektroingenieur der ABB in Baden, dessen Frau in der Spitalhotellerie arbeitet, sagt:

«Es hat meine Wahrnehmung verändert: Die Arbeit meiner Frau hat mehr Stellenwert. Auf einen Projektmanager wie mich kann man verzichten.»

Wer wegen Corona einen Rückfall in die 50er-Jahre prophezeit, sollte nicht vergessen, dass die Tatsache, dass nur einer von beiden arbeiten gehen musste, eine Errungenschaft des damaligen Wirtschaftswachstums war. Davor waren nicht nur die Frauen der Unterschicht, sondern auch des Mittelstands meist arbeitstätig: auf dem Hof, in der Fabrik, im familieneigenen Betrieb. Und nun soll die grösste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich bewirken, dass die Frauen in Verhältnisse zurückfallen, die im Wohlstand wurzelten?

Die Wirtschaft kann auf die Frauen weniger denn je verzichten

Falls es vorher irgendwie möglich war, dass die Wirtschaft auf die weiblichen Fachkräfte verzichten konnte – jetzt ist es sicher nicht der Fall: Im Gesundheitswesen arbeiten laut dem Bundesamt für Statistik 80,7 Prozent Frauen, im Verkauf sind es 67 Prozent. Hinzu kommt, dass sie ein deutlich kleineres Risiko haben, an Covid-19 schwer zu erkranken.

Frauen in systemrelevanten Berufen werden in ihrer Rolle als Berufsfrauen gestärkt in der Krise. Bestimmt ist bei vielen die Arbeitslast insgesamt noch stärker gestiegen. Und abends, vor dem Hintergrund der unaufgeräumten Küche, wird jetzt wohl häufiger verhandelt. Aber ohne solche Verhandlungen verändert sich die Rollenverteilung nicht.

Die deutsche Geschlechterforscherin Regina Frey fürchtet zwar ebenfalls, dass Frauen durch die Coronakrise gesellschaftlich den Kürzeren ziehen könnten. Doch gegenüber dem «Spiegel» sagt sie:

«Krisen können auch dazu führen, dass Rollenklischees über Bord geworfen werden.»

Unumstösslich ist der Einblick der Männer, die Homeoffice machen mussten, ins Familienleben zu Hause. In diese «Working Load». Der Mann meiner Freundin, der jetzt im Dachgeschoss arbeitet, fand, sie wasche und koche aber viel. «Das mache ich immer», sagt sie, «es ist dir einfach nicht aufgefallen.»

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