Corona-Impfungen: Die Schweiz hat Verspätung gegenüber den Nachbarn

Österreich will schon im Januar impfen. Die Schweiz erst im Frühsommer, weil es bei uns keine Notfallgenehmigung für einen Impfstoff gibt.

Bruno Knellwolf
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In Österreich soll in zwei Monaten mit der Corona-Impfung begonnen werden.

In Österreich soll in zwei Monaten mit der Corona-Impfung begonnen werden.

Christian Beutler / KEYSTONE

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz geht voran und will schon im Januar mit den Corona-Impfungen beginnen. Und in Deutschland werden bereits die ersten Impfzentren vorbereitet. In der Schweiz wird es erst im Frühsommer eine Impfung geben. Das hat Virgine Masserey vom Bundesamt für Gesundheit am Dienstag erklärt. Warum hinkt die Schweiz den Nachbarn hinterher?

Das hat mit dem Tempo des Zulassungsentscheids zu tun. Eigentlich stehen drei Impfstoffe bereit. Die Schweiz hat vorsorglich Impfdosen bestellt, doch ohne Zulassung der Swissmedic wird es keine Verteilung der Impfdosen geben. Das besorgt die Ungeduldigen, weil die Impfung als der einzige realistische Weg zurück in die Normalität gesehen wird und tatsächlich auch keine Alternative dazu in Sicht ist.

Beschleunigtes Verfahren auch in der Schweiz

Die Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic arbeitet mit den gleichen Verfahren wie die Zulassungsstellen in anderen Ländern auch. Swissmedic behandle alle Gesuche für Impfstoffe oder Medikamente gegen Covid-19 prioritär, erklärt Lukas Jaggi von Swissmedic «Ohne Abstriche bei der Prüfung von Qualität und Sicherheit zu machen. In der Schweiz läuft das Verfahren angesichts der Pandemie sehr schnell, die Pharamfirmen reichen im «rollenden Verfahren» verfügbare Daten aus noch laufenden klinischen Studien in vorher vereinbarten Schritten ein, sobald diese verfügbar sind. Die wissenschaftliche Bewertung der Daten sei in allen Ländern mit vergleichbarer Arzneimittelkontrolle gleich. Wann ein Entscheid über eine Erstzulassung getroffen werden könne, hänge somit zu einem grossen Teil von den Pharmafirmen selbst ab. Wenn für den Zulassungsentscheid so wie in anderen Ländern genügend Daten vorlägen, könne eine Zulassung ähnlich schnell erfolgen wie in anderen Ländern.

Express mit Notfallgenehmigung geht es in der Schweiz nicht

Bei den Corona-Impfstoffen geht das aber nun in anderen Ländern schneller, weil Pharmafirmen dort eine Notfallgenehmigung beantragen können. So wie es Pfizer am vergangenen Freitag in den USA gemacht hat. In der Schweiz ist ein solches «vorzeitiges Inverkehrbringen» eines Corona-Impfstoffes während der Begutachtung aktuell rechtlich nicht möglich, erklärt Jaggi. Trotz der hohen Dringlichkeit des Impfstoffs habe die Sicherheit der Schweizer Bevölkerung oberste Priorität. Ein Impfstoff könne erst zugelassen werden, wenn aus der Dokumentation hervorgehe, dass der erwartete Nutzen grösser ist als die potentiellen Risiken. «Noch erlauben die bisher geprüften Daten keinen abschliessenden Nutzen-Risiko-Entscheid», sagt Jaggi.

Wissenschaftlich und ethisch nicht gerechtfertigt

Da stimmt der Basler Epidemiologe Marcel Tanner von der Covid-19-Taskforce zu: «Die bisherigen Studien-Resultate sind hoffnungsvoll. Aber erst wenn die klinische Testphase III abgeschlossen ist, kann und darf man das Potenzial der Impfstoffe beurteilen. Also Wirksamkeit, Sicherheit und Anwendbarkeit» Eine Notzulassung ist nach Tanner wissenschaftlich und ethisch mit den gegebenen ersten Daten nicht gerechtfertigt. Diese Verzögerung und damit auch die weitergehende Einhaltung der Massnahmen müsse man aushalten, das werde trotz Impfstoff vorderhand auch in Österreich nicht anders sein.

Der Epidemiologe Tanner sagt:

«In der Schweiz verfolgen wir so den beschleunigten, aber normalen wissenschaftlichen und ethisch korrekten Prozess. Ein grosser Teil der Bevölkerung schenkt einem sehr beschleunigten Prozess kein Vertrauen.»

Transparenz und Vertrauen sicherten aber das Mitmachen der Bevölkerung. Der Verzicht auf eine Notzulassung werde uns nicht in Bedrängnis bringen. Lägen alle Daten vor, gelte es eine Güterabwägung zu machen, welche dann die Impfstrategie bestimmeEin solcher Entscheid sei immer eine Güterabwägung. Wäre die Mortalität noch deutlich höher, so wie beispielsweise bei der Infektionskrankheit Ebola, bei der 60 Prozent der Infizierten sterben, wäre die Güterabwägung natürlich ein andere und könnte in diesem Fall eine Notzulassung gerechtfertigen.

Verteilung sollte kein Problem sein

Ist die Zulassung da, muss der Impfstoff so schnell wie möglich verteilt werden. Das hängt auch von den Produktionskapazitäten der Pharmafirmen ab. Die logistische Herausforderung der Verteilung der Impfstoffe, zuerst ans Gesundheitspersonal und danach an Risikogruppen, hält Tanner für machbar. Dafür erarbeite das BAG zusammen mit den Kantonen eine Impfstrategie.