Digitale Revolution
Computer, zahl mir Rente!

Bismarcks Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen, ist nicht zukunftsfähig. Welcher dann? Ein neues Buch widmet sich der sozialen Revolution.

christoph bopp
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Die industrielle Revolution hat mit Massenproduktion und Massenkonsum Wohlstand produziert. Jetzt werden die Industrie-Jobs durch Computer ersetzt.Thinkstock

Die industrielle Revolution hat mit Massenproduktion und Massenkonsum Wohlstand produziert. Jetzt werden die Industrie-Jobs durch Computer ersetzt.Thinkstock

Getty Images/iStockphoto

Leider dies vorweg: Dies ist ein sehr gutes Buch, sehr zu empfehlen. Denn es behandelt ein wichtiges Thema, tut dies aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Ansätzen. Die Autoren der Beiträge sind kompetent und sie können auch so schreiben, dass man es versteht. Und die Beiträge sind nicht zu lang, sodass man mit einigem guten Willen auch durchkommt. Man kann diesem Buch nur viele aufmerksame Leser wünschen.

Das Thema ist: Wir reden von «digitaler Revolution» (auch wenn nicht viel davon wirklich digital ist) oder von «Industrie 4.0» (obwohl da praktisch keine Industrie mehr drin ist, auch wenn man es draufschreibt) und meinen damit, dass in der Arbeitswelt immer mehr von Computern erledigt wird, was bisher menschlicher Arbeitskraft vorbehalten schien. Mit klaren Worten: jede Menge Jobs geht verloren. Optimisten hoffen, dass immer genug «Arbeit» da ist, was auch immer passiert. Ja, zu tun wird es immer geben. Die richtige Frage wäre, ob es immer jemanden gibt, der bereit ist, dafür zu bezahlen.

Und das ist überhaupt nicht sicher. Ja, es ist nicht einmal die Regel. Das Sozialsystem, das der eiserne Kanzler Bismarck im 19. Jahrhundert erfunden hat, hätte es ja sonst gar nicht gebraucht. So aber müssen wir diskutieren, wie wir es umgestalten können. Bismarck schuf ein minimal ausgestaltetes Sicherungssystem mit dem vordringlichen Zweck, die «soziale Frage» zu lösen. Darunter verstand er, die Leute einigermassen ruhig zu stellen, damit die sozialistischen Parteien nicht zu viel Sukkurs bekommen würden. Immerhin war er einer der Ersten in der etablierten Politik, die überhaupt auf die Idee kamen, dass so etwas nötig sein könnte. Die Idee fand aber Anklang. Und die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war dann ein Zeitalter, in dem der «welfare state» als feste Grösse half, demokratische Politik zu stabilisieren.

Arbeitserträge umverteilen

Das Prinzip war, dass Arbeit Wohlstand schafft und man diesen Wohlstand ein bisschen umverteilt. Wenn man sich die Reproduktionsmodelle anschaut, die in der gängigen Wirtschaftswissenschaft leider nicht mehr so hoch im Kurs stehen, sieht man auch schnell, dass das so sein muss. Die Massenproduktion muss mit Massenkonsum parallel gehen, irgendjemand muss alles, was produziert worden ist, auch wieder kaufen. Dazu braucht es Kaufkraft – wieder der Massen. Heute sagt man: Steuern runter, das gibt Kaufkraft. Richtiger wäre: Löhne rauf, denn aus den Löhnen – inklusive der sogenannten «Nebenkosten» (Arbeitslosenversicherung, AHV und andere Abgaben, die dann wieder vom Staat umverteilt werden) – muss alles bezahlt werden. Massenproduktion und Massenkonsum haben nach dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt zu beträchtlichem Wohlstand geführt.

Warum es in dieser heilen Welt dunkler wurde, ist nicht ganz klar. Haben wir einfach schon alles, was wir uns an materiellen Gütern wünschen? Das würde heissen: Die (Güter-)Märkte sind gesättigt. Oder waren es technische Neuerungen (Computerisierung und damit immer mehr Automatisierung und dazu noch Globalisierung), die man schon früher für kapitalistische Krisen verantwortlich gemacht hat (die sogenannten Kondratjeff-Zyklen)? Auf jeden Fall scheint der Kapitalismus mit einem Nachfrageproblem zu kämpfen, das sich in einer zurückhaltenden Investitionstätigkeit (in der Warenwelt und ihrer Produktion) ausdrückt.

Enger Horizont

Und jetzt kommen wir zurück zum «Leider» im ersten Satz. Der Horizont des Buches ist zu eng. Der Titel heisst zwar «Sozialrevolution!» Aber auch das Ausrufezeichen kann nicht ganz kompensieren, dass meist nur vom «Sicherungssystem» die Rede ist. Die autarke Bauernfamilie, die in Not und Schwäche für die ganze Sippe sorgt, wird als Ur- und Wunschbild beschworen. Die industrielle Revolution habe die Idylle gestört und schliesslich den Staat auf den Plan gerufen, um diese «soziale Sicherung» wieder zu gewährleisten. Und jetzt tut sich der Staat (oder sein bürokratisches Sozialsystem) immer schwerer damit, in Zeiten flexibilisierter Arbeitsverhältnisse und am Ende der Massenbeschäftigung diese Aufgabe ausreichend zu erfüllen. So gibt es interessante Texte über substaatliche Sicherungs- und Versicherungsmodelle, über Versuche, wieder «Gemeinschaft» zu schaffen («Neue Wirs») – und das gipfelt dann bald in der Idee des (bedingungslosen) Grundeinkommens.

Ja, das Grundeinkommen ...

Das ist ein bisschen enttäuschend. Erik Brynjolfsson, einer der Autoren, schreibt den bemerkenswerten Satz: «Beim Voraussagen der Zukunft scheint es ironischerweise einfacher, in die weit entfernte Zukunft zu blicken, als den Übergang dorthin zu beschreiben.» Über das Grundeinkommen haben wir ja bereits einmal abgestimmt. Dorthin kommen wir also erst mal nicht. Dass wir über neue Modelle des Umverteilens nachdenken sollten, hat sich auch bei (bürgerlichen) Ökonomen herumgesprochen. Aber vor Ideen wie «New Deal» oder «Reichtumssteuer» schrecken sie zurück. (Das Bild vom Teufel und dem Weihwasser bietet sich an, man darf es aber hier nicht brauchen.) Kreativer wäre die Idee der Einführung von Lizenzgebühren auf geistiges Eigentum (das wären vor allem diese tollen Programme, mit denen die Internet-Giganten Milliarden verdienen), mit denen Sozialtransfers finanziert würden, was Robert Reich vorschlägt. Aber das sieht auch nach Bürokratie aus.

Der Hirnforscher Gerald Hüther deutet an, dass wir uns vielleicht auf die anthropologischen Grundbedingungen der Sozialbeziehungen zurückbesinnen müssten. Muss es immer Markt und Geld sein oder die in ihnen formulierten Anreizsysteme? Oder könnte die «Grosse Entkoppelung» von Produktivität und Einkommen (McAfee/Brynjolfsson) nicht sogar durch neue Modelle der Kombination von bezahlter und unbezahlter Arbeit kompensiert werden? Eine Art Kibbuz im «digitalen Athen»?