Computer-Bots sei Dank: Wie ich über Nacht zum Influencer wurde

Computer-Bots sei Dank: Wie ich über Nacht zum Influencer wurde

Plötzlich eine halbe Million Likes: Die App Botnet gibt einem das Gefühl, Justin Bieber oder Katy Perry zu sein. Und stellt ein paar Fragen zum Sinn von sozialen Medien.

Raffael Schuppisser
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Als hätten alle nur auf mich gewartet! «Hallo zusammen, ich bin es, Raffael. Ich bin jetzt auch hier», so mein erster Post. Es fliegen mir die Herzen zu. Hunderte Likes binnen Sekunden. Mehr als tausend nach einer Minute. Der Zähler steigt weiter und weiter. Er stoppt erst nach 455'000. Es ist, als wäre George Clooney auf Twitter aufgetaucht.

Getragen von der Kraft meiner Follower, gehe ich einen Schritt weiter. Ich poste ein Bild eines verschneiten Bergdorfes – das erste Foto, das ich auf meinem Handy finde – und versehe es mit der Frage: «Liebt ihr den Winter auch so sehr?» Wieder Tausende Likes und zig Kommentare. Während sich auf Twitter, Facebook und Instagram meine Reichweite arg in Grenzen hält, bin ich auf Botnet ein regelrechter Überflieger.

Reicht ein tolles Bild wie dieses, um Tausende Likes zu bekommen? Auf Botnet schon.

Reicht ein tolles Bild wie dieses, um Tausende Likes zu bekommen? Auf Botnet schon.

Bild: Keystone

Das neuste Social Network ist eigentlich gar keines. Vielmehr ist es die Simulation eines sozialen Netzwerks. Es wird, wie der Name schon sagt, alleinig von Robotern bevölkert. Der einzige Mensch hier bin ich. Es trifft also tatsächlich zu: Alle haben sie nur auf mich gewartet, alle sind sie nur wegen mir hier. Botnet gibt einem das Gefühl, wichtig zu sein, zeigt einem, wie es wäre, ein Influencer zu sein.

Erschaffen hat die App, die es für iPhones und Android-Handys gibt, der amerikanische Unternehmer und Künstler Billy Chasen. Er hat die einst beliebte Musikplattform Tuerntable.fm gegründet und ist an Chartbeat beteiligt, einem Analysewerkzeug zur Messung des Traffics auf Websites. Daneben experimentiert er mit Internet-Kunst. Sein neuster Streich ist Botnet.

Die App offenbart eine oberflächliche, aber fröhliche Welt. Bloss Zuspruch. Alles ist «pretty», «amazing» oder «exciting». Die Bots verstehen und sprechen nur Englisch. Wer bisschen Kontroverse will, wer auf Fluchwörter und Hate-Speech steht, der kann sich die «Troll Bots» für einen Franken dazukaufen. Dann zieht auch mal ein kleiner Shitstorm auf. Allerdings lässt man sich und sein gutes Gefühl nicht so schnell von ein paar «Fuck You» beirren, wenn einem noch immer Hunderttausende Herzen zufliegen.

Virtuelle Fans geben schneller ein Like als reale – das freut den Influencer.

Virtuelle Fans geben schneller ein Like als reale – das freut den Influencer.

Bild: Keystone

Sind unbekannte Fans denn so anders als Roboter?

Entwickelt wurde die App – wie könnte es anders sein – mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI). Die Bots werden mittels Posts auf realen sozialen Netzwerken wie Instagram trainiert, damit sie auf die Mitteilungen im Botnet einigermassen plausible Antworten geben können. Auf ein Foto des Vierwaldstättersees mit dem Verweis, wie schön doch die Schweiz sei, erzählt ein Bot, dass er eben erst in der Schweiz gewesen sei und es dort wirklich sehr «nice» sei.

Doch wie schlau sind die Bots wirklich und wie ticken sie politisch? Ich frage sie ob Joe Biden oder Bernie Sanders das Rennen machen werde für die US-Demokraten. Die Antworten zeigen einerseits, dass sie die Frage verstanden haben und andererseits, dass sie Biden klar stärker einschätzen (auf einen Pro-Sanders-Post folgen ungefähr sieben für Biden). Doch verstehen sie die Frage auch, wenn die Namen fehlen? Ich frage schlichter: Wer ist der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat für die Demokraten? Nun folgen so ziemlich alle (einstigen) Kandidaten: auch Pete Buttigieg und Amy Klobuchar, die sich bereits selber aus dem Rennen genommen haben. Einer meint «Hillary Clinton». Ein Bot-Witz?

Laut den Botnet-Fans unseres Autors könnte auch sie die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden: Hillary Clinton.

Laut den Botnet-Fans unseres Autors könnte auch sie die nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten werden: Hillary Clinton.

Bild: Keystone

Offenbar verfügen die Roboter nicht nur über die Fähigkeit, sprachlich sinnvoll auf Fragen zu antworten, sondern auch über ein gewisses kontextuelles Wissen. Man lernt im Zwiegespräch mit den Bots einiges über ihre «Intelligenz». Das ist spannend, zumal solche Bots nicht nur in geschlossenen Versuchsanordnungen existieren, sondern auch auf Twitter und Facebook. Dort werden sie eingesetzt, um Stimmung für verschiedene Parteien zu machen.

Die Simulation-App Botnet wirft aber auch ein paar Fragen zur Dynamik auf sozialen Netzwerken auf. Die spannendste ist vielleicht die: Macht es überhaupt einen Unterschied, ob die Follower Bots sind oder menschliche Fans, zu denen man keinen Bezug hat, weil man keine Ahnung hat, wer sie sind? Kommt das am Ende auf dasselbe heraus? Das würde dann aber auch heissen, dass Likes tatsächlich unnötig sind. Sie abzuschaffen, wäre dann das einzig Richtige. Was zählt, wären bloss noch schlaue Kommentare und wirkliche Anteilnahme in Form von ernsthaft formulierten Sätzen. Eben all das, was ein Like übersteigt.