Comeback nach Reblaus, Franco und Massentourismus

Sogar die spanische Presse staunte: Die sechste Auflage einer Blinddegustation von einheimischen Newcomer-Weinen habe «einige interessante Überraschungen» gebracht, schrieb «El Mundo» in seinem Magazin Ende letzten Jahres.

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Sogar die spanische Presse staunte: Die sechste Auflage einer Blinddegustation von einheimischen Newcomer-Weinen habe «einige interessante Überraschungen» gebracht, schrieb «El Mundo» in seinem Magazin Ende letzten Jahres. Der grösste Coup, den die mit fünf Önologen hochkarätig besetzte Jury präsentierte, war der Siegerwein: Zum besten Newcomer unter 200 Proben wurde ein Wein aus Mallorca gekürt, der rote «Finca Biniagual 2005».

Drei folgenschwere Phänomene

Doch der Triumph eines mallorquinischen Gewächses im innerspanischen Vergleich hat seine Logik und ist exemplarisch für die jüngste Entwicklung einer höchst wechselvollen Weinbaugeschichte. 2000 Jahre lang war Mallorca eine Insel der Reben und des Weins. Drei Stichworte aber stehen für einen Rückschlag im 20. Jahrhundert: die Reblaus, General Franco und der Massentourismus. Die Reblaus dezimierte die Anbaufläche von 30 000 auf 2000 Hektaren, Bürgerkrieg und Diktatur verhinderten einen Wiederaufbau – und als Mallorca von den 60er-Jahren an allmählich zur Touristeninsel avancierte, suchten viele Erben traditionsreicher Winzerfamilien ihr Einkommen lieber in der Hotellerie und im Baugewerbe. Dazu kam, dass der Grossteil der Touristen aus dem Norden auch in den Ferien seine Biervorliebe pflegte, anstatt sich für den einheimischen Wein zu interessieren.

Inzwischen hat sich das Blatt wieder gewendet. Der Weinbau auf Mallorca boomt. Die Mengen sind zwar nach wie vor klein, die Anbaufläche beträgt heute rund 2500 Hektaren. Doch die zahlenmässig rasant anwachsende jüngste Produzenten-Generation – seit 1995 hat sich die Zahl der Betriebe versechsfacht – besteht zumeist aus qualitätsbewussten Familienunternehmen, die oft mit Kleinstmengen arbeiten und aus guten Bedingungen ein Optimum herausholen. Das mediterrane Klima, sind sich Experten einig, ist mit heissen, trockenen Sommern und kurzen Wintern ideal für Weinbau. Es dominieren rote Trauben, neben international verbreiteten Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah kommen auch die einheimischen Callet, Mantonegro und Gargollassa zu Ehren.

Die Finca Biniagual liegt im gleichnamigen Weiler unweit von Binissalem, der Weinbau-Hochburg im Herzen der Balearen-Insel. Seit 1999 werden hier wieder Reben angebaut, 2002 wurde mit der Produktion gestartet. Die Bodega liegt inmitten des 34 Hektaren umfassenden Rebgebietes, was kurze Transportwege des Traubengutes ermöglicht. Der Familienbetrieb verwendet eigenen Schafsmist als Naturdünger, und um Krankheiten rechtzeitig zu erkennen, werden alle 148 000 Stöcke zwischen Blüte und Ernte dreimal inspiziert – ein Fussmarsch von zehn Kilometern täglich, wie vorgerechnet wird.

Ein Wein wider die Klischees

Eines der Ergebnisse dieser minuziösen Arbeit ist der «Finca Biniagual», die Entdeckung des letzten Jahres. Er besteht aus einer Auswahl von 55 Prozent Mantonegro sowie Syrah und Cabernet Sauvignon und wird während 18 Monaten in Barriques ausgebaut. Der prämierte 2005er präsentiert sich in der Nase wunderbar rund, voll und doch luftig. Auf der Zunge ist er weich und zugleich von kräftiger Würze: Ein ausgeglichener Wein mit idealem Schwerpunkt. Sogar ein sehr, sehr reifer Gorgonzola bringt ihn nicht aus der Balance, sondern lässt ihn gar noch kompakter erscheinen.

Kerstin Künzle, die 2006 ihr auf Mallorca spezialisiertes Kleinunternehmen «Mavino» eröffnete, ist sich bewusst, dass sich die Gewächse von der Ferieninsel eher im teuren Segment bewegen, vor allem wegen der kleinen Mengen. Die Akzeptanz aber sei sehr gut, viele Konsumenten hätten lange nach so etwas gesucht. Mit ihrem Vertrieb hilft sie auch, Klischees zu relativieren. Der herbstliche Reife ausstrahlende «Finca Biniagual» passt gar nicht zum oberflächlichen Ballermann-Mallorca. Und mit dem Entwicklungspotenzial, das ihm die Newcomer-Jury attestierte, hebt er sich von den leichten und kurzlebigen Balearen-Weinen von einst ab. (Hn.)

www.biniagual.com www.mavino.ch

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