Jugendsprache
«Chill Di Läbe» – mit ihren derben Sprüchen wollen die Jungen doch nur schockieren

Man müsste eigentlich von einer Fremdsprache reden. Wenn Junge kommunizieren, verstehen Erwachsene oft nur Bahnhof. Oder sie wundern sich über die Derbheit. Beides ist gewollt. Wir haben trotzdem versucht, uns dem Phänomen Jugendsprache(-n) zu nähern. Und stellen fest: Mr sin voll hänge bliibe!

Benjamin Wieland, Brooke Keller
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Der Purple-Park im Basler Gundeldinger-Quartier. «Es isch so Fisch» («Ich verstehe nur Bahnhof») kennen nicht alle Anwesenden. Auch das ist typisch für Jugendsprache: Jede Gruppe hat eigene Codes und Wörter.

Der Purple-Park im Basler Gundeldinger-Quartier. «Es isch so Fisch» («Ich verstehe nur Bahnhof») kennen nicht alle Anwesenden. Auch das ist typisch für Jugendsprache: Jede Gruppe hat eigene Codes und Wörter.

Nicole Nars-Zimmer (niz)

Die Glocke läutet. Ein Schüler betritt das Klassenzimmer – und wird sofort lautstark begrüsst. «Hey Bratan, was lauft?», ruft ihm ein Kollege zu. «Hey Digge, hämmer Test?», schallt es zurück. Der Rest der Klasse trudelt ein. Weitere Sprachfetzen sind zu hören. «Strapazier Nerve nid!», «Gang Di go vergrabe!» und «schliffts?».

Die 1AC der Sekundarschule Pratteln ist mit dem Kopf schon in den Ferien. Es ist der drittletzte Schultag vor Beginn der Sommerferien. Noch einmal müssen die 12- bis 14-Jährigen Hirnschmalz investieren. Jemand von der Zeitung ist da. Möchte erfahren, wie sie heute sprechen, die Jugendlichen.

Bei den üblen Beleidigungen kennt die Lehrerin kein Pardon

Tag für Tag erfährt das Sonja Schaufelberger, die Klassenlehrerin der 1AC. Nicht nur wegen ihres Berufs. Sie hat Söhne im schulpflichtigen Alter. «Für Ohren, die das nicht gewohnt sind, muss es entsetzlich klingen», sagt Schaufelberger. Doch man müsse relativieren. Die heutigen Kinder seien nicht aggressiver oder bösartiger als die Generationen vor ihnen, sie würden einfach gerne derbe Wörter benutzen, sich auch häufig beleidigen. Das sei aber mehr ein Spiel, fast schon ein Ritual.

Nur etwas störe sie: Die ganz heftigen Schimpfwörter, die gerade die Jungs gerne verwenden würden. «Bei ‹Schwuchtel›, ‹tue nid so schwul!› oder frauenverachtenden Begriffen greife ich ein», sagt Schaufelberger. «Diese Wörter akzeptiere ich nicht.»

Jugendslang: Wörter 2019

Bratan / Bratina
Capital Bra, ein Berliner Rapper mit russischen Wurzeln, machte den Ausdruck populär. «Bratan» bedeutet «Bruder» und leitet sich vom russischen «Brat» für Bruder ab. «Bratina» ist die weibliche Form.

Bau moll eine!
Bau einen Joint!

Chill emol / Chill Di Läbe
Nimm es ein bisschen gemütlicher /Kein Stress. Abwandlung ohne Possessivpronomen: «Chill Läbe!»

Du HS
Abkürzung für Hurensohn

Du MG
Abkürzung für Missgeburt

Ehrenmann / Ehrenfrau
freundlicher, besonderer Mensch / Gentleman; Lady

Es isch so Fisch
Ich verstehe nur Bahnhof / Ich komme nicht draus.

Gang Di go vergrabe!
Verschwinde! / Hau ab!

Gömmer go pöffe?
Gehen wir einen Joint rauchen?

Hajde
Aufforderung, sich in Bewegung zu setzen, im Sinne von «Los jetzt!». Der Ausdruck ist vor allem im Serbokroatischen und Albanischen geläufig.

Juckts?
Das interessiert mich nicht.

Lauch
Trottel, Dummkopf, schlaffe Person

Mach keini Faxe
Blödel nicht herum!

Negativ
Mit etwas nicht einverstanden sein

Due nit so schwul!
Sei nicht so zimperlich / sei nicht so empfindlich.

Strapazier Nerve nit
Nerv mich nicht!

Tamam
türkischer Ausdruck, bedeutet «Okay», «in Ordnung».

Uf Di Nacke!
Die nächste Runde geht auf dich! / Du bezahlst!

Vallah
arabischstämmiger Ausdruck für «Ich schwöre bei Gott».

Voll däne
betrunken / bekifft / verladen sein.

Voll hänge bliibe
Eine lange Leitung haben.

Zigüner
Person, die häufig etwas von anderen will / Schmarotzer.

Nach wir vor im Trend

(Hey) Alte / Junge / Bro! 
(Hey) Bruder! / freundschaftliche Anrede

fail
jemand hat etwas Doofes gesagt oder getan.

hobbylos
Jemand Gelangweiltes / Person, die nichts (Besseres) zu tun hat.

LOL
Abkürzung für «Laughing out loud», wird als «Lol» ausgesprochen.

(Du) Maschine!
(Du) Held!

Sorry Star!
Gib nicht so an! / Sorry, Du weisst ja alles besser.



Quellen: eigene Befragungen; Begriffe Mann / Frau: Claudia Janetzko / Marc Krones / Eva Neuland / Uni Wuppertal

Schon immer war es eine zentrale Aufgabe der Sprachen von Jugendlichen, die Erwachsenen zu schockieren. Die Schimpfwörter oder sexualisierten Begriffe sind verbale Grenzsteine zwischen der Welt der Jugend und der Welt der Grossen. Wie Ortschilder zeigen sie an: «Das ist unser Territorium. Ihr gehört nicht dazu!»

Die Abgrenzung kann sich aber auch gegen Gleichaltrige richten. Etwa gegen solche, die man nicht cool findet. Weil sie andere Musik hören, andere Hobbys haben, sich anders kleiden. Die Abgrenzung funktioniert dann weniger über Kraftausdrücke, sondern über interne Kommunikation.

Die Mitglieder einer Gruppe handeln aus, wer sie sind. Das geschieht vor allem über die Definition, was sie nicht sind, also ex negativo. Andere Gruppen werden benannt, beschrieben, häufig auch abgewertet: «Die sind so, wir aber nicht!» Die Linguistik spricht von der Schaffung von Identität und Alterität.

Und trotzdem: Jugendliche können ihren Sprachgebrauch flexibel variieren. Je nachdem, welche Stilebene gefragt ist. Schweizer Forscher fanden heraus: Schüler verwenden privat zwar häufig Emojis, etwa in «Whatsapp»-Chats. In Aufsätzen jedoch kommen die Gesichtlein kaum vor. «Offenbar wissen die Schüler: Da passt das einfach nicht», sagt Martin Luginbühl, Professor an der Universität Basel.

Leonita, eine Schülerin der 1AC der Sek Pratteln sagt, mit ihrer Mutter würde sie niemals sprechen wie mit Freundinnen. «Wenn sie schlecht drauf wäre und ich würde zu ihr gehen und sagen ‹Hey Alte, was lauft›, dann gäbe das einen fetten Ausraster!»

Die Jugendlichen passen ihre Kommunikation auch an (potenzielle) Zuhörer an, die sie nicht kennen. «Was wir aufschnappen», sagt Luginbühl, «etwa im Tram, ist immer der Sprachgebrauch von Jugendlichen im öffentlichen Raum. Die wissen, jemand Erwachsenes hört zu. Häufig unterhalten sie sich vor Publikum absichtlich sehr laut. Damit sie auch ja gehört werden.»

Bezeichnungen für die Frau

Vor 1900 
Flotter Besen, Grazie, Nymphe

1900 – 1930 
Flamme, Schnalle, Maus

1960 – 1970 
Biene, Mieze, steiler Zahn

1970 – 1980 
Puppe, Schnecke, Torte

1980 – 1990 
Braut, Sahneschnitte, Schnalle

1990 – 2000 
Feger, Tussi, Perle

Nach 2000 
Chica, Chick

Bezeichnungen für den Mann

Vor 1900 
Camuff, Laffe

1900 – 1930 
Armleuchter, Dusel

1960 – 1970 
Heini, Trottel, Macker

1970 – 1980 
Knalltüte, Obertrottel, Hammertyp

1980 – 1990 
Scheich, Hirni, Spasti

1990 – 2000 
Nullchecker, Spacko, Lover

Nach 2000 
Loser, Honk, Opfer

Quellen: eigene Befragungen; Begriffe Mann / Frau: Claudia Janetzko / Marc Krones / Eva Neuland / Uni Wuppertal

Die Klage, dass die Jugend nicht mehr korrekt reden könne und die Grammatik vor die Hunde gehe, ist bereits fürs Altertum belegt. Die ersten deutschsprachigen Wörterbücher für Jugendsprache stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie beschreiben den Wortschatz der Studenten. «Die Studenten, ausschliesslich Männer, besassen eine ausgeprägte Gruppensprache. Sehr gängig bei ihnen war, einem Wort eine neue Bedeutung zu verleihen», sagt Luginbühl.

Einige Begriffe kennen wir noch immer, zum Beispiel spicken (von spähen) oder Jux für Spass. Eine wichtige Rolle spielten Latein und Französisch. Was auch die frühen Sprachforscher rasch bemerkten: Die Studentensprache variiert stark, je nach Stadt, je nach Universität, je nach Burschenschaft. Und der «Slang» der Studenten veränderte sich ständig. Das Problem kennen Verlage bis heute: Kaum erschienen, sind Wörterbücher veraltet.

Die Migranten beleben die Sprache – und ihr Einfluss steigt

Der Purple-Park hinter dem Bahnhof SBB. Jugendliche auf Skateboards oder BMX-Rädern zeigen ihre Tricks. Einer davon: Anatoliy. Wir zeigen ihm eine Liste mit Jugendwörtern. Er kenne fast alle, sagt er, sein Favorit sei aber das aus dem Russischen abgewandelte Bratan. «Ich spreche zu Hause Russisch und Ukrainisch.»

Die Jugendsprache ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Die Sprachen von Immigranten fliessen über die Schule in den Wortschatz der anderen Jugendlichen ein. Die Mehrsprachigkeit wird laut Luginbühl noch an Bedeutung gewinnen. Englisch bleibe zwar dominierend. Aber es kämen viele weitere Sprachen hinzu. Etwa Versatzstücke, Begriffe und Wendungen aus dem Spanischen und Türkischen, in der Schweiz aber vor allem aus Balkansprachen. Ihre wichtige Rolle behalten Dialektwörter und Abkürzungen.

Etwas jedoch wird sich nicht ändern bei der Jugendsprache: Das Erstaunen in den Gesichtern von Erwachsenen, wenn sie Jugendliche sprechen hören.