Chefärzte ohne Grenzen: Nicht alle können mit Machtpositionen umgehen

Die Skandale um hochrangige Ärzte häufen sich. Hat das mit ihren Positionen zu tun? Macht kann das Verhalten von Menschen verändern.

Niklaus Salzmann
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Sie hätten es nicht nötig. Wer Chefarzt an einem Schweizer Spital ist, hat einen Spitzenlohn und grosses Renommee. Doch dies scheint nicht allen zu reichen. Gleich vier Chefärzte sind in den vergangenen Wochen in die negativen Schlagzeilen gekommen, weil sie ihre Positionen missbraucht haben sollen, um sich zu bereichern oder ihren Ruf zu stärken.

Der soll in Berichten über Operationen die aufgetretenen Komplikationen unterschlagen, in wissenschaftlichen Publikationen Ergebnisse beschönigt, Bewilligungsgesuche mit irreführenden Angaben eingereicht haben. Ein anderer soll im OP eine Technik angewandt haben, für die er keine Bewilligung hatte. Ein dritter habe gleichzeitig drei Operationen durchgeführt, und ein vierter sich systematisch Patienten in seine Privatklinik überwiesen. Noch laufen die Untersuchungen, es gilt die Unschuldsvermutung. Doch auch falls sich nicht alle Vorwürfe bestätigen, bleibt die Frage: Häufen sich bei Menschen in derartigen Positionen die Verfehlungen? Neigt ein Chefarzt eher dazu, sich nicht an die Regeln zu halten, als ein Assistenzarzt?

Eine Machtposition kann Menschen verändern - nicht immer zum Guten.

Eine Machtposition kann Menschen verändern - nicht immer zum Guten.

Bild: Getty Images

Die Grenzen aus den Augen verlieren

«Ein mächtiger Mensch darf sich grundsätzlich mehr erlauben», sagt Petra Schmid, die als Psychologieprofessorin an der ETH Zürich derartige Fragen erforscht. «Da kann er irgendwann die Grenze dessen, was er tun darf, aus den Augen verlieren. Seine Position kann zum Gefühl führen, dass ihm niemand was anhaben kann.»

Jedoch hat Macht nicht auf alle Menschen dieselbe Wirkung. «Es ist nicht so, dass Macht die Menschen allgemein rücksichtsloser machen würde», sagt Schmid. «Ein Machtgefühl verändert das Verhalten der Leute, doch in welche Richtung diese Veränderung geht, hängt von der Persönlichkeit ab.» Ob jemand ethische Normen respektiert oder nicht, ist also eher eine Frage des Charakters als der beruflichen Position. Doch wenn eine Person Macht erhält, treten bereits vorhandene persönliche Eigenschaften stärker zum Vorschein. Ein nicht ganz ehrlicher Mensch verzichtet als Assistenzarzt vielleicht noch auf die Beschönigung eines Berichts, weil seine Vorgesetzten dies nicht gutheissen. Wird er später Klinikdirektor, steht ihm nichts mehr im Weg.

Kaum kritisches Feedback

Dazu kommt, dass Menschen in hohen beruflichen Positionen im Allgemeinen wenig kritisches Feedback erhalten. Marianne Schmid Mast, Professorin für Organisationspsychologie an der Universität Lausanne, erklärt:

«Für Untergebene kann es gefährlich sein, Kritik an Vorgesetzten zu üben. Dadurch fehlt Menschen in hohen Positionen zuweilen der Realitätscheck.»

Falls sich die Vorwürfe in den aktuellen Fällen erhärten, haben sich einzelne Chefärzte gar direkt rücksichtslos gegen Patientinnen oder Patienten verhalten. Laut einem Gutachten sei zum Beispiel einer Frau ein Teil eines Hirnlappens herausgeschnitten worden, ohne dass sie darüber informiert wurde. Haben Chefärzte womöglich öfters ein Problem mit der Empathie?

Empathie nimmt während des Studiums ab

Marianne Schmid Mast sagt: «Bei Medizinstudierenden nimmt die Empathie während des Studiums ab.» Das müsse aber danach nicht so bleiben. Der Effekt werde der Lernbelastung der Studierenden zugeschrieben. Wie sich später ein Aufstieg in eine Machtposition auf ihr Einfühlungsvermögen auswirkt, ist eine andere Frage. Studien dazu gibt es diverse. Sie laufen ungefähr so ab: Die Probandinnen und Probanden der Gruppe A schreiben einen Aufsatz über eine Situation, in der sie sich mächtig gefühlt haben. Gruppe B schreibt derweil über ein neutrales Thema. Wer der Gruppe C zugeteilt wurde, muss wiederum eine Situation beschreiben, in der sie oder er sich machtlos fühlte. Danach werden allen Gruppen dieselben Bilder von Menschen vorgelegt, deren Emotionen sie einschätzen müssen.

Die Resultate solcher Studien zeigen aber kein eindeutiges Bild. Die einen kommen zum Schluss, dass die Empathie mit der Macht abnimmt. Andere kommen zum gegenteiligen Ergebnis, so auch Marianne Schmid Mast: In einer von ihr durchgeführten Studie gelang es den Mächtigen besser, andere Menschen einzuschätzen.

Die jüngsten Skandale um Chefärzte

1. Heftig in der Kritik steht derzeit das Unispital Zürich, wo gleich drei Chefärzte mit schweren Vorwürfen konfrontiert sind. Francesco Maisano, Leiter der Klinik für Herzchirurgie, soll Berichte zu neuartigen Implantaten geschönt und davon über Beteiligungen an Firmen auch finanziell profitiert haben. Maisano ist derzeit beurlaubt.

2. Bei Daniel Fink, Chef der Gynäkologie, sorgten die Operationspläne für Stirnrunzeln: Er war für bis zu drei Operationen gleichzeitig eingetragen. Er hat das Unispital inzwischen verlassen.

3. Martin Rücker, Direktor der Kieferchirurgie, hat am Unispital möglicherweise Bestätigungen für Stages, die nie stattgefunden haben, ausstellen lassen. Zudem soll er systematisch Patientinnen und Patienten an seine private Praxis überwiesen haben. Auch er wurde beurlaubt.

4. Ein vierter Fall betrifft den ehemaligen Direktor der Neurochirurgie am Kantonsspital Aarau, Javier Fandino. Er soll bei einer Operation eine Technik angewendet haben, über die er die Patientin nicht informierte und für die er keine Bewilligung hatte. Ende April hat das Kantonsspital die Trennung von Fandino bekanntgegeben, ohne der Öffentlichkeit Gründe zu nennen. Laut Fandino hat das Spital ihm gegenüber eine "unterschiedliche Auffassung über den Führungsstil sowie insbesondere in der Kommunikation mit Vorgesetzten" genannt, jedoch keine Haftpflichtfälle oder medizinische Behandlungen mit der Kündigung in Verbindung gebracht.

Empathie kann mit Macht auch zunehmen

Offenbar können also beide Effekte eintreten. «Entscheidend ist, wie jemand Macht interpretiert», sagt Schmid Mast. Bei Menschen, die in ihrer Macht in erster Linie eine Verantwortung gegenüber anderen sehen, nehme mit dem Machtgefühl auch die Empathie zu. Wenn hingegen jemand Macht hauptsächlich als Gelegenheit betrachte, sich persönlich zu bereichern, nehme die Empathie ab und die Anfälligkeit für Korruption zu.

Es würde also im Interesse eines Spitals liegen, Führungspersonen des ersten Typs einzustellen. «Sinnvoll wäre es, das System zu demokratisieren», sagt Schmid Mast. «Wenn die Untergebenen bestimmen, wer aufsteigt, wird es besser.» Zudem sollte ein Umfeld geschaffen werden, in welchem Fehler zugegeben werden dürfen. Am Unispital Zürich ist der Arzt, der mutmasslich Komplikationen in Operationen verschwiegen hat, noch angestellt – der Whistleblower, der die Probleme gemeldet hat, wurde dagegen entlassen.

Noch eines fällt beim Blick auf die Chefarzt-Skandale auf: Bei allen vier handelt es sich um Männer. Zufall? Schwer zu sagen. Denn auf dieser Ebene gibt es ohnehin nur wenig Frauen; die Schweiz hat im Schnitt nur eine Chefärztin auf sieben Chefärzte. Doch laut Petra Schmid zeigen Männer auch grundsätzlich mehr Verfehlungen. «Männer halten sich weniger an Normen als an Frauen», sagt die Professorin. «Das könnte damit zusammenhängen, dass Männer sich grundsätzlich mächtiger fühlen, wie sich in Studien zeigt.» Interessant ist der Umkehrschluss: Wenn es gelingt, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen, sollte Machtmissbrauch seltener werden.