Greta mit Schifffahrtspatent: Wieso sich Seenotretterin Carola Rackete auch für die Umwelt einsetzt 

Carola Rackete nutzt ihre Bekanntheit als Seenotretterin für einen Appell zum radikalen Umweltschutz. 

Pascal Ritter
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Kapitänin Carola Rackete will nicht nur die Bootsflüchtlinge retten. (Bild: Getty)

Kapitänin Carola Rackete will nicht nur die Bootsflüchtlinge retten. (Bild: Getty)

Carola Rackete empfiehlt in ihrem Buch, dort zu handeln, wo man am meisten Wirkung erzielt. Diese Woche scheint dieser Ort für die Seenotretterin in der Schweiz zu sein. Am Montag trat sie in Genf vor Studenten auf, am Dienstagabend diskutierte sie im SRF-Club und heute präsentiert sie ihr Buch im Zürcher Kaufleuten.

Rackete ist zu einer der gefragtesten medialen Figuren des deutschsprachigen Raumes geworden. Dabei beteuert sie stets, die Aufmerksamkeit gar nicht gesucht zu haben.

Die Sache mit der verbotenen Hafeneinfahrt

Bekannt wurde die 31-jährige deutsche Kapitänin mit den Rastalocken, weil sie im Juni dieses Jahres in einem spektakulären Manöver in den Hafen von Lampedusa einfuhr, obwohl italienische Beamte sie daran hindern wollten. An Bord waren 40 Migranten, welche die private Seenotrettungsorganisation «Sea Watch» in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste von ihren Schlauchbooten geholt hatte. Rackete wurde vor laufenden Kameras von italienischen Polizisten verhaftet. Es war der Höhepunkt einer längeren Eskalation.

Italien, das früher selber im Mittelmeer Seenotrettung betrieb, hatte Rackete und ihrer Crew verboten, in seine Gewässer zu fahren. Der damalige Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega hatte per Dekret zu verhindern versucht, dass die Migranten nach Italien kommen. Nur medizinische Notfälle, Schwangere und Kinder wurden von der Küstenwache abgeholt. Die Besatzung und die übrigen Geretteten gelangten an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, doch dieser wies ihr Anliegen ab. Es bestehe kein unmittelbares Risiko, dass die Bootspassagiere einen irreparablen Schaden davontragen würden. ­Während sich auch andere Mittelmeerstaaten weigerten, die Bootsflüchtlinge aufzunehmen, boten Dutzende deutsche Städte an, einzuspringen. Trotzdem tat sich 16 Tage lang nichts. «Wir schwitzen hier, weil andere, die in klimatisierten Büros sitzen, entscheiden, nichts zu tun», fasst Rackete ihre Sicht der damaligen Lage in ihrem Buch zusammen.

Dann entscheidet Rackete. Sie läuft in den Hafen von Lampedusa ein. Ein italienisches Zollboot versucht noch, sie zu blockieren. Die Schiffe touchieren sich, die Migranten können von Bord gehen und Carola Rackete wird verhaftet. «Ich tue, was getan werden muss, weil andere nichts tun wollen. Ich höre auf zu hoffen, es ist Zeit zu handeln», schreibt sie. In ihrem Buch stellt sich Rackete als Heldin wider Willen dar.

Interessiert an «World of Warcraft» statt Politik

Für Politik habe sie sich während ihrer Jugend in der Nähe von Celle (Niedersachsen) lange gar nicht interessiert. Als ihre Schulkollegen eine Greenpeace-Ortsgruppe eröffneten, machte sie nicht mit. Sie sei überrascht gewesen, als ihr eine Freundin vorschlug, Politik zu studieren. Sie entschied sich für ein Fachhochschulstudium der Nautik. Es wurde die Grundlage dafür, dass sie heute im Rampenlicht steht. Das Scheinwerferlicht nutzt sie einerseits, um auf die Schande Europas aufmerksam zu machen, also die Unfähigkeit, das Sterben im Mittelmeer zu verhindern. In ihrem Buch geht es aber noch um etwas ganz anderes.

Sie macht aus ihrer Rettungsaktion in Seenot eine Metapher für den Umgang der Menschheit mit dem Planeten Erde. Sie habe gehandelt, weil sie die Sicherheit an Bord nicht mehr gewährleisten konnte. Den gleichen Notstand verhängt sie nun in bester Greta-Thunberg-Manier für die ganze Welt. Dass die Flüchtlinge ihre Heimat verlassen, habe direkt und indirekt mit unserem Umgang mit den Ressourcen zu tun. Die Menschen würden von Dürren und Fluten vertrieben oder flüchteten vor Konflikten um knappe Ressourcen. In einer deutschen Talkshow tauchte Rackete mit einem T-Shirt der radikalen Klimaaktivisten «Extinction Rebellion» auf. Ihr Buch liest sich nun über weite Strecken ähnlich wie deren Texte. Sie zählt Fakten zu Erderwärmung und globaler Ungerechtigkeit auf und drängt auf Aktionen.

Der Menschheit bleibe nicht mehr viel Zeit, um quasi das Ruder herumzureissen. Statt sofort zu handeln, würden die Politiker versagen. Sie plädiert für einen Systemwechsel letztlich weg vom Kapitalismus. Politik und Wirtschaft würden heute ein «mächtiges Netzwerk» bilden und angemessenes Handeln gemeinsam vereiteln. Auch der repräsentativen Demokratie erteilt Rackete eine Absage. Und auch Volksentscheide an der Urne seien nicht die Lösung. Sie plädiert für Bürgerversammlungen, die per Los zusammengestellt werden, und für «öffentliche Diskurse auf kommunaler Ebene».

«Wir können nicht warten, bis sie uns in einen Hafen lassen und dann dort mit Menschen verfahren, wie es ihnen beliebt. Wir müssen vielmehr die Ordnung stören und damit die Möglichkeit für eine gerechtere Welt schaffen», redet sie ihren Lesern schriftlich ins Gewissen.

Sie verflechtet ihre Anliegen mit Berichten von ihrer Zeit auf dem Mittelmeer und im Hausarrest auf Lampedusa. Die Wechsel zwischen Erzählung und Appell sind teilweise abrupt. Ab Seite 142 wird der Lesende dann persönlich angesprochen (man ist per Du). Das Wirtschaftsstudium solle man hinschmeissen und sich dem Widerstand anschliessen, lautet die Botschaft. Von Fleisch und Flugreisen wird dagegen dringend abgeraten.­­­­

Nach einem kurzen Hausarrest auf Lampedusa kam Rackete wieder frei. Eine Richterin erklärte ihre Einfahrt als legitim. Am Montag in Genf sagte sie, gefragt nach ihren Plänen: «Ich bin wohl der unorganisierteste Mensch im Raum und schon froh, wenn ich weiss, was ich nächste Woche mache.» Nicht ausgeschlossen ist, dass sie sich noch wegen unerlaubter Hafeneinfahrt oder Beihilfe zur ille­galen Einreise wird verant­worten müssen. Das Boot «Sea Watch 3» liegt derweil blockiert im Hafen.

Handeln statt Hoffen: Aufruf an die letzte Generation

Droemer-Verlag, gebunden, 196 Seiten.