Carmen geht nach Hollywood

Bühnenwirklichkeit und Leinwandillusionen werden in der St. Galler Neuauflage des Klassikers «Carmen» flirrend ineinander geblendet – eine starke Klammer für die ansonsten konventionell erzählte Produktion mit einer überaus präsenten Hauptfigur.

Bettina Kugler
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Blickfang: Carmen (Mary Ann McCormick) spielt für Zuniga (Tijl Faveyts) die Femme fatale. (Bild: Hanspeter Schiess)

Blickfang: Carmen (Mary Ann McCormick) spielt für Zuniga (Tijl Faveyts) die Femme fatale. (Bild: Hanspeter Schiess)

Diese Frau braucht keinen roten Teppich und keine Showtreppe für glamouröse Auftritte. Wenn sie dann doch, umrauscht vom Amüsierbetrieb der Goldenen Zwanziger, an der Seite von Escamillo als Hollywood-Diva ihren Triumphzug feiert, ist das durchaus ein Tränchen wert, verstohlen wie im Kino. Ganz L. A. liegt Carmencita zu Füssen: Im Hintergrund flirren die Lichter jener Stadt, die Illusionen am laufenden Meter herstellt – nicht nur im Kopf eines einfachen Unteroffiziers, der sich zu Beginn, sichtlich mitgenommen von einem bereits durchlebten Film, in einem halbdunklen leeren Kinosaal auf dem Proszenium niederlässt. Das Gefüge von Ort und Zeit ist ziemlich durcheinandergeraten, innere und äussere Bilder verschmelzen irritierend.

Stummfilmprojektion

Ob nämlich in St. Gallen die «unerhörte Begebenheit» aus der Novelle Mérimées, der Oper Bizets in ihrer urwüchsigen Dialogfassung über die Bühne geht oder eine täuschend echte Projektion, eine Überblendung aus Männerphantasien, Publikumserwartungen, Opern-Topoi und dem Stummfilmklassiker von Ernst Lubitsch – das bleibt in Franziska Severins Inszenierung bis zum Schluss offen. Die Projektionsfläche für die Regiephantasien der Operndirektorin, in Gang gesetzt von einem so unerschöpflichen wie gut abgehangenen Stoff, stammt von Ausstatter Stefan Mannteuffel: eine Gazeleinwand für Simultanszenen, ein Stahlgerüst als Bühne auf der Bühne, anfangs nicht mehr als ein opakes Fenster in eine vielleicht nur eingebildete Welt der Blendung und Verführung.

Verführerischer Sog geht nicht nur von den Filmbildern der Zwanziger aus, die wie ein Vorspann die Ouverture begleiten – Dirigent Frédéric Chaslin lässt sich keinen Sekundenbruchteil der affektgeladenen, dabei französisch luftigen Partitur entgehen. Im Stummfilm-Tempo peitscht er das Sinfonieorchester St. Gallen voran, die Musiker folgen ihm leichtfüssig, mit geballter, gut dosierter Energie und flirrenden Farben. Das Schwarz-Weiss der Kinogesten, ihr heute kantig wirkendes Pathos wird dabei subtil koloriert, und auch manche darstellerische Einförmigkeit der Sänger auf der Bühne mit mehr emotionalen Schattierungen versehen.

Vollblutweib-Machismo

Ihre Position als Dreh- und Angelpunkt des Interesses lässt sich die Amerikanerin Mary Ann McCormick in der Titelrolle nicht streitig machen. Weder von einem tenoral auftrumpfenden, dabei das zaghafte, schwärmerisch Lyrische ein wenig vernachlässigenden Javier Palacios als Don José, noch vom Macho-Gebaren eines Escamillo, das sie sich auf ihre Art zu eigen gemacht hat, ist sie stimmlich in die Schranken zu weisen. Zumal Angelo Veccia mit wenig Substanz in der Tiefe und unruhigem Flackern in der Mittellage enttäuscht. Im stummen Spiel gefällt Javier Palacios differenzierte Charakterzeichnung, etwa des Coup de foudre im ersten Akt; singend verfällt er dagegen in hilflose Heldengesten – immerhin auch eine Seite Don Josés. Lediglich Zuniga (der Belgier Tijl Faveyts) spricht und singt verständliches Französisch und macht auch stimmlich viel aus seinem kleineren Part.

Die in Carmen projizierte Androgynität in Kostüm und beiläufigem Frauenflirt reibt sich an Mary Ann McCormicks massiver weiblicher Präsenz. Schwerlich verkörpert sie die singvogelhafte Flüchtigkeit, die sie in der Habanera heraufbeschwört, umso mehr, als ihr zuweilen etwas brustiger Mezzosopran üppige Sinnlichkeit verströmt. Nicht als ernsthafte Gegenspielerin, aber doch als Gegenpol blüht Angela Fout in der Partie der Micaela auf. Überwiegt in ihrem ersten Auftritt noch die operettenhafte Unschuld vom Lande, so schwingt sie sich im vierten Akt zu herzenswarmem, natürlich strömendem Ausdruck auf: ein Moment der Authentizität im Schnelldurchlauf der Illusionen.

Von Roadmovie bis Melodram

Eine Reihe von Filmgenres zitieren Franziska Severin und Stefan Mannteuffel in ihrem Carmen-Remake, ohne die konventionelle Erzählung aufzugeben. Springlebendig agieren die Kinder von Chor und Tanztheaterschule (Choreografie: Pascale Sabine Chevroton); im Gauner-Quintett des zweiten Aktes bieten mit Evelyn Pollock, Giedré Povilaityté, Stefan-A. Rankl und David Maze Ensemblekräfte den Gästen schauspielerisch lässig Paroli. Melodram wechselt mit Roadmovie, pittoreskem Kostümkino, bildstarkem Leinwandmythos.

Seinen Höhepunkt erreicht es im Schmuggler-Akt – im Zeichen des unheilvoll die nächtliche Stadt überragenden Stiers. Wie das Hollywood-Sign thront er auf dem Podest dieses Durchgangsortes; er steht nicht mehr nur für spanisches Kolorit, für animalische Triebkräfte, Corrida und das Spiel mit dem Tod. Sondern für die übermächtige Potenz der Traumfabrik, der die Regie erlegen ist: mit überaus vertrauten Bildern und etwas Kopfkino am Rande.

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