Medizin
Cannabis für Patienten: Wem es nützt, wem nicht

Die Parlamentarier wollen vorwärtsmachen und Pilotprojekte ermöglichen: Krebs- und Multiple-Sklerose-Kranke würden vom Hanf-Konsum profitieren.

Nicola Imfeld
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In der Schweiz können Patienten noch kein medizinisches Hanf erhalten. In vielen anderen Ländern ist dies bereits möglich.John Locher/AP/Keystone

In der Schweiz können Patienten noch kein medizinisches Hanf erhalten. In vielen anderen Ländern ist dies bereits möglich.John Locher/AP/Keystone

KEYSTONE

Die Hälfte der Bundesstaaten der USA, Kanada, Spanien, Italien und Holland tun es bereits: Cannabis für therapeutische Zwecke einsetzen. Auch in Deutschland bekommen Patienten seit diesem Jahr im Einzelfall medizinisches Hanf. In der Schweiz gibt es Cannabis aus der Apotheke noch nicht. Legal ist nur das sogenannte CBD-Cannabis, das keinen Rausch auslöst.

Nachdem das Bundesamt für Gesundheit im November eine geplante Cannabis-Studie der Universität Bern stoppte, haben die Parlamentarier am Mittwoch zur Offensive geblasen. Sie wollen möglichst rasch Cannabis-Pilotprojekte ermöglichen. Davon könnten nicht nur Kiffer, sondern auch die Medizin profitieren.

Das Verwenden der Cannabispflanze als Arzneimittel ist keine Neuheit. Die ältesten Hinweise finden sich in einem chinesischen Heilpflanzenkompendium aus dem Jahr 2737 vor Christus. 1964 begann die moderne Cannabis-Forschung mit der Isolierung des psychoaktiven Haupt-Cannabinoides THC. Inzwischen gibt es zu den therapeutischen Möglichkeiten und gesundheitlichen Folgen des Cannabis-Konsums zahlreiche Studien. Doch welche Erkenntnisse gelten heute als gesichert?

Eine gigantische Metastudie, also eine Studie von Studien und anderen Metastudien, die von Medizinern, Psychologen und Neurowissenschaftern namhafter US-Universitäten 2017 veröffentlicht wurde, gibt Aufschluss. Die Forscher haben über 10 000 wissenschaftliche Arbeiten durchkämmt.

Hanf beruhigt ADHS-Jugendliche

Zunächst die guten Nachrichten: Es gibt positive Effekte von Cannabis. Gemäss den Forschern ist erwiesen, dass THC gegen chronische Schmerzen und gegen Übelkeit in der Chemotherapie hilft. Auch bei multipler Sklerose hilft Hanf, weil es die Heftigkeit von Spasmen und Krämpfen lindert.

Bei der Behandlung von Aufmerksamkeitsdefiziten (ADHS) bei Jugendlichen wirkt Cannabis beruhigend. Gesundheitlich gibt es zwei Komponenten: Wenn es um das Suchtpotenzial geht, sind Cannabinoide für ADHS-kranke Jugendliche unbedenklich, möglicherweise beeinträchtigen sie aber die Gehirnentwicklung. Entwarnung gibt es in einem anderen Bereich: Cannabis-Konsumenten sind keinem grösseren Risiko ausgesetzt, an Krebs zu erkranken.

Lern- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten

Hanf hat aber auch zahlreiche negative Nebeneffekte. In der Meta-Studie werden bekannte Nachteile erwähnt, beispielsweise dass Cannabis-Konsum zu einem erhöhten Risiko für Verkehrsunfälle führt. Weitaus interessanter sind die folgenden Erkenntnisse: Dass Cannabis-Konsumenten häufiger an Lern- und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten leiden, sehen die US-Forscher als sehr wahrscheinlich an.

Die Einnahme von Hanf während einer Schwangerschaft kann ein geringeres Gewicht des Kindes zur Folge haben. Und: Die Wahrscheinlichkeit bei Cannabis-Konsumenten ist höher, eine Schizophrenie oder eine andere Psychose zu entwickeln. Doch hier gibt es auch vertrauenswürdige Studien, die das Gegenteil zu beweisen scheinen: Nämlich, dass Cannabis psychisch Erkrankten helfen kann.

Fazit: Viele Wiedersprüche

Die widersprüchlichen Studien zu den Auswirkungen von Cannabis auf psychische Krankheiten zeigen auf, wie viel es für die Forschung noch zu tun gibt. Rudolf Brenneisen, emeritierter Professor für Pharmazie der Universität Bern, sagt dazu im Interview (unten): «Wir brauchen Zeit und Geld.» Geld von den Pharmakonzernen, das seiner Meinung nach erst fliesst, wenn das Cannabis-Image aufpoliert ist.

Nachgefragt bei Rudolf Brenneisen, emeritierter Professor für Pharmazie der Universität Bern

«Wir brauchen Geld und müssen Cannabis entstigmatisieren»

Es gibt Tausende Studien zu den gesundheitlichen Folgen und therapeutischen Möglichkeiten von Cannabis. Die Resultate, besonders zur Schädlichkeit, sind oft widersprüchlich. Weshalb?

Rudolf Brenneisen: So ist das eben. Forschungsresultate sind einander nicht selten diametral entgegengesetzt, nicht nur im Falle von Cannabis. Dies auch, wenn eine Studie in einem anerkannten Fachjournal publiziert wird und man davon ausgehen kann, dass sie hohen qualitativen Ansprüchen genügt.

Bestes Beispiel für die Uneinigkeit der Forscher ist die Schizophrenie.

Psychosen allgemein werden kontrovers diskutiert. Wir können das Risiko nicht abschliessend beurteilen. Was für mich klar ist: Man darf die Begleitfaktoren nicht ausklammern. Wenn eine labile Persönlichkeit täglich kifft, ist es wahrscheinlich, dass das Risiko für eine psychische Krankheit ansteigt. Aber deshalb zu behaupten, dass Cannabis grundsätzlich zu Psychosen führt, ist nicht korrekt. Solche Studien kommen oft aus skandinavischen Ländern, die eine sehr repressive Drogenpolitik verfolgen. Gleichzeitig ist es aber auch Unsinn, wenn man zehn Schizophreniepatienten mit dem Cannabinoid CBD erfolgreich behandelt und nachher den therapeutischen Durchbruch verkündet.

Was braucht es denn, um exakte und letztlich auch definitive Forschungsergebnisse zu erzielen?

In erster Linie Zeit und Geld. Cannabis ist immer noch stark stigmatisiert, sowohl in der Gesellschaft wie auch in der Forschung. Viele Menschen bezeichnen Cannabis nach wie vor als Einstiegsdroge, obwohl dies mittlerweile widerlegt ist. Das schlechte Image und die schwierige Patentierbarkeit hindern Unternehmen, in die Cannabis-Forschung zu investieren. Deshalb muss eine Entstigmatisierung das Ziel sein, auch in der Politik. Wenn dies erreicht ist, wird die Pharmaindustrie hoffentlich in die dringend nötige Forschung einsteigen.