Bücherglück in Windeln

Leseförderung Für Bücher ist es nie zu früh: Nach der Lancierung der Kampagne «Buchstart» im Jahr 2008 gibt der Buchstart Club künftig halbjährlich eine Liste mit Empfehlungen für Leseratten von 0 bis 6 heraus. Noch mehr Lust auf Bilderbücher macht ein kürzlich erschienenes Handbuch zum Thema. Bettina Kugler

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Das gute Buch. Daran ist manche Lesebiographie schon früh gescheitert: zu wohlmeinend der Fingerzeig auf das Prädikat «besonders wertvoll». Das schmeckt nach Botschaft, nach Moral von der Geschicht', nach Lektüre in aufrechter Sitzposition. Uninteressant! Wofür sich hingegen nächtelang zu lesen lohnte, oder heimlich unter der Schulbank, das stand in der Regel unter Schundverdacht.

Jetzt nimmt das gute Buch Kurs auf die Wickeltische und Krabbeldecken: Sprachforscher, Neurobiologen und Entwicklungspsychologen mahnen eindringlich, Kinder so früh wie möglich mit der Bilder- und Buchstabenwelt auf Stoff, Pappe und Papier in Berührung zu bringen – nicht nur, um ihnen zur Sprache zu verhelfen, ihren Wortschatz durch Anschauung und Wiederholung aufzubauen und ausgehend von Bild und Text miteinander ins Gespräch zu kommen.

Auch für die Fähigkeit, komplexe visuelle Reize zu verarbeiten, legen gute Bilderbücher schon bei unter Zweijährigen den Grundstein.

Ausführlich reden

«Neben dem Benennen und Kommentieren führt das Bilderbuchlesen auch dazu, dass Eltern länger, komplexer und ausführlicher reden als in anderen Situationen, etwa beim Spielen», sagt die Münchner Entwicklungspsychologin Susanne Körber, «und sie gehen häufiger auf die Äusserungen des Kindes ein.

» «Mit Bilderbüchern wächst man besser» behauptet deshalb ein vor kurzem erschienenes, reich bebildertes und äusserst nützliches Handbuch von vier Kinderbuchexperten, unter ihnen der Schweizer Autor und Kritiker Nicola Bardola.

Mit Fug und Recht: Anhand zahlreicher Beispiele, mehrheitlich Büchern der letzten fünf Jahre, führt das Buch den an sich überflüssigen Beweis, dass einer frühen Kindheit ohne gute Bilderbücher etwas Wesentliches fehlt zum Glück.

Ganz abgesehen von den Kompetenzen, die das «Bücheln» schult: einen genauen, aufmerksamen Blick, die Einfühlung in andere, den Umgang mit ungewohnten Situationen, Vorstellungsvermögen und Gestaltungssinn, Sprach- und Lesekompetenz sowie ein Verständnis dafür, wie Geschichten funktionieren. Das Gute am «guten» Bilderbuch: Man merkt ihm keine Absicht an. In ihm zu blättern und auf Entdeckungsreise zu gehen, ist für Klein und Gross das pure Vergnügen.

Anders als bewegte Film- und Fernsehbilder mit schnellen Schnitten erlauben Bilderbücher jedem Kind sein individuelles Tempo; sie lassen sich vor- und zurückblättern, be-greifen, sie fordern, besonders wenn sie qualitativ herausragend sind, Zwischenrufe und Denkpausen geradezu heraus. Sie spielen: mit Worten, Perspektiven, oft einfachsten Gestaltungsideen – man denke an Eric Carles «Die kleine Raupe Nimmersatt» –, sie regen an zum Spiel, zu kreativem Gestalten, zum Weiterspinnen und eigenen Erzählen.

Sie bieten sinnliche Reize, schenken beim gemeinsamen Betrachten und Erzählen Geborgenheit und eröffnen beiden Seiten eine Welt: den Kindern die abbildbare, erzählbare, Erwachsenen die des individuellen kindlichen Verstehens und Fühlens, auch seiner Freuden, Ängste und Sorgen. Denn Bücher, so die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, sind «das beste Verbindungsglied, das es gibt.

Vieles von dem, was euer Kind innerlich beschäftigt hat, kommt zur Sprache, wenn ihr euch über das Gelesene unterhaltet.» Das fängt schon bei Bildern und ihren vielen Einzelheiten an.

Buchstart

Weil sich die Lernfenster inzwischen bekanntlich immer früher schliessen, gleichzeitig eine erschreckend hohe Zahl an Müttern (vor allem aber Vätern) jedoch freimütig zugibt, ihren Kindern im Kleinkind- und Vorschulalter selten oder nie vorzulesen, wurde vor zwei

Jahren von Bibliomedia Schweiz und dem Schweizer Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) die Initiative «Buchstart» ins Leben gerufen: Kinder- und Hausärzte, Mütterberaterinnen, Geburtskliniken und öffentliche Bibliotheken brachten seither mehr als 60 000 Geschenkpakete mit jeweils drei speziell für «Buchstart» produzierten Bilderbüchern an das Baby respektive seine zuständigen Lesepaten.

«Club» der kleinsten Leser

Nun haben sich rund dreissig Buchhandlungen in der Deutschschweiz zum «Buchstart Club» für 0- bis 6-Jährige formiert. Kern der Aktion ist eine halbjährlich erscheinende Liste mit Bilderbüchern, die Eltern, Grosseltern und allen, die Kindern zum frühen Bücherglück verhelfen wollen, die Auswahl aus dem riesigen Angebot einer ständig wachsenden Sparte erleichtern soll.

Auf den nominierten Büchern prangt als Erkennungszeichen der «Club»-Kleber mit einem fröhlich fliegenden Buchteppich und allerlei anderen Dingen, die schon Sprechanfänger stolz benennen können. Clubmitglieder erhalten regelmässig Informationen zum Thema Bilderbuch und profitieren von speziellen Angeboten. Die erste Empfehlungsliste verzeichnet je fünf Titel für die drei Altersgruppen von 0 bis 3, von 3 bis 4 und von 4 bis 6 Jahren – darunter sind die meisten Neuerscheinungen

der letzten Jahre, aber auch Klassiker wie Helmut Spanners «Meine ersten Sachen» (Ravensburger) und Hans U. Stegers «Reise nach Tripiti» (Diogenes). Schweizer Verlage sind mit Atlantis, Bajazzo, Diogenes und NordSüd gut vertreten, was übrigens auch traditionell für die Auswahlliste zum Deutschen Jugendliteraturpreis gilt. Gerade in Sachen Illustration und Grafik setzen Bücher aus der Schweiz seit langem Massstäbe.

Hundertmal . . . und noch einmal

Was wenig überrascht: die meisten aufgeführten Namen, teilweise auch konkreten Buchtitel haben im Bilderbuchführer von Nicola Bardola und seinen Co-Autoren ihren festen Platz. Im Gegensatz zu den meisten Bestsellertiteln der Belletristik für Grosse kann man sie «hundertmal lesen. Und dann noch mal . . .», ohne zu gähnen. Und wenn schon: Auch dann haben sie einen wichtigen, ureigenen Zweck erfüllt.

Nicola Bardola, Stefan Hauck, Mladen Jandrlic, Susanna Wengeler: Mit Bilderbüchern wächst man besser. Thienemann, Stuttgart 2009, Fr. 27.50 Der Club: www.buchstart-club.ch In der Region: Rösslitor St. Gallen, Cavelti Gossau, Kostezer Wattwil.