BUCH DER WOCHE

Felix Philipp Ingold erzählt von den Brüchen des 20. Jahrhunderts Auf den ersten hundert Seiten in diesem Buch, das als einer von fünf Titeln für den Schweizer Buchpreis nominiert ist, herrscht Krieg.

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Felix Philipp Ingold (Bild: ky/Ayse Yavas)

Felix Philipp Ingold (Bild: ky/Ayse Yavas)

Felix Philipp Ingold erzählt von den Brüchen des 20. Jahrhunderts

Auf den ersten hundert Seiten in diesem Buch, das als einer von fünf Titeln für den Schweizer Buchpreis nominiert ist, herrscht Krieg. Ein Krieg, der die Hauptfigur prägt: Kirill Beregow alias Carl Berger, als Wolgadeutscher 1922 geboren, als junger Mann in den «Grossen Vaterländischen Krieg» geschickt, wie der Zweite Weltkrieg in Russland heisst.

April 1942: Da setzt der Roman ein. Beregow gehört einem fünfköpfigen russischen Vorposten an, einem «Himmelfahrtskommando» vor der erwarteten deutschen Gegenoffensive. Da fällt ein deutscher Offizier in die Hände der Russen. Er wird verhört, stellt sich als unbewaffnet heraus, gibt dem als Übersetzer eingesetzten Beregow nichts als Rätsel auf: ein Feind, der nicht ins Schema passt. Schliesslich erhält Beregow als Jüngster den Auftrag, den Deutschen zu liquidieren, und erschiesst ihn von hinten auf freiem Feld.

Für den Rest des Lebens

«Die Szene hat sich mir für alle Zeiten … die Szene hat sich mir für den Rest des Lebens eingeprägt», schildert Beregow später in einem Interview auf Radio Free Europe seine Tat. Felix Philipp Ingold stützt sich bei seiner detailreichen Beschreibung des russischen Winterkriegs auf solche Dokumente sowie auf Gespräche und Aufzeichnungen Beregows – zumindest angeblich. Er stellt Beregow/Berger als seinen «langjährigen Gesprächspartner und Wegbegleiter» vor, «zuerst in Leningrad, später in Moskau, zuletzt in Zürich». Der Autor baut Notate des 1993 verstorbenen Freundes ein, belegt minutiös die Spuren seines dramatischen Lebens, samt einer Serie unscharfer, privater Fotos am Schluss des Buchs.

Aus den Materialien und Ingolds farbenreicher Erzählung schält sich ein Schicksal heraus, wie es stellvertretend für zahlreiche Opfer und Täter der Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts stehen kann.

Beregow macht halbwegs Karriere in der sowjetischen Armee, ist bei der Befreiung Wiens und bei den Verhören der Alliierten im KZ Mauthausen dabei und schreibt sich danach zum realsozialistischen Schriftsteller hoch. Den Durchbruch schafft er mit dem propagandistisch korrekten Lebensbericht «Menschenlos» seines Freundes Sascha Bitow, der in Mauthausen einst den Widerstand organisiert hatte und nach dem Krieg unter Stalin erneut ins Lager kommt, diesmal in den sibirischen Gulag.

Der mittelmässig begabte Opportunist Beregow und der konsequente Bitow: Der Kontrast dieser beiden Figuren zeichnet allein schon ein höchst erhellendes Zeit-Bild.

Doch auch Beregow fällt 1968 in Ungnade und wird zu vier Jahren Zwangsarbeit verurteilt – Slawist Ingold, früher unter anderem an der HSG als Professor tätig, bietet in seinem Roman nebenbei ein kenntnisreiches Porträt der sowjetischen Kulturpolitik, hin und her schwankend zwischen harter stalinistischer Linie und kurzzeitigem «Tauwetter».

1989 schliesslich, kurz vor der Wende, kann Beregow aus seinem Heimatland ausreisen – ironischerweise als angeblicher Jude namens Bergson nach Israel. Seine Odyssee, zu der auch einige Liebesaffären gehören, endet schliesslich am Bodensee; in Radolfzell verbringt er seine letzten Jahre und stirbt bei einem Besuch im KZ Mauthausen. Vorher landet er auf einer mit Humor geschilderten Autotour einmal noch in «Moskau»: einem Kaff im Schaffhausischen, in dem er aber statt Wodka nur einen hiesigen Schnaps erhält.

Vertrackte Wahrheit

Was sich hier einigermassen gradlinig erzählt, ist in Ingolds Roman vielfach gebrochen, in Stimmen des Helden und des Autors aufgeteilt, mit filmischen Schnitten raffiniert zusammengefügt und mit Fragen zur «Wahrheit» dieses Lebens vertrackt unterminiert. Denn so dokumentarisch der Roman sich gibt, so unablässig stellt er zugleich seine eigenen Erzählstrategien zur Diskussion und in Frage.

Carl Berger alias Kirill Beregow alias Karol Bergson, ein Mann mit x-Leben: ob real oder fiktiv, bleibt offen. «Da wo ich bin, ist's ein Irrtum», sagt Beregow einmal. Dies zumindest ist eine tiefe Wahrheit des 20. Jahrhunderts.

Peter Surber