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BUCH DER WOCHE

So schmort es sich in der Hölle: «Zimmer 307» von Sandra Hughes «Er lernt Gewalt anzuwenden, die er verpönt, und kehrt den Kot vom Boden... Kreativität ist nicht gefragt, eigenes Denken untersagt.
Sandra Hughes (Bild: ky)

Sandra Hughes (Bild: ky)

So schmort es sich in der Hölle: «Zimmer 307» von Sandra Hughes

«Er lernt Gewalt anzuwenden, die er verpönt, und kehrt den Kot vom Boden... Kreativität ist nicht gefragt, eigenes Denken untersagt.» Mit diesen Worten stellt sich die Protagonistin Felicitas die Rache an ihrem Lover Domenico Salatina vor. Der Fiesling mit Goldketteli am Hals nahm sie aus wie eine Gans und betrog sie selbstredend lustvoll und beliebig.

Die enttäuschte Felicitas

Das ist das fiktive Weltbild der 46jährigen Baselbieter Schriftstellerin Sandra Hughes, die morgen an der St.Galler Universitätsbibliothek liest. Mit dem Band «Zimmer 307» schrieb sie ihren dritten Roman. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Protagonistin Felicitas, eine Frau mittleren Alters, die sich aus Enttäuschung über das Leben im allgemeinen und die Liebe im besonderen die Pulsadern aufschnitt – mit Domenicos Rasierklinge in der Badewanne.

Der Gigolo von 307

Die Geschichte spielt auf zwei Ebenen, dem Leben und der Hölle: Im Diesseitigen ist Felicitas eine ziemlich alltägliche, aber erfolgreiche Frau, die mit einem noch viel alltäglicheren Langweiler verheiratet ist. Sie begegnet als Hotel-Empfangsdame dem Gast von Zimmer 307, dem Gigolo Domenico, einem Schriftsteller, der nichts schreibt und schon gar nichts veröffentlicht. Felicitas kriecht ihm auf den Leim, hält ihn in jeder Beziehung aus bis zur Selbstverleugnung. Das rote Höschen einer andern in den Laken kann sie noch verkraften, doch dann taucht bei Domenico angeblich die Liebe seines Lebens auf. Und somit erscheint die ganze Aufopferung der Felicitas zwecklos.

Ab in die Hölle

Also ab in die Hölle per Rasierklinge. In den Augen der Autorin Hughes ist der Hades ein Verschnitt der Absonderlichkeiten in der modernen Wirtschaftswelt. Auch hier macht Felicitas wie im diesseitigen Leben schnell Karriere. Sie freut sich als Managerin der «Abteilung Supervision F» über die Strebsamkeit ihrer Untergebenen: «Männer sassen an langen Tischen und zerlegten die Errungenschaften unserer Zivilisation: Computer, Drucker, Playstations...»

Bisher keine grosse Stimme

Sie tun dies dermassen erfolgreich, dass «sich unsere gute Leistung» herumsprach, im Fegefeuer versteht sich. Auch das schwarz gelockte Bürschchen Domenico landet in der Hölle – wo sonst? Doch jetzt wäre Felicitas die Starke und der Treulose ihr Ergebener. Finden die beiden nun in den vertauschten Rollen zum grossen Liebesglück? Verraten sei nichts, aber es kommt alles anders, als man denkt. Wie im richtigen Leben und offenbar auch in der Hölle.

Die Kunstwissenschaftlerin Sandra Hughes lebt mit ihrer Familie in Allschwil und ist beruflich bei den Basler Museumsdiensten engagiert. Sie war bis anhin keine grosse Stimme in der Schweizer Literatur. Mit «Zimmer 307» ist ihr nun jedoch eine amüsante Novelle gelungen, die sich mit Leichtigkeit liest. In kurzen Kapiteln und knappen Sätzen führt sie den Leser in eine Welt ein, in der die Menschen ein bisschen holzschnittartig daher kommen.

Die eigene Lebenserfahrung

Macht es sich also Sandra Hughes mit den Stereotypen vom rücksichtslosen Macho und dem genügsamen Weib nicht ein bisschen einfach? Die Autorin verneint dies im Gespräch: «Ich würde Domenico zwar als verdichteten Macker bezeichnen.» Denn er vereinige tatsächlich alle negativen Charakterzüge auf sich, die sich im Leben «vielleicht auf einige Männer verteilten». Aber er habe auch eine «feinfühlige Seite», sagt sie.

Man glaubt zu spüren, dass hier eigene Erfahrung aufblitzt. Da weiss man einen Moment lang nicht, ob die Autorin spricht oder ihre Protagonistin Felicitas, nachdem sie in der Hölle den grössten Schmerz verwunden glaubte und lange genug über ihren Domenico nachdenken konnte. Denn Hughes hat immer wieder beobachtet, «dass Frauen darum kämpften, geliebt zu werden». Oft bis zur Selbstaufgabe.

Rolf Hürzeler

Sandra Hughes liest morgen Donnerstag, 5. Juli, 19.30 Uhr, in der Universitätsbibliothek St Gallen

Buch der Woche - Sandra Hughes

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