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Brasiliens Pantanal: Ein Sumpf voller Könige

Einst bekamen selbst Forscher die Jaguare in Brasiliens Pantanal selten zu Gesicht. Heute locken die majestätischen Raubkatzen die Touristen in das grösste Sumpfgebiet der Erde.
Win Schumacher
Gestatten? Das ist «Patricia», eine der Tausenden Raubkatzen, die im Sumpfgebiet leben. Bild: Win Schumacher

Gestatten? Das ist «Patricia», eine der Tausenden Raubkatzen, die im Sumpfgebiet leben. Bild: Win Schumacher

Über dem São-Lourenço-Fluss wabern Dunstschwaden, als Ailton Alves de Lara zu seiner Audienz zum König des Sumpfs aufbricht. Der 38-Jährige ist am liebsten im Morgengrauen mit dem Motorboot unterwegs, um dem geheimnisvollsten Bewohner des Pantanals auf die Schliche zu kommen. «Ich kannte Jaguare als Kind nur als vorbeihuschende Schatten», sagt er, «sie waren verschwunden, noch bevor man sie richtig wahrgenommen hatte.»

Unendlich viele Inselchen aus Schwimmpflanzen treiben dem Boot entgegen. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, doch das Leben im Pantanal ist längst erwacht. Am Flussufer haben sich Scharen von weissen Reihern versammelt. Amazonas- und Grünfischer, farbenprächtige Verwandte des europäischen Eisvogels, spähen aus der Ufervegetation nach Beute.

Ein Amazonasfischer mit seiner Beute. Bild: Win Schumacher

Ein Amazonasfischer mit seiner Beute. Bild: Win Schumacher

Nirgendwo in Südamerika lässt sich die Tierwelt des Kontinents in solcher Vielfalt und Dichte beobachten wie im Pantanal. Mögen Amazonien und die Bergwälder der Anden noch artenreicher sein – die meisten ihrer Bewohner bleiben den Touristen unweigerlich verborgen.

Wegen seiner offenen Landschaften, ein Mosaik aus Grasebenen, Feuchtgebieten und Wäldern, ermöglicht aber das Pantanal seinen Besuchern Tierbeobachtungen, wie man sie sonst nur auf einer Safari in Afrika erleben kann.

Heerscharen von Kaimanen und Hunderte Wasserschweine

Ameisenbären tragen ihren Nachwuchs huckepack, Nasenbären recken ihre geringelten Schwänze in die Höhe, und Krabbenfüchse halten Ausschau nach Beute. Aufgereiht wie übergewichtige kleine Sphingen hocken Hunderte Wasserschweine neben Heerscharen von Kaimanen entlang der Ufer von Wasserarmen, Tümpeln und Teichen.

Im Pantanal sind Kaimane omnipräsent. Bild: Getty Images

Im Pantanal sind Kaimane omnipräsent. Bild: Getty Images

Die Capybaras genannten Sumpfbewohner sind in Wahrheit keine Schweine, sondern entfernte Verwandte der Meerschweinchen – die grössten Nagetiere der Welt.

Auch Capybaras müssen Sonne tanken. Bild: Win Schumacher

Auch Capybaras müssen Sonne tanken. Bild: Win Schumacher

Seit 1998 führt Ailton Touristen durch das Pantanal. Kaum jemand kennt die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt besser als er. «Ein Tapir!», ruft Ailton plötzlich. In einiger Entfernung schwimmt das grösste Landtier Südamerikas durch den Fluss. Von seinem mächtigen Körper ist allerdings nur der Kopf zu sehen. Am anderen Ufer angekommen, ist er sogleich im Unterholz verschwunden.

Guide Ailton Lara vor Wasserschweinen. Bild: Win Schumacher

Guide Ailton Lara vor Wasserschweinen. Bild: Win Schumacher

Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch das Blätterdach der Urwaldbäume. Unbekannte Vogelstimmen flüstern aus dem Ufergebüsch. Ein Schlangenhalsvogel trocknet seine Flügel in der Morgensonne. «Im Pantanal wurden mehr als 650 Vogelarten gezählt», erklärt Ailton. Er kennt die allermeisten nicht nur mit Namen, sondern weiss auch über ihr Verhalten einiges zu erzählen. Der Riesentagschläfer etwa tarnt sich als Aststumpf. Der Scherenschnabel fischt seine Beute mit geöffnetem Schnabel von der Wasseroberfläche. «Wenn der Wehrvogel ruft, ist oft ein Jaguar nicht weit», sagt Ailton. Der aber lässt noch auf seinen Auftritt warten.

Bei den Ottern – den wahren Herrschern am Fluss

Hier im Pantanal gibt es noch Riesenotter. Bild: Win schumacher

Hier im Pantanal gibt es noch Riesenotter. Bild: Win schumacher

In einem Altwasserarm treibt sich eine Gruppe Riesenotter spielerisch durchs Wasser. Mit einer Länge von mehr als eineinhalb Metern sind sie deutlich grösser als die in Europa heimischen Fischotter. Neugierig beäugen sie das sich nähernde Boot, lassen sich aber von dem dümpelnden Menschenvolk nicht weiter stören. «Sie sind die wahren Herrscher am Fluss», sagt Ailton, «ich habe schon beobachtet, wie eine Gruppe einen Jaguar in die Flucht schlug.»

Einmal hat Ailton ein verwaistes Otterkind in seine Obhut genommen, dessen Familie von Fischern getötet wurde. «Ich bin 45 Tage lang mit Marita baden gegangen», erzählt er, «bis sie selbstständig fischen und zurück in die Freiheit konnte.»

Inzwischen ist es Mittag geworden. Ailton zieht sich mit seinem Boot vor der unerbittlichen Hitze unter die tief hängenden Zweige eines alten Pfefferbaums zurück. «Als wir vor zwanzig Jahren mit den Jaguar-Touren begonnen haben, bekamen wir nur mit viel Glück ein Tier zu Gesicht», erzählt er. «Damals wurden die Tiere noch regelmässig von Viehzüchtern getötet.»

Bei Porto Jofre, am Ende der Transpantaneira, der einzigen Strasse ins Pantanal, wo es weniger Viehweiden gab, fingen Fischer an, die Tiere mit Fangabfällen zu füttern. Die Jaguare verloren allmählich ihr Misstrauen und lockten ihrerseits die ersten Naturfotografen an. «Sie haben gelernt, dass ihnen hier vom Menschen keine Gefahr droht», sagt Ailton, «erst seit wenigen Jahren sehen wir in der Trockenzeit bei fast jeder Bootsfahrt welche.»

Die Region gilt nun als der beste Ort überhaupt, um die Tiere zu beobachten. Das Labyrinth aus Flüssen und Feuchtgebieten hat wegen seines üppigen Beuteangebots an Kaimanen und Capybaras die grösste nachgewiesene Jaguardichte amerikaweit.

Das Pantanal fasziniert mit der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Bild: iStockphoto

Das Pantanal fasziniert mit der einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt. Bild: iStockphoto

Der Ruf eines Vogels führt zum Jaguar

Noch vor wenigen Jahrzehnten kamen Jaguare von Zentralargentinien über Mittelamerika bis in den Süden der USA vor. Mit Ausnahme von Amazonien und verschiedenen Schutzgebieten sind sie inzwischen fast überall selten geworden und gebietsweise ausgerottet.

Durch die fortschreitende Zerstörung der Regenwälder verliert die drittgrösste Katze der Welt immer weitere Teile ihres einstigen Reviers. Mit der Ankündigung des neuen Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, die Rinderzucht, Landwirtschaft und den Bergbau in Amazonien zu fördern und Schutzgebiete zu verkleinern, stellt sich nicht nur für einige der letzten indigenen Völker der Erde die Überlebensfrage. Auch auf den Jaguar dürften harte Zeiten zukommen.

«Der Jaguar hat bereits fast die Hälfte seines historischen Verbreitungsgebiets verloren», sagt Ailton, «und noch immer büsst er weiter an Lebensraum ein.» Den noch jungen Jaguar-Tourismus sieht er als Garant für den nachhaltigen Schutz der Tiere. Die Pantaneiros, die Bewohner der Region, haben begriffen, dass die Touren viel mehr Geld einbringen als Fischerei und Viehzucht.

«Zuerst waren die meisten Farmer sehr kritisch», sagt Ailton, «heute unterstützen uns alle 15 Grossbetriebe um Porto Jofre.» Die meisten haben inzwischen eigene Gästezimmer.

Mehr als 650 Vogelarten leben im Pantanal, auch Nandaysittiche. Bild: Win Schumacher

Mehr als 650 Vogelarten leben im Pantanal, auch Nandaysittiche. Bild: Win Schumacher

Als die Nachmittagssonne tiefer steht, drängt Ailton zum Aufbruch. Zunächst fährt sein Motorboot den wild mäandernden Três-Irmãos-Fluss hinauf, vorbei an den ockerfarbenen Sandbänken, auf denen kleine Grüppchen von Capybaras Ausschau nach dem Jaguar halten – genauso wie Ailton.

Am Ende gibt der gellende Ruf eines Wehrvogels den entscheidenden Hinweis für den Auftritt des Königs – besser: der Königin. Eine Flussbiegung weiter schleicht tatsächlich ein ausgewachsenes Weibchen an einem Schilfgürtel vorbei. Die Grazie der gefleckten Raubkatze zieht den unverhofften Betrachter augenblicklich in ihren Bann.

Furcht vor den drei Booten, die ihr langsam näherkommen, zeigt das Tier nicht. «Ihr Name ist Patricia», sagt Ailton. «Sie ist eine wunderbare Kaiman-Jägerin und ist bei Touristen ganz entspannt.» Er hat sie an zwei markanten Rosetten auf der Schulter erkannt. Ailton und seine Freunde haben gemeinsam einen kleinen Führer mit Fotos der am häufigsten beobachteten Jaguare herausgebracht. «Wenn wir ein Tier noch nicht kennen, dürfen die Touristen, die uns begleiten, ihm einen Namen geben», sagt er. Die Chancen für seine Gäste stehen gar nicht schlecht. Zwischen 4000 und 7000 Jaguare soll es im Pantanal geben – aber erst 125 Tiere haben die Guides von Porto Jofre bereits getauft.

Die Audienz bei der Königin dauert nur wenige Minuten: ein höfischer Blick aus ungezähmten Katzenaugen. Protokollgemässer Schaulauf über den Ufersand zur Freude der Fotografen. Geschmeidig dreht sie ihnen bald wieder den Rücken zu. So schnell, wie sie aufgetaucht ist, so schnell ist Ihre Majestät im Schilf verschwunden.

Gut zu wissen:

Anreise
Swiss fliegt ab Zürich direkt nach São Paulo. Von dort fliegen beispielsweise Azul (www.voeazul.com.br) oder GOL Linhas Aréas (www.voegol.com.br) mehrmals täglich nach Cuiabá nördlich des Pantanals.
Beste Reisezeit
Zwischen Mai und September herrscht Trockenzeit. Die Natur ist dann zwar etwas karg. Dafür ist es einfacher, Tiere zu beobachten, da sie die Wasserstellen aufsuchen müssen. In der Regenzeit zwischen Oktober und April blüht die Natur. Allerdings können die Flüsse ansteigen, was die Anreise erschwert.
Unterkünfte
Araras Eco Lodge – ein Paket von zwei bis vier Nächte gibt es ab 740 Franken pro Person. Inklusive Transfers, Ausflüge und Verpflegung: www.araraslodge.com.br Pousada Rio Claro – ein Paket von zwei bis vier Nächte kosten etwa 640 Franken pro Person. Inklusive Transfers, Ausflüge und Verpflegung
Pousada Porto Jofre – ein Doppelzimmer inklusive Verpflegung gibt es ab 200 Franken pro Person: www.pousadaportojofre.com.br Weitere Informationen Von Brasilien Tourismus (nur auf Englisch): www.visitbrasil.com

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