Feuerdrama in Solothurn
Brandexperte: «Irgendetwas muss nicht funktioniert haben»

Thomas Fluri ist Brandexperte der Solothurner Gebäudeversicherung SGV. Nach dem Brand mit sechs Toten sagt er, warum es heute weniger Brände gibt, wie gefährlich ein Schuhgestell im Treppenhaus ist und wie man sich schützen kann.

Sabine Kuster
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 Es war nachts um 2.10 Uhr, am 26.November 2018, als ein Bewohner des Mehrfamilienhauses an der Wengistrasse 40 Rauch im Treppenhaus entdeckte. Er handelte rasch und löste Alarm aus.
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 Er handelte rasch und löste Alarm aus. Die Feuerwehr rückte in der Nacht vom Sonntag auf den Montag unverzüglich mit einem Grossaufgebot aus und brachte 19 Personen in Sicherheit.
 Die tragische Gewissheit Stunden danach: Für 6 Personen kam jede Hilfe zu spät. Vier Erwachsene und zwei Kinder starben beim Unglück.
 Eine vierköpfige eritreische Familie wurde komplett ausgelöscht. Ein weiteres Kind erlag zwei Tage später im Spital seinen Verletzungen.
 Insgesamt forderte der Brand in der Nacht vor genau einem Jahr 7 Todesopfer.
 Die Feuersbrunst wurde durch eine Zigarette ausgelöst, wie die Polizei noch am Tag des Brandes erklärte.
 Die Stadt stand in den Tagen danach unter Schock. Es gab auf den Strassen nur ein Thema.
 Und das Bedürfnis, gemeinsam zu trauern.

Es war nachts um 2.10 Uhr, am 26.November 2018, als ein Bewohner des Mehrfamilienhauses an der Wengistrasse 40 Rauch im Treppenhaus entdeckte. Er handelte rasch und löste Alarm aus.

Kapo SO

Herr Fluri: Kann man durch ein Treppenhaus flüchten, wenn es in den unteren Stockwerken brennt?

Selbstverständlich. Die Treppenhäuser sind dafür gebaut.

Aber was ist, wenn es mit Rauch gefüllt ist?

Das sollte nicht passieren. Die Wohnungstüren müssen natürlich geschlossen werden. Sie sind in der Regel so beschaffen, dass sie einen halbstündigen Normalbrand aushalten, selbst wenn sie aus Holz sind.

 Thomas Fluri.

Thomas Fluri.

Wie gefährlich ist ein Schuhgestell in einem Treppenhaus?

Für einen Brand braucht es immer mehrere Faktoren. Aber ein Schuhgestell gehört da nicht hin, denn ein Treppenhaus ist der wichtigste Flucht- und Rettungsweg.

Wie oft wird übers Fenster und eine Leiter evakuiert?

Aus meiner Erfahrung geschieht die Rettung in den meisten Fällen übers Treppenhaus.

Fälle mit vielen Toten wie beim Brand in Solothurn sind selten. Was muss schiefgehen, damit es trotzdem geschieht?

Der Brandfall ist tragisch. Irgendetwas muss aber nicht funktioniert haben, sonst wären nicht so viele Menschen zu Schaden gekommen.

Die Vorstellung ist beunruhigend: Man schläft und wird vom Brand überrascht.

Das kann leider passieren. Mal lässt jemand eine Kerze brennen oder ein Gerät läuft noch und entzündet sich. Wenn Rauch bis zum Schlafzimmer gelangt, ist die Gefahr gross. Im Schlaf kann der Mensch nicht riechen und atmet er Rauchgase ein, wird er nach wenigen Atemzügen bewusstlos.

Wie gefährlich ist es, nachts den Handy-Akku aufzuladen?

Das ist ein bekanntes Risiko, aber wenn man bedenkt, wie viele Akkus es gibt, dann geschieht sehr wenig. Dennoch sollten Akkus beaufsichtigt auf nichtbrennbaren Unterlagen aufgeladen werden.

Wie kann man sich noch schützen?

Durch einen Rauchmelder. Er läuft wartungsfrei und kostet nur 30 Franken. Die Installation in Wohnbauten ist eine lebensrettende Massnahme, aber in der Schweiz nicht Pflicht, weil wir wenige Geschädigte haben. Die Schweiz hat eine der niedrigsten Zahlen von Brandtoten weltweit.

Laut der internationalen Feuerwehrstatistik ist der Durchschnitt knapp 2 Tote pro 100'000 Einwohner jährlich. In der Schweiz liegt die Rate bei 0,2.

Ja, was in der Nacht auf Montag in Solothurn passiert ist, passiert zum Glück nur selten: 20 Todesfälle sind es durchschnittlich schweizweit pro Jahr. Diese Zahl ist nur noch schwierig zu senken.

Früher gab es mehr Brände, was wurde besser?

Die Schweiz baut allgemein in guter Qualität, saniert regelmässig und Sicherheitsmassnahmen werden überprüft. Weiter sind auch die Geräte sicherer geworden. So waren zum Beispiel vor 20 Jahren die Röhrenbildfernseher noch ein grosses Problem, es kam täglich zu Bränden. Mit den Flachbildschirmen hat sich das Risiko minimiert.