Blut, Schweiss, Gelächter – die gezähmte Antike

Zirkus leitet sich nicht zufällig vom lateinischen circus für Kreis und Rennbahn ab. Sie finden sich auch im heutigen Zirkus – genauso wie Pferd, Löwen und populäres Massenspektakel.

Hansruedi Kugler
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Die Rad fahrende Elefantendame Bijoya war in den 1970er-Jahren ein Star im Zirkus Krone, hinter ihr die Dompteuse Christel Sembach-Krone. Bild: Archiv Zirkus Krone

Die Rad fahrende Elefantendame Bijoya war in den 1970er-Jahren ein Star im Zirkus Krone, hinter ihr die Dompteuse Christel Sembach-Krone. Bild: Archiv Zirkus Krone

Haben die römischen Wagenlenker nach dem Schluss ihres oft blutigen Wettkampfs auch so roboterhaft ins Publikum gelächelt und gewunken wie die Artisten heutiger Zirkusse? Kaum. Die Machos begnügten sich mit der Verbeugung vor dem Herrscher und einer Ehrenrunde. Schliesslich waren sie die todesmutigen Formel-1-Stars der Antike: Hochbezahlt und im römischen Circus Maximus bewundert von bis zu 250000 Zuschauern, zuletzt im Jahr 549 nach Christus. Etliche der Verlierer liessen allerdings mit zertrümmerten Körpern auf der Bahn ihr Leben. In der gebändigten Pferdekraft liegt auch der Beginn des modernen Zirkus. Kaum aus dem Siebenjährigen Krieg gekommen, eröffnet der englische Haudegen und brillante Reiter Philip Astley 1768 in London eine Reitschule mit Vorstellungen und tauft sie Circus – nach dem römischen Vorbild. Astley definiert die immer noch gültigen 13 Meter Durchmesser für die Manege. Die ist kreisrund, damit die Artisten auf den Pferderücken im Rundlauf leicht seitlich geneigt in ihrer Akrobatik das Gleichgewicht wegen der Fliehkraft ­behalten können. Weil Astleys Sohn als Unterhalter lustige Geschichten mit sich tot stellenden Pferden erzählt, ist jene Mischung erfunden, die den modernen Zirkus bis heute prägt: Heroismus und Klamauk, wohliges Gruseln und ausgelassenes Gelächter. Das resultiert aus einem Kontrast: Artisten sind Beispiele extremer Disziplin bis zur Lebensgefahr, der Clown jedoch unterläuft dieses mögliche Vorbild der Selbsterziehung durch seine Tölpelhaftigkeit.

Das wohlerzogene Tier stellt den Menschen in Frage

Ein weiterer Kontrast begleitet den Zirkus von Beginn weg: Das Verhältnis Mensch-Tier erlebt in vielen Dressuren eine Umkehrung. Die Aufklärung mit dem Postulat der vernünftigen Selbstbeherrschung wird dabei parodistisch auf den Kopf gestellt. Hinter der Verniedlichung steckt eine philosophisch tiefsinnige Betrachtung. Oft scheint das Tier nämlich wohlerzogen, diszipliniert und schlau: Schon Philip Astley lässt sein Pferd mit den Hufen das Datum klopfen und seinen Namen in den Sand schreiben, 1885 erfindet Alfred Schumann den Klassiker «Bettpferd Good Night», in welchem ein Pferd im Bett liegend mit dem Maul die Bettdecke über seinen Körper zieht. Löwen springen durch Reifen und trinken gar Tee – der Mensch im Kostüm des Clowns hingegen ist oft ungezogen und dumm, mal charmant, aber immer wieder auch sadistisch. Es erstaunt darum nicht, dass Schriftsteller wie Thomas Mann und Franz Kafka oder Philosophen wie Walter Benjamin und Ernst Bloch über die hier anschaulich gestellte Frage, was der Mensch eigentlich sei, fasziniert und erschüttert waren.

Der Zirkus bedient sich bei der europäischen Kulturgeschichte

Für den rasanten Aufstieg des europäischen Zirkus finden sich vor allem zwei Erklärungen: Mit dem enormen Bevölkerungswachstum der europäischen Industriemetropolen im 19. Jahrhundert wächst die Schar vergnügungssuchender Menschen. Das ermöglicht einen Dauerbetrieb vor Ort, imposante Zirkusgebäude prägen bald jede Grossstadt. Bemerkenswert ist jedoch auch die Anpassungsfähigkeit der Zirkusprogramme. Geschickt integrieren oder plündern die Zirkusse die europäischen Kulturtraditionen und bauen aktuelle Ereignisse ein: Die schrillen Lachfiguren der Commedia dell’Arte werden zu überheblichen Weissclowns und Harlekinen, aus den Fastnachtsspielen des 16. Jahrhunderts kommt der Hanswurst in die Manege; Parodien auf Theaterklassiker wie Wilhelm Tell oder Hamlet, Nachspielen von Schlachten und kolonialistische Völkerschauen ergänzten die Dressuren und die Artistik; die Zirkusse versammeln auch die Tanzbären der Jahrmärkte und die exotischen Tiere der ehemals den Adligen vorbehaltenen Menagerien in ihren Häusern. Aus der fahrenden «Menagerie Continental» von Carl Krone entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch der deutsche Zirkus Krone, der sich heute noch «der grösste Circus der Welt» nennt. Das war zumindest früher alles andere als übertrieben. In seiner Blütezeit in den 1920er-Jahren tourt er mit einem Riesenzelt, das drei Manegen, zwei Bühnen, vier Orchester und 10000 Sitzplätze beherbergt. Der Zirkus beschäftigt damals 1000 Angestellte und zieht mit 800 Tieren umher. Man darf nicht vergessen: Vor der Erfindung des Kinos wird im Zirkus «grosses Kino» geboten – bis hin zu gefluteten Manegen, auf denen Piratenkämpfe gezeigt werden. Was allerdings der Zirkusbranche zu Recht immer wieder die Kritik einbringt, sie biete als Massen- und Populärkultur, ähnlich dem Musical, ein abgenutztes Trauminventar.

Der Nervenkitzel bleibt – trotz Tendenz zur netten Unterhaltung

Den Hang zum Populären steigern Zirkusse gerne mit den Auftritten von ­zirkusfernen Prominenten. Nicht nur im Circus Knie treten neben Zirkusclowns auch Kabarettisten und Kleinkünstler auf. Der Zirkus Krone liess in seiner vom Fernsehen übertragenen Wohltätigkeits-Gala «Stars in der Manege» zwischen 1959 und 2008 die A-Promis aus Sport und Showbusiness auftreten: Bergsteiger Reinhold Messner mimte den Ziegen-Dompteur, Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher trat im Schimpansenkostüm auf. Damit scheint der Zirkus vollends zur netten, gezähmten Abendunterhaltung gewandelt. Das zeigt sich auch in der Veränderung der Zirkusnummern: Carl Hagenbeck setzt um 1900 mit seiner humanen Dressur ohne Gewalt bei Wildtieren einen Standard, trotzdem wird die voyeuristische Wildtierschau vom Tierschutz aus den Manegen gedrängt. Die rassistischen Völkerschauen bis weit ins 20. Jahrhundert oder die nachgespielten Indianerkriege wären heute undenkbar. Auch die Clowns verlieren über die Jahrzehnte ihre aggressiven Züge zugunsten poetischer Verspieltheit – Musterbeispiel dafür ist etwa der Clown Pic. Fast unverändert geblieben ist die Gegenwelt des Zirkus als ­globale Familie: Die aus vielen Nationen vereinten Artisten, Musiker und Arbeiter liessen den Philosophen Walter Benjamin gar vom Zirkus als «Ort des Klassenfriedens» schwärmen.

Ganz zähmen lässt sich der Zirkus aber doch nicht: Der Artistenberuf fordert gelegentlich tödlichen Tribut. Der Sohn des Zirkus-Krone-Gründers wurde von einem Bären zerfleischt, der Hochseilartist Karl Wallenda verlor über die Jahre bei seinen gewagten Seilnummern vier seiner Familienmitglieder, bevor er selbst vom Seil zu Tode stürzte. Der Nervenkitzel bleibt uns also erhalten.