Blühende Lesewelt

Lesezeit In den Bibliotheken herrscht während der Sommerferien Hochbetrieb. Und neuerdings erobert das Buch auch den Stadtraum. Philippe Reichen

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Ob auf einem Baum oder auf einer Bank: Bücher lesen in der Natur ist am besten. (Bild: ky/imagesource)

Ob auf einem Baum oder auf einer Bank: Bücher lesen in der Natur ist am besten. (Bild: ky/imagesource)

Vor und während der Ferien passieren in Bibliotheken die wunderlichsten Dinge. In der Freihandbibliothek St. Gallen gibt es Kunden, die an einem der Computer ihre Ferien buchen, die Bestätigungen ausdrucken und aus aktuellem Anlass obendrauf die dafür passenden Bücher ausleihen. Das komme öfters vor, sagt Bibliothekarin Corina Brunner.

Ihre Kollegin Lorena Ianzito erinnert sich: Einmal habe eine Frau von einem Sandstrand aus den Ferien angerufen und berichtete: «Alles stimmt: das Wetter, die Umgebung, alles – ich kann vollkommen abschalten.

» Nur die abgelaufene Ausleihfrist beunruhigte sie – und entpuppte sich als der wahre Grund ihres Anrufs.

Ein besonders engagierter Vater versprach seiner Familie sogar, extra aus den Ferien zurück nach St. Gallen zu fahren, um die ausgeliehenen Bücher gegen neue einzutauschen. Die vierköpfige Familie hatte mit 26 Büchern das Ausleihkontigent komplett ausgeschöpft, auf frische Literatur wollten aber weder Eltern noch Kinder verzichten.

«Cool – ein Buch!»

Die Beispiele verdeutlichen: Vor und während der Sommerferien sind die Bibliothekarinnen in St. Gallen besonders gefordert. Undenkbar ist, was früher gang und gäbe war: Bibliotheken wurden im Sommer geschlossen oder ihr Betrieb zumindest reduziert. Christa Oberholzer, Leiterin der Freihandbibliothek, winkt ab. Nur samstags schliesse die Bibliothek früher.

Christina Schlatter, die in der Kantonsbibliothek Vadiana die Publikumsdienste leitet, sagt: «Während der Sommerferien stehen Studenten schon am Morgen Schlange, um einen Arbeitsplatz zu haben. Wir stellen sogar einen Ausstellungssaal als Lernsaal zur Verfügung.»

Christa Oberholzer lädt auf einen Rundgang durch ihre Bibliothek ein: Liebes- und Reisegeschichten, Biographien und Krimis sind in den Gestellen gut vertreten. Autoren wie Alain de Botton oder Nicholas Sparks fallen sofort auf.

Die typische Ferienlektüre sei Literatur, die nicht allzu hohe Ansprüche stelle, sagt Christa Oberholzer.

Wie weiss die Bibliothekarin, welche Ferienlektüre für die Kundin oder den Kunden die richtige ist? Gibt es Techniken, Geschmäcker zu ergründen? Etwas wie einen Röntgenblick habe sie nicht, sagt Sibylle Engi, sie verlasse sich auf ihre Intuition.

Die Leute bringen Bücher ohnehin schnell zurück, wenn sie ihnen nicht passen – und sind ehrlich: «Eine Katastrophe, zu viele Tote, zu brutal, so können Rückmeldungen tönen», weiss Sibylle Engi.

Ihr Fokus liegt in diesem Sommer auch auf den jüngsten Lesern. Das Team der Freihandbibliothek hat den Buchclub «cool – ein Buch!» für Schüler der fünften und sechsten Klasse in Leben gerufen. 60 Kinder haben sich angemeldet und können zwischen 10 Büchern auswählen.

Während der Ferien treffen sie sich, diskutieren im Club und tauschen sich auf einem Internet-Blog aus.

Schmökern oder lesen

Die Bibliothek Herisau, die Freihandbibliothek und die Vadiana in St. Gallen haben neu Projekte lanciert, die andernorts bereits etabliert sind: «Bücher-Koffer im Rosengarten» heisst es in Herisau, «Lesebank» nennen es die Verantwortlichen in St. Gallen.

Die Initianten wollen ein möglichst breites Publikum an ruhiggelegenen Orten in der freien Natur zum Lesen animieren.

Auf dem Bücher-Koffer im pittoresken Rosengarten steht: «Wer Lust hat, im Rosengarten in Büchern und Comics zu schmökern oder zu lesen, darf sich hier bedienen.» In der Stadt St. Gallen stehen insgesamt fünf «Lesebänke» (siehe Kasten); auch hier liegt eine Auswahl von Büchern in Boxen, diese müssen nach der Lektüre wieder zurücklegt werden.

«Welch glücklicher Moment»

Gabriele Barbey, verantwortlich für das Projekt in Herisau, sagt: «Die Leute, die den Bücher-Koffer entdecken, sind erstaunt.» Wie er ankommt, lasse sich noch nicht sagen. In St. Gallen liegen schon heute diverse Rückmeldungen vor, weil bei den Lesebänken ein Buch bereitliegt, dem Besucherinnen und Besucher ihre Gedanken anvertrauen können.

Eine Person notiert: «Völlig überrascht stand ich vor der Bücherkiste und habe mich sofort und voller Freude in ein Buch von H. Hesse vertieft. Welch glücklicher Moment.» Eine andere Person lässt wissen: «Auf meinem Spaziergang hier oben entdeckte ich diese Lesebank. Das ist ja eine Superidee. Ich bin eine eifrige Leserin, darum ist so etwas nur weiterzuempfehlen. Heute, wo viele Leute vor dem Compi sitzen und sich keine Zeit mehr nehmen, sich in ein Buch zu vertiefen.»

So sehr Leserinnen und Leser die Lesebänke schätzen, so schutzlos sind sie Vandalen ausgesetzt. Jemand schildert ein entsprechendes Erlebnis: «Also, es ist Sonntagmorgen, Muttertag! Ich spaziere über die Weieren, denk an nix Böses… Was sehe ich da, (…) alle Bücher im Hang verstreut. Sie sind wieder in der Box. Es soll nie mehr geschehen.» Christina Schlatter zuckt mit den Schultern und sagt: «Die Lesebänke werden sicher weitergeführt.»

Wer es sich mit einem Buch in der Natur bequem machen will, dem bieten sich auch andere Möglichkeiten. In der Digitalen Bibliothek St. Gallen (im Internet unter www.dibisg.ch) gibt es diverse Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik, die sich mit einem Mausklick herunterladen und auf einem E-Reader bequem transportieren lassen – in die Natur erst recht, ob in der Region oder in der Fremde.