Bleivergiftet

Für den Schriftsetzer Paul Wirth ist es Leidenschaft für die jungen Grafiker vom Büro Sequenz ein wertvolles Handwerk: Der traditionelle Bleisatz hat auch heute noch seine Berechtigung. Christina Genova

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Das St. Galler Büro Sequenz, vertreten durch Jürg Waidelich, Anna Furrer und Sascha Tittmann. (Bild: Urs Bucher)

Das St. Galler Büro Sequenz, vertreten durch Jürg Waidelich, Anna Furrer und Sascha Tittmann. (Bild: Urs Bucher)

Die Linotype-Setzmaschine rattert. Es riecht nach Druckerei, nach dieser unverwechselbaren Mischung von Maschinenöl und Walzenwaschmittel. Paul Wirth, Leiter des Typoramas Bischofszell, setzt über eine Art Tastatur in raschem Tempo Matrize um Matrize zu einer Zeile zusammen. Es ist dieselbe Setzmaschine, an der er in den 1970er-Jahren bei der Druckerei Cavelti in Gossau seine Lehre als Schrift- und Maschinensetzer absolviert hat. Paul Wirth gehörte damals zu den letzten, welche diesen mittlerweile ausgestorbenen Beruf erlernen konnten.

Sinnliche Erfahrung

Man sieht das Blei in einem grossen Topf schmelzen, durch ein paar Handgriffe an der Maschine wird die fertig gesetzte Zeile in Blei gegossen. Es ist ein durch und durch sinnliches Erlebnis, an dessen Anfang flüchtige Gedanken stehen, die zu Papier gebracht und danach vom Schriftsetzer von der zweiten Dimension in die dritte Dimension übertragen werden. Zuletzt können sie gedruckt und damit fast unbegrenzt vervielfältigt werden.

Zweite Revolution

Bis vor wenigen Jahrzehnten hatte sich an diesem Verfahren seit Johannes Gutenberg nichts Grundsätzliches geändert. Eine neue Revolution kündigte sich erst mit dem Aufkommen des Fotosatzes an. Eine Dimension ging dabei verloren, die Bleilettern brauchte man nicht mehr, die Schriften existierten nur noch in Form von fotografischen Bildern. Nicht lange danach gaben die Buchstaben ihre physische Existenz endgültig auf. Computer ermöglichten den digitalen Satz, bei welchem Buchstaben nur noch gespeicherte Daten sind. Paul Wirth hat sich mit 24 Jahren gerade noch rechtzeitig selbständig gemacht: «Fotosatz, das gab es nie bei mir, ich bin immer voll auf Blei abgefahren.»

Faszination Blei

Bei ihm ticken die Uhren noch etwas anders. Manchmal schickt ihm ein Kunde eine Anzeigenverkäuferin vorbei, weil sie dessen Logo braucht. «Ich habe nur eine SbPbSn-Datei», sagt er dann zu ihr. Und wenn er daraufhin ihren verdutzten Gesichtsausdruck sieht, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sb, Pb, Sn – das sind die Elementsymbole von Antimon, Blei, und Zinn – der Legierung, aus der die Bleilettern gegossen werden.

Am Bleisatz fasziniert Paul Wirth die Technik aber auch dessen Schriftkultur: «Jede Zeile hat ein Eigenleben, sag ich jeweils.»

Momentan beobachtet Paul Wirth eine Retrowelle in der Typographie. Natürlich könne man jedes Alphabet einscannen und damit Text setzen. Er als Profi sehe dies jedoch auf den ersten Blick, zum Beispiel wenn jedes kleine «e» an derselben Stelle einen «Hick» habe.

Wertvolles Handwerk

Zu Paul Wirths Kunden, welche den traditionellen Buchdruck schätzen und ihn «in echt» haben wollen, gehört das Büro Sequenz. Was aber hat die jungen St. Galler Grafiker, die als experimentierfreudige Illustratoren bekannt sind, dazu bewogen? Es ist Zeit für einen Szenenwechsel.

Im Büro an der St. Galler Linsebühlstrasse wird gerade umgebaut. Es riecht nach Holz und frischer Farbe. Bei einer Tasse Kaffee erläutert Sascha Tittmann, dass man den Buchdruck einsetze, um einen bestimmten Kommunikationsanspruch zu erfüllen: «Für eine Ausgabe der Ausserrhoder Kulturzeitschrift <Obacht Kultur> zum Thema Handwerk liessen wir deshalb den Heftumschlag von Hand setzen.» Und seine Kollegin Anna Furrer ergänzt: «Für uns besteht der Reiz darin, trotz der Einschränkungen des Bleisatzes dessen handwerkliche Qualität und Haptik zu nutzen.»

Verspielte Regelbrüche

Oft gehen die Sequenzler mit Schriften und dem Erbe der klassischen Typographie spielerisch um. Für Titel verändern sie bestehende Schriften oder entwerfen sogar neue Buchstaben, die auch als Illustration gedacht sind. Buchstaben rücken zusammen und verschränken sich ineinander. «Die klassische Typographie bleibt für uns aber die Basis jedes Gestaltungsauftrags, sei es ein Trickfilm, ein Plakat oder ein Buch», betont Sascha Tittmann. «Während der Ausbildung haben wir tagelang Schriften abgezeichnet und dadurch ein sicheres Gefühl für die Lesbarkeit und die Abstände entwickelt. Denn Regeln kann man nur neu interpretieren, wenn man sie kennt.»

Paul Wirth mit Handsatz-Lettern im Typorama Bischofszell. (Bild: Ralph Ribi)

Paul Wirth mit Handsatz-Lettern im Typorama Bischofszell. (Bild: Ralph Ribi)