Blasphemie light

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Im Bibel-Themenpark: Der Komiker Bill Maher (links) mit einem amerikanischen Jesus-Darsteller im Vergnügungspark «Holy Land». (Bild: Ascot-Elite)

Im Bibel-Themenpark: Der Komiker Bill Maher (links) mit einem amerikanischen Jesus-Darsteller im Vergnügungspark «Holy Land». (Bild: Ascot-Elite)

Ort. TeNeu im Kino «Religulous» «Borat»-Regisseur Larry Charles nimmt in seiner unterhaltsamen Doku-Satire «Religulous» religiösen Fanatismus aufs Korn. Sarah Stähli

Der Stand-up-Komiker und bekennende Atheist Bill Maher befragt in «Religulous» irre Fanatiker und weltfremde Schäfchen Gottes zu ihrem Glauben. Das Ergebnis ist eine witzige und erschreckende Dokumentarkomödie über das Opium fürs Volk.

Von religiös zu lächerlich ist es oft nicht weit. Dieser Meinung sind die Macher des Filmes mit dem ausgeklügelten Namen «Religulous», einer Kreuzung der Wörter «religious» und «ridiculous». Der Lächerlichkeit und Absurdität, zu der religiöse Verbrämtheit Menschen weltweit verleitet, geht diese amerikanische Dokumentarfilmsatire nach.

Bill Maher, der in den USA ein beliebter Stand-up-Komiker ist, befragt Menschen zu ihrem Glauben. Für Maher, aufgewachsen als Sohn eines katholischen Vaters und einer jüdischen Mutter, war Religion immer schon ein unverständliches Phänomen. Den Religionsunterricht, den er als Kind absitzen musste, vergleicht er im Film mit dem Krieg: «Langeweile mit kurzen Momenten des Terrors». Der Komiker ist überzeugter Atheist, Religion bezeichnet er einmal als «neurologische Störung». Im Film zieht er aus, um mit den Gläubigen, zumindest verbal, den Kampf aufzunehmen oder wie er es bezeichnet, einfach nur Fragen zu stellen. Maher ist ein brillanter Interviewer, der sich gekonnt dumm stellt und die Befragten ins offene Messer laufen lässt. «Sie glauben wirklich, dass ein Mann im Inneren eines Fisches lebte? Wie alt sind sie, 10?» fragt er etwa einen «Ex-Jew for Jesus».

Für die Regie dieser unterhaltsamen Religionssatire zeichnet sich der amerikanisch-jüdische Larry Charles verantwortlich, Autor der Sitcom «Seinfeld» und Regisseur der Ali-G.-Komödie «Borat». Neben den USA besuchen Maher und Charles auch Israel, Holland und Italien und treffen Mormone, Rabbis, einen Schwulen-Bekehrer und einen Jihad-Rapper. Geradezu surreal wird es, wenn Maher einen falschen Messias aus Puerto Rico namens Jesus interviewt, der die Wiederkunft falsch verstanden hat und sich als Reinkarnation von Jesus sieht. Oder einen millionenschweren Fernsehprediger, der mit seinen Klunkern klimpert und gleichzeitig den guten Samariter mimt. In diesen Begegnungen zeigt sich der haarsträubende religiöse Wahn, der grosse Teile der amerikanischen Bevölkerung fest im Griff hat. Einer der absurdesten Auswüchse dieses Irrsinns ist auch der Vergnügungspark «Holy Land» in Florida. Ein Disneyland für Bibelfeste, in dem im Stundentakt von Laiendarstellern die Kreuzigung nachgespielt wird, live begleitet von zweitklassigen Musicalsängern. Richtig erschreckend wird es, wenn sich Maher mit einem frommen Senator zur berechnenden Auswirkung von Religion auf Politik, unterhält und sein Unbehagen darüber äussert, von einem Senator regiert zu werden, der an sprechende Schlangen glaubt.

Ausser einem missglückten Versuch in den Vatikan zu gelangen, begibt sich der Komiker jedoch nicht wirklich auf gefährliches Terrain. Die Begegnungen beschränken sich fast nur auf irre Fanatiker und unbedarfte, weltfremde Schäfchen Gottes. So verleitet der Film zwar zum Lachen, aber die verzweifelte Frage des kritischen Atheisten, weshalb diese Menschen glauben, bleibt unbeantwortet. Zuweilen verlässt sich «Religulous» zu sehr auf das Rezept des massentauglichen Unterhaltungsdokumentarfilms à la Michael Moore, der seinen Witz vor allem daraus schöpft, dass sich jemand vor der Kamera zum Trottel macht. In der dramatischen Endsequenz wird Maher, zwischen Einblendungen von Selbstmordattentaten und Atomexplosionen, selber zum Prediger, ein Prediger der Zweifel und Skepsis als den einzig richtigen Glauben preist. xt

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