Big Daddy, Viktator und der Hübsche – So werden Politiker in ihrer Heimat genannt
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Big Daddy, Viktator und der Hübsche – So werden Politiker in ihrer Heimat genannt

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Machthaber werden von Rivalen mit Spitznamen verspottet. Das kann ihnen schaden oder sie unsterblich machen.

Simon Maurer
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Sleepy Joe, Crazy Bernie, Mini Mike — US-Präsident Donald Trump hat für jeden seiner politischen Gegner einen Spitznamen. An seinen Wahlkampfevents macht er sich regelmässig über seine Rivalen lustig und verhöhnt sie mit gemeinen Wortspielen. Nicht nur Trumpisten lachen, wenn er etwa Mike Bloomberg als Mini Mike verhöhnt. Denn der demokratische Milliardär hat ein Eitelkeitsproblem: Er liess sich in der Vergangenheit immer wieder Rampen hinters Rednerpult stellen, um grösser zu wirken.

Trumps Spottbezeichnungen wirken besonders stark, weil er damit oft auf tatsächlich vorhandene Schwächen zielt. Oder zumindest auf das Bauchgefühl der amerikanischen Öffentlichkeit. So wurde die ehemalige Aussenministerin Hillary Clinton zwar von allem juristisch strafbaren Fehlverhalten freigesprochen, aber in der amerikanischen Öffentlichkeit blieb ihr gegenüber stets ein Gefühl des Misstrauens. Mit seinem Spitznamen „Crooked Hillary“ (betrügerische Hillary) nutzte Trump dies geschickt aus und machte die Demokratin 2016 zum Gespött im ganzen Land.

Ihr Lachen wirkt oft gespielt, Teile der amerikanischen Öffentlichkeit trauen Hillary Clinton kaum. Klar, dass der Spitzname Crooked Hillary an der ehemaligen Aussenministerin haften blieb.

Ihr Lachen wirkt oft gespielt, Teile der amerikanischen Öffentlichkeit trauen Hillary Clinton kaum. Klar, dass der Spitzname Crooked Hillary an der ehemaligen Aussenministerin haften blieb.

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Trump ist der Meister der bösen Zungen

Momentan gibt es niemanden, der das Spiel mit den Namen so geschickt einsetzt wie der orange Rüpel im weissen Haus. Fast täglich schiesst Trump über Twitter neue Wortschöpfungen auf seine Kritiker. Und seine Helfer beim konservativen Sender Fox News zeigen diese jeden Abend einem Millionenpublikum.

Die von Trump verliehenen Spitznamen sind mittlerweile derart bekannt, dass sie sogar von Wikipedia gesammelt werden. Die offizielle Liste der Plattform umfasst bereits 200 Begriffe, die Trump anderen angehängt hat. Das ironische dabei: Obwohl Trump schon so viele Spitznamen kreiert hat, gelang es bisher niemandem, ihm sein eigenes Gift zu verabreichen. Ausser den eher unbekannten Bezeichnungen „Liar in Chief“ (Cheflügner) und „Fake President“ gibt es keinen Übernamen für ihn. Trump stellt sich selbst aber oft als „Your favourite President“ (Ihr Lieblingspräsident) vor.

Galerie: Das sind die bekanntesten Trumpschen Spitznamen:

Mehrheitsführerin Nancy Pelosi gilt als starke Frau und macht Trump oft nervös. Ob er sie deshalb Nervous Nancy nennt?
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Trump findet nicht nur Bernie Sanders Frisur verrückt, sondern auch seine dezidiert linken Ideen. Er bezeichnet den Senator deshalb als Crazy Bernie.
«Ätsch, meine Raketen sind grösser als deine», meint Donald Trump und nennt Kim Jong Un deshalb Little Rocket Man.
Weil sie einst behauptete, sie habe indianische Vorfahren (laut extra angefertigtem Gentest stammen sechs bis zehn Prozent ihres Erbguts von amerikanischen Ureinwohnern), erhielt Elizabeth Warren den Spitznamen Pocahontas.
Jetzt gelten sie als Freunde, doch 2016 waren sie Konkurrenten: Damals brandmarkte Trump den Senatoren Ted Cruz als Lying Ted, und schimpfte ihn den grössten Lügner in ganz Washington.
Senator Al Franken musste wegen Missbrauchsvorwürfen zurücktreten. Trumps Reaktion: Er ächtete ihn als Al Frankenstein.
Wirkt oft schläfrig, wie wenn er direkt aus dem Bett aufgestanden wäre: Ex-Vizepräsident Joe Biden, der als Sleepy Joe verspottet wird. Im Zusammenhang mit der Ukraineaffäre nennt Trump Biden auch Quid pro Joe.
Laut Trump verliert der demokratische Minderheitsführer im Senat Chuck Schumer sehr häufig. Darum bezeichnet er ihn als Crying Chuck (der flennende Chuck).

Mehrheitsführerin Nancy Pelosi gilt als starke Frau und macht Trump oft nervös. Ob er sie deshalb Nervous Nancy nennt?

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Der letzte Politiker, der ein ähnlich gutes Händchen (oder Züngchen) für Spitznamen hatte wie Trump, war George W. Bush. Seines Zeichens ebenfalls Republikaner und allgemein für sein loses Mundwerk bekannt. Auf ihn geht unter anderem der Spitzname „Straussenbein“ für Wladimir Putin zurück. Wie Trump schoss auch Ex-Präsident Bush manchmal unter die Gürtellinie. Den Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, John Boehner, nannte Bush „Boner“, was so viel heisst wie „Ständer“ bei einer Erektion.

Doch nicht überall zielen Spitznamen auf Geschlechtsteile ab wie in den USA. Im altehrwürdigen Europa nennen die Deutschen ihre Kanzlerin liebevoll „Mutti“. Die Übernamen sind hier allgemein weniger brutal, selbst in der Comedyszene. Die „heute show“, das Flaggschiff der deutschen Satire, bezeichnet den hetzerischen AfD-Politiker Björn Höcke regelmässig als Bernd Höcke. Das amerikanische Pendant „daily show“ geht deutlich weiter und nennt seinen Lieblingsgegner Trump schon seit langem „Fuckface von Clownstick“ (Arschgesicht von Clownstick).

Der amerikanische Moderator Trevor Noah (links) benutzt deutlich derbere Sprache als sein deutscher Kollege Oliver Welke (rechts).

Der amerikanische Moderator Trevor Noah (links) benutzt deutlich derbere Sprache als sein deutscher Kollege Oliver Welke (rechts).

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Überall gibt es Spitznamen, nur nicht in der Schweiz

In Osteuropa werden Spitznamen den eher autoritären Staatschefs traditionell vom Volk verliehen. Russen nennen ihren Präsidenten etwa „blasse Motte“, ein Spitzname den Putin schon während seiner Geheimdienstzeit erhalten hat. Der 1.60 kleine Dmitri Medwedew, bis vor kurzem russischer Ministerpräsident und Adlat Putins, wird hinter vorgehaltener Hand „Putinchen“ oder ironisch „Grosswesir“ genannt. Und Ungarns protestierende Jugend enerviert sich meist nicht über Viktor Orban, sondern über den „Viktator“.

Doch die herrschende Klasse nimmt das Spotten nicht immer auf die leichte Schulter. Der chinesische Präsident Xi zum Beispiel war von seinem Übernamen „Big Daddy“ so gekränkt, dass er ihn im chinesischen Internet zensurieren liess. Und auch der australische Premier Scott Morrison zeigte sich dünnhäutig: Er beschwerte sich bereits mehrere Male, dass er nicht mehr „Scotty von der Marketingabteilung“ gerufen werden will.

Galerie: Diese Spitzenpolitiker sind in ihrer Heimat unter einem Spitznamen bekannt.

Macht laut der ungarischen Opposition Politik wie ein Diktator: Der ungarische Regierungschef Viktor Orban, der von Gegnern Viktator genannt wird.
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«Man könnte ihn mit einem Schauspieler aus einer spanischen Serie verwechseln», schrieb die italienische Ausgabe der «Huffington Post» über den spanischen Premier Pedro Sanchez. Sein Übernahme: Pedro der Hübsche.
Als junger Mann war Recep Tayyip Erdogan ein talentierter Fussballspieler. Weil er auch sehr religiös war, nannten ihn seine Teamkameraden Imam Beckenbauer. Der Spitzname blieb bis heute.
Mutti macht die Merkel-Raute: Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat ihren Übernamen ursprünglich nicht als Kompliment angesehen. Jetzt habe sie sich aber daran gewöhnt, so Merkel.
Portugals Premierminister Antonio Costa ist wegen seiner indischen Herkunft als Gandhi von Lissabon bekannt. Costa hat den Übernamen ohne Widerstand angenommen und Anfang dieses Jahres sogar einen Preis zu Ehren des Original-Gandhi gestiftet.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wird schon seit seiner Kindheit Bibi genannt. Der Spitzname stammt ursprünglich von seinem Grossvater.
Sein Volk gab dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping den Spitznamen Big Daddy. Auch eine Ähnlichkeit mit Winnie the Pooh wurde ihm nachgesagt. Die Folge: Xi liess die Suchbegriffe Big Daddy und Winnie the Pooh im chinesischen Internet zensurieren.
Weil Mitch McConnells Politik den Russen in die Hände spiele, schmähen Demokraten den republikanischen Mehrheitsführer im Senat Moscow Mitch.
Sein Volk nennt ihn Blasse Motto, George Bush bezeichnete ihn als Straussenbein: Der russische Präsident Wladimir Putin, der in Russland zahlreiche weitere Übernamen hat.
Für viele Australier mehr PR-Angestellter als Regierungschef: Der australische Premierminister Scott Morrison, der auch als Scotty from Marketing bezeichnet wird.
Boris Johnson ist der Britain Trump – den Spitznamen erhielt der Brite wegen der Ähnlichkeit seines Auftretens zu jenem von Trump.
Der republikanische Senator Lindsey Graham vertritt oft Positionen, die laut Gegner Russland helfen. Einige nennen ihn deshalb Leningrad Lindsey.

Macht laut der ungarischen Opposition Politik wie ein Diktator: Der ungarische Regierungschef Viktor Orban, der von Gegnern Viktator genannt wird.

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In einem Land aber fehlen Politikerspitznamen, nämlich in der Schweiz. Zwar weiss jeder, wer gemeint ist, wenn von „Christoph“ oder „Simonetta“ die Rede ist. Aber kreative Übernamen gibt es nicht. Schweizer Politiker trauen sich nicht zur kecken Neckerei. Und das Bundeshaus ist nicht gerade als Hort der guten Laune bekannt.

Entgegen dem ersten Reflex ist ein Spitzname nicht immer etwas Negatives, auch wenn er ursprünglich so gemeint war. Denn begabte Rhetoriker können einen unvorteilhaften Übernamen häufig ins Positive drehen. Margaret Thatcher, die ehemalige britische Premierministerin, wurde ursprünglich von russischen Propaganda-Zeitschriften als herzlose, «eiserne Lady» beschimpft. Doch Thatcher reagierte geschickt und nutzte die Bezeichnung, um sich als starke, unverrückbare Kraft gegen den russischen Kommunismus darzustellen.

Das Akzeptieren eines vermeintlich nachteiligen Spitznamen kann ambitionierten Machthabern sogar helfen, sich einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern. Für dieses Ziel ist ein eingängiger Spitzname nämlich oft mehr Wert als eine grosse Tat: Iwan III, der erfolgreichste russische Iwan, ist heute nur wenigen ein Begriff. Doch den vierten Iwan, «den Schrecklichen», kennen auch heute noch die meisten.

Kennen Sie Iwan IV. Wassiljewitsch? Wohl kaum. Aber Ivan den Schrecklichen kennen fast alle. Von links nach rechts: Margaret Thatcher, Ivan der Schreckliche und Karl der Kahle.

Kennen Sie Iwan IV. Wassiljewitsch? Wohl kaum. Aber Ivan den Schrecklichen kennen fast alle. Von links nach rechts: Margaret Thatcher, Ivan der Schreckliche und Karl der Kahle.

Bilder: Keystone / zvg
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