Beziehungen: 1:0 für den Verstand

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Warum ich mein Bauchgefühl öfter mal igonorieren würde.

Maria Brehmer
Drucken
Teilen
«Was passiert da in mir? Und warum zur Hölle kann ich mich nicht kontrollieren? Höre auf dein Bauchgefühl? Von wegen!»

«Was passiert da in mir? Und warum zur Hölle kann ich mich nicht kontrollieren? Höre auf dein Bauchgefühl? Von wegen!»

Foto: Sandra Ardizzone

Es gibt Momente, da denkt man das eine und tut das andere. In der Beziehung erlebe ich diese Momente besonders oft.

Da nehme ich mir felsenfest vor, meinem Freund nicht gleich irgendetwas vorzujammern, sobald er zur Tür hereinkommt. Kommt er dann zur Tür rein, mache ich es doch – und verweigere uns so die Chance, dass wir uns nach einem langen Tag richtig begrüssen können.

Banale Dinge triggern übermässig

Oder ich will auf gar keinen Fall schmollen, wenn mir mein Freund mein Bedürfnis nach Austausch nicht von den Augen abliest – und werde trotzdem übertrieben traurig, wenn er sich – völlig zu Recht, denn schliesslich habe ich ihn ja um nichts gebeten! – um etwas anderes kümmert.

Auch passiert es mir, dass ich mich immer wieder über die gleichen Angewohnheiten meines Liebsten nerve, obwohl ich beabsichtige und auch überzeugt davon bin, nicht mehr darauf zu reagieren. Ich spreche hier von Angewohnheiten der Kategorie «Duschgeltube offen lassen», also wirklich banale Dinge. Dennoch triggern mich gewisse Sachen immer und immer wieder, so fest ich auch gegen sie andenke.

Was passiert da in mir? Und warum zur Hölle kann ich mich nicht kontrollieren? Höre auf dein Bauchgefühl? Von wegen!

Überzeugungen, die wir mit uns rumtragen

Seit wir klein sind, saugt unser Unterbewusstsein Unmengen an Informationen auf. Besonders im Kindesalter geschieht dies ohne den korrigierenden Filter des Verstandes. Was richtig ist und was falsch, hat sich so im Laufe unserer frühen Entwicklung in unser Gehirn ein­geprägt – ohne dass wir bei der Beurteilung viel mitzuentscheiden gehabt hätten.

Bei mir etwa die Überzeugung, dass Duschgel­tuben-Deckel nicht offen gelassen werden. Oder dass ein Partner nur dann «richtig» ist, wenn er meine Bedürfnisse errät. Natürlich haben wir viele solche Überzeugungen, einige von ihnen legen wir irgendwann ab, da wir sie als falsch entlarven oder sie uns nicht dienlich sind.

Darum bedauern wir so oft unser Verhalten

Andere tragen wir ein Leben lang mit uns herum. Denn unbewusste Verhaltensmuster mit aktivem Verstand zu verändern, kostet Kraft: Handlungen, die dem Bewusstsein entspringen, verschlingen viermal mehr Energie als die Aktivitäten des Unterbewusstseins. Darum ist es so anstrengend, neue Routinen in unseren Alltag zu integrieren.

Dass wir oft das eine denken und doch das andere tun, ist auch der Grund, warum wir nach einem Streit so oft unser Verhalten ­bedauern. Oder warum ich mich jedes Mal dafür entschuldige, wenn ich schmolle, weil mein Freund nicht von selbst darauf kommt, wonach mir gerade ist.

Dann nehme ich mir zum wiederholten Mal vor, das nächste Mal endlich das zu tun, was ich ge­denke zu tun. Und danke meinem Freund dafür, dass eine seiner Überzeugungen ist, dass Vorjammern völlig in Ordnung ist.