Mehr als modische Frisuren: Bewusstes Haareschneiden ist Wellness für Kopf, Geist und Körper

Bewusstes Haareschneiden ist die etwas andere Art, sich beim Coiffeure die Haare schneiden zu lassen. Entwickelt hat die Methode der Schweizer Martin Burri.

Susanne Holz
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«Ich liebe dich mit Haut und Haar.» Was für eine schöne Aussage. Und welche Frustration, wenn man die eigenen Haare nicht mag! Weil sie zu dünn oder zu dick sind, zu glatt oder zu lockig, zu brav oder zu widerspenstig... Weil der Schnitt einfach nicht passt oder das Haar zu strapaziert ist. Es gibt tausend Gründe, sein Haar nicht zu mögen. Und es gibt zahllose Coiffeursalons, um sein Glück zu versuchen. Das Glück mit dem Haar.

Nicht einfach «schnipp, schnapp»: Beim bewussten Haareschneiden ist Intuition gefragt.

Nicht einfach «schnipp, schnapp»: Beim bewussten Haareschneiden ist Intuition gefragt.

Bild: Shutterstock

Eine Variante des Haareschneidens, die es seit 30 Jahren schon gibt und die aktuell an Beliebtheit zunimmt, nennt sich «bewusstes Haareschneiden». Hier soll man sich beim Coiffeur entspannen, von der Hektik des Alltags entschleunigen, ins Grüne blicken anstatt in den Spiegel – als einziger Kunde im Raum. Geredet wird nur, bevor geschnitten wird – und das ausführlich und einfühlsam. Verwendet werden Bioprodukte und Naturfarben. Wellness beim Coiffeur, mit dem Ziel, das Haar typgerecht zu schneiden. Wer jetzt spontan an das Wort Pferdeflüsterer denkt, und diesen Begriff in «Haarflüsterer» umfunktionieren will, der liegt vermutlich gar nicht so falsch. Denn beim «bewussten Haareschneiden» ist Intuition und Einfühlungsvermögen gefragt.

Das Haar als Faden der Seele

Entwickelt hat die Methode der Schweizer Martin Burri. Der ehemalige Coiffeur, Haartherapeut und Referent bezeichnet das Haar als «Faden der Seele». Burri, 66, sagt: «Man muss bewusst mit Mensch und Haar umgehen. Dies paart sich gut mit dem Trend zum biologischen Produkt.» In Deutschland und Österreich sei die Nachfrage nach bewusstem Haareschneiden gross. In der Schweiz gebe es einige Einzelkämpfer, in den Nachbarländern hingegen mehr gruppierte Anbieter. Am Schwarzsee (Kanton Fribourg) entstehe gerade ein Seminarraum für Aus- und Weiterbildungen zum bewussten Haareschneiden.

Bewusstes Haareschneiden nach Martin Burri

Vor rund 30 Jahren entwickelte Martin Burri in der Schweiz sein Prinzip des bewussten Haareschneidens: Der Coiffeur arbeitet ohne Spiegel. «Das Haar wird im trockenen Zustand geschnitten, um seiner Dynamik und Bewegung zu folgen. Und um es beim Schnitt in die Position zu begleiten, an der es sich wohlfühlt.» Der Coiffeur soll berücksichtigen, dass viele Kunden auch ein neues Lebensgefühl schätzen. Wichtig ist zudem Entspannung. Martin Burri: «Das Haar ist eng mit unseren körperlichen Energieströmen und der Psyche verbunden. Über eine spezielle, langsame und liebevolle Haarschnittbewegung bringt man alle Haarspitzen miteinander in Verbindung und erwirkt eine selbst getragene Form. Der natürliche Fluss des Haares wird gefördert.» (sh)

Eine, die 2019 die Ausbildung zum bewussten Haareschneiden bei Martin Burri abschloss, ist Fabienne Thali. «Es geht hier um mehr als um Haareschneiden», findet die 42-Jährige. «Nämlich um ein Gefühl, das der Kunde auf dem Kopf spüren möchte. Ich arbeite in Ruhe. Die Haare werden in ihrer Bewegung geschnitten, damit es natürlich aussieht.»

Fabienne Thali schneidet seit 2019 bewusst. Sie ist längst nicht die einzige Anbieterin.

Fabienne Thali schneidet seit 2019 bewusst. Sie ist längst nicht die einzige Anbieterin.

Bild: Fredy Thürig

So entstünden Frisuren, «die einfach fürs Handling sind und eine Einheit mit der ganzen Person bilden. Nichts Aufgesetztes.» Die Quereinsteigerin kommt aus der Stilberatung und schneidet seit April 2019 bewusst Haare. Inzwischen durfte Thali so bereits rund 100 Kunden eine neue Frisur angedeihen lassen. «Es ist viel Learning by Doing», erklärt die Zentralschweizerin. Was die Kunden wiederum lernen müssten: Ihre Haare anders wahrzunehmen und besser über sich und ihr Haar zu denken und zu reden. Daniela Baurmann ist Kundin bei Fabienne Thali. «Seit ich meine Haare auf diese Art schneiden lasse, finde ich sie erstmals genau richtig», bekundet sie. «Sie liegen perfekt und unterstreichen meine Persönlichkeit. Das Schneiden an sich ist unglaublich wohltuend. Es fühlt sich an wie ein Mini-Wellnessurlaub.»

In Dettighofen im Thurgau schneidet Nicole Högger bewusst Haare. Die 45-Jährige bildet seit 2019 auch selber aus. Und hat einen eigenen Salon auf dem Land. «Das Ziel ist, die innere Schönheit nach aussen zu tragen», sagt Högger. Zehn Prozent ihrer Kunden seien Männer.

«Es werden von Jahr zu Jahr mehr Kunden. Seit Corona ist das Interesse nochmals gestiegen. Es geht hier auch um einen bewussteren Umgang mit sich und der Natur.»

Nicole Jeckelmann wiederum schneidet in Düdingen im Kanton Fribourg derzeit sowohl bewusst als auch herkömmlich. Bald jedoch nur noch bewusst. «Das wird immer mehr verlangt, ein Trend ist es schon länger», so die Erfahrung der 46-jährigen Coiffeuse, die ebenfalls ausbilden darf. «Bewusstes Haareschneiden ist wie eine Oase. Und es macht das Haar kräftiger. Auch vertragen viele Kunden die herkömmlichen Produkte nicht mehr.» Berufskollegin Manuela Keller, 44, aus Frauenfeld im Thurgau schneidet grundsätzlich bewusst, aber: «Nicht alle merken das sogleich. In der Regel sind die Kunden begeistert. Auch Männer, Kinder, Senioren. Der Trend verbreitet sich.»

Auch die herkömmlichen Coiffeure nutzen Naturprodukte

Eine weitere Coiffeuse aus dem Kanton Fribourg, Eliane Rothenbühler aus St. Ursen, schneidet seit einem Jahrzehnt nur noch bewusst. Die 49-Jährige benutzt Pflanzenfarben und Biokosmetik. «Haare spiegeln die Seele», ist sie überzeugt. In Rothenbühlers geschützten Rahmen kommen vor allem Frauen. Diese sitzen dann vor einem Gemälde. Früher sassen sie vor einem Fenster. «Es geht darum, die Frisur von innen nach aussen zu holen», erklärt die Westschweizerin. «Das Haar zu lesen.» Haarlänge und sämtliche Veränderungen bespreche man natürlich mit dem Kunden.

Und wo finden sich die Kritiker des bewussten Haareschneidens? Bei Coiffure Suisse, dem Verband Schweizer Coiffeurgeschäfte, möchte man kein Statement abgeben. Auch die Gidor Coiffure SA mit Sitz in Baar und grösste Coiffeur-Kette der Schweiz enthält sich eines Statements. Eine Coiffeuse bei Intercoiffure Raddatz in Zürich ist schliesslich bereit, eine Meinung zu äussern. Alessia Dick wägt ab: «Ich finde beide Techniken gut. Persönlich schneide ich trocken eher bei Herren. Bei Frauen, die viele Haare haben, schneide ich lieber nass – das ist exakter. Naturprodukte und -farben? Die nutzen wir herkömmlichen Coiffeure ebenfalls.»

Hinweis:
Liste aller Coiffeure, die bewusst schneiden in CH/Ö/D auf Martin Burris Website: www.triamon.ch.
Buch: «Martin Burri. Mein Haar, mein echtes Ich», Amazon Hardcover, 192 Seiten, ISBN 978 3 931560 41 6, € 16,99.