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Kolumne

Besser an den nahen See als nach Indien

Achtsamkeit ist das Wundermittel zu sich selbst, sagt unser Glücks-Kolumnist. In den Ferien gelingt das oft. Schwieriger ist es, achtsam auch im Alltag zu sein.
Sigmar Willi
Sigmar Willi, Professor FHS St.GAllen, Dozent für Persönlichkeitsbildung

Sigmar Willi, Professor FHS St.GAllen, Dozent für Persönlichkeitsbildung

Nach dem Aufstehen gehe ich zum Fenster und schaue lange aufs Meer hinaus, setze einen Filterkaffee auf und beobachte, wie das Wasser durch das Kaffeepulver läuft. Mit der Tasse in der Hand schlendere ich zur Terrasse, mache zuerst ein paar Atem- und Dehnübungen und beginne dann mein viertelstündiges Tai-Chi-Programm. Dann richte ich mir, tiefenentspannt, ein gesundes Frühstück und esse es langsam mit Genuss. So beginne ich die meisten Ferientage.

Ich wache auf, schaue auf die Wetter-App und in der Nacht reingekommene Kurznachrichten, gehe unter die Dusche und überlege mir, was ich heute anziehen soll. Ich eile zum Bus, blättere die Gratiszeitung durch. In der Kantine kaufe ich mir ein Sandwich und verschlinge es, während der Computer hochfährt und ich die ersten E-Mails lese.

Dass ich Kaffee dazu trinke, merke ich gar nicht.

So beginne ich die meisten Arbeitstage und frage mich abends erschöpft, wieso um alles in der Welt ich nicht fähig bin, mehr wohltuende Ferienangewohnheiten in meinen Alltag zu integrieren.

Etwas zu verändern, ist anstrengend

Wir wüssten alle recht gut, wie das geht. Haben es auch schon ein paarmal hingekriegt – das mit dem achtsamen Umgang mit uns selbst und der Umwelt. Warum ist es dennoch so schwierig, unser Verhalten dauerhaft anzupassen?

Verhaltensänderungen sind sehr anspruchsvoll. Der Gründe sind viele: Menschen sind Gewohnheitstiere. Etwas zu verändern, ist anstrengend und zudem noch mit der mühseligen Eigenschaft der Selbstreflexion verbunden.

Die Stärken Disziplin und Selbstregulation sind in der Wissenschaft als klare Treiber von Lebenszufriedenheit definiert, muten in ihrer Anwendung aber wenig sexy an. Kommt dazu, dass unser Hirn uns wenig unterstützt beim Versuch, Verhalten dauerhaft zu ändern.

Das Hirn reagiert stärker auf neue Reize, als dass es Routinehandlungen belohnt.

Und Reize gibt es viele: Nebst Umwelteinflüssen, anderen Menschen und körperlichen Bedürfnissen, lösen unsere Gedankengänge einen steten Strom von Hirnreizen aus. Und hier setzt die Achtsamkeit ein, als erfolgreiches Mittel gegen diesen Dauerbeschuss an Gedanken.

Im Moment und nicht wertend

Haftete diesem Begriff früher das Stigma von Gefühlsduselei, Spiritualität oder sogar Esoterik an, ist Achtsamkeit heute in aller Munde. Megatrends wie der Hollywood-Buddhismus, Yoga, Individualismus, Gesundheitsförderprogramme in Unternehmen oder die erfolgreiche Burn-out-Behandlung mit MBSR (Mindful-based Stress Reduction) haben den Begriff salonfähig gemacht. Der Pionier auf diesem Gebiet ist der Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn.

Er definiert Achtsamkeit als eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, die sich absichtsvoll auf den gegenwärtigen Moment bezieht und nicht wertend ist. Der Gedankenfluss aus Vergangenem und Zukünftigem wird ausgeblendet, um ganz im Hier und Jetzt zu sein. Es zählt nur die Wahrnehmung.

Ziel ist es, den unruhigen Geist zur Ruhe zu bringen und die Umwelt dadurch bewusster wahrzunehmen.

Unsere sinnliche Erfahrung wird gefördert, und wir lernen den Moment zu schätzen. Die daraus gewonnenen positiven Emotionen und Erfahrungen steigern das Wohlbefinden, erweitern unser Handlungsspektrum und bauen Resilienz auf.

Gang durch den Garten als Einstieg

Wie kann ich Achtsamkeit trainieren? Die Hardcore-­Variante ist, nach Indien in einen Ashram zu gehen und sich monatelang – in unbequemer Körperhaltung – in Meditation zu üben. Aufwendig und anstrengend, es geht auch leichter. Versuchen Sie beispielsweise, eine Mahlzeit ganz bewusst einzunehmen. Was sehe, rieche, schmecke, fühle ich bei jedem Bissen? Was verändert sich in meinem Körpergefühl bei fortschreitender Sättigung?

Zum Einstieg gut geeignet ist auch ein Gang durch den Garten, den Wald, an den See, in die Berge oder in die Tierwelt. Und hier, einem kleinen Kind gleich, neugierig alles zu beobachten und zu verweilen. Schauen Sie bei der nächsten Bus- oder Zugfahrt einfach nur zum Fenster raus. Dies kann auch im Büro zwischen zwei Arbeitsschritten zur Gewohnheit werden. Wann immer das Gedankenkarussell nicht zur Ruhe kommen will, gilt es, die Konzentration wiederum auf die sinnliche Wahrnehmung zu lenken.

Achtsamkeit üben geht einfacher alleine und gelingt nicht, wenn ich vergleiche. Sie verlangt nach viel Übung und einen wohlwollenden Umgang mit sich selbst.

«In der Ruhe liegt die Kraft», sagt ein altes Sprichwort. Diese Kraft hilft auch, ungewünschtes Verhalten zu verändern. Als Belohnung winkt ein heiter gelassener Geisteszustand. Vielleicht haben Sie Lust auf ­ ein kleines Achtsamkeits­experiment in der kommenden Ferienzeit, um es nachher in den Alltag zu integrieren?

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