Seitensprung
Berlusconi und Darbellay: Untreue ist keine Frage der Gelegenheit sondern der Macht

Studien zeigen: Werden Menschen ihrem Partner untreu, dann ist dies keine Frage der Gelegenheit und des Geschlechts. Die Macht hat einen verführerischen Einfluss.

Jörg Zittlau
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Der Mensch ist trotz demokratischen Fortschritten im Grunde ein Raubtier, das seine Stellung ausnutzt. Und zwar tun das nicht nur Männer.

Der Mensch ist trotz demokratischen Fortschritten im Grunde ein Raubtier, das seine Stellung ausnutzt. Und zwar tun das nicht nur Männer.

Getty Images/iStockphoto

Ein Politiker ist Vater eines unehelichen Kindes geworden und die Schweiz diskutiert, ob erfolgreiche Politiker einfach nicht anders können, als immer wieder fremdzugehen. Denn er ist beileibe kein Einzelfall.

2012 räumte US-General David Petraeus sein Büro bei der CIA, wegen einer Affäre mit der 20 Jahre jüngeren Paula Broadwell. Ein Jahr zuvor wurde bekannt, dass Arnold Schwarzenegger mit der Hausangestellten einen unehelichen Sohn gezeugt hatte, und die Geschichte mit Bill Clinton und seiner Praktikantin steht sogar in Geschichtsbüchern. Weitere Politiker mit ausserehelichen Affären: François Mitterand, Silvio Berlusconi, Dominique Strauss-Kahn, Joschka Fischer, Willy Brandt oder Horst Seehofer. Die Liste liesse sich beliebig weiterführen.
Sind also die Mächtigen unserer Welt besonders anfällig für aussereheliche Eskapaden? Eine verlässliche Statistik dazu gibt es nicht – aber Studien legen nahe, dass es durchaus so sein könnte.

Chefs halten Treue für unwichtiger

In einer holländischen Erhebung befragte man knapp 1600 Männer und Frauen anonym zu ihrer beruflichen Stellung sowie ihren Partnerbeziehungen und Einstellungen zur Treue. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Mitglieder der Führungsetagen häufiger fremdgehen und Treue generell für unwichtiger halten als jene Menschen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie unten oder mittig angesiedelt ist.

Diese Unterschiede begründen sich nicht etwa daraus, dass mächtige Leute mehr unterwegs und dadurch seltener zu Hause beim Partner sind, und auch nicht daraus, dass sie eine stärkere Liebe zum Risiko haben. Die Untreue der Leader speist sich vielmehr aus ihrem starken Selbstbewusstsein: Sie verstecken sich nicht – und sorgen dafür, dass sich die attraktiven Menschen ihrer Umgebung nicht vor ihnen verstecken.

«Macht führt dazu, dass man seine Aufmerksamkeit auf physisch attraktive Personen lenkt, sich ihnen verstärkt nähert und hinsichtlich des Interesses potenzieller Partner optimistischer ist», erklärt Studienleiter Joris Lammer von der Universität Tilburg. Was hingegen schrumpfe, so der Sozialpsychologe weiter, sei die Angst vor Zurückweisung. Und die Angst vor Sanktionen, die ja ein Mächtiger weniger fürchten muss als andere. Er hält sich also nicht nur für sexy und unwiderstehlich, er nutzt das auch hemmungslos aus. Denn für einen Ausnahmemenschen, so sein Credo, sollten gängige soziale Normen wie die Treue keine verbindliche Gültigkeit haben.

Die meisten Ehen sind Mogelpackungen

Klassische Monogamie, dass also zwei Partner praktisch lebenslang zusammenbleiben, gibt es im Tierreich selten. Es handelt sich in der Regel um Arten, die ein ausgeprägtes Brutpflegeverhalten haben, so-dass der Nachwuchs davon profitiert, wenn die Eltern zusammenbleiben. Wie etwa bei Bartenwalen, Seepferdchen und vielen Vögeln. Ansonsten handelt es sich bei vielen angeblichen Monogamien im Tierreich eher um Mogelpackungen. Storchenweibchen fliegen für den Winter mit ihrem Liebsten gen Süden und kehren auch zusammen zurück, doch wenn am alten Nest ein besserer Kerl wartet, wird die alte Beziehung gnadenlos beendet. (jz)

Der englische Historiker John Acton hatte also recht, als er Ende des 19. Jahrhunderts postulierte: «Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut.» Er dachte dabei an Päpste, Könige, Fürsten und andere männliche Regenten, und es scheint sich bis heute nichts daran geändert zu haben, dass die Verführbarkeit in den Chefetagen vor allem aufs Konto der Y-Chromosomen geht.

Doch Lammers Studie zeigt: Auch Frauen werden offen für Affären, sofern sie die Karriereleiter erklommen haben. Sie fallen in dieser Hinsicht bisher nur deshalb weniger auf, weil sie in Führungspositionen immer noch unterpräsentiert sind. «Doch sofern sich das ändern sollte, wird sich auch ihr sexuelles Verhalten ändern», betont Lammer.

Dass die Macht promiskuitiv werden lässt, ist vielleicht unmoralisch, aber aus evolutionärer Sicht des «Survival oft the Fittest» durchaus logisch. Denn die Überlebenschancen einer Art steigen, wenn es vor allem den Starken gelingt, ihre Gene weit zu verstreuen. Dann allerdings müsste dieses Modell nicht nur in den Chefetagen des Homo sapiens, sondern auch im Tierreich dominieren – und da tendieren die Sexualfakten eher in eine andere Richtung: Es dominiert zwar insgesamt die Polygamie, allein unter den Säugetieren hat sie eine Quote von über 98 Prozent. Doch die Macht spielt in der Regel keine grosse Rolle.

Kein Gerangel um Sexpartner

Bei der grossen Hufeisennase, einer auch in der Schweiz lebenden Fledermausart, kann sich ein Männchen darauf verlassen, dass nach der Tochter auch noch Mutter und Grossmutter zu ihm kommen – und es kommt zu keinen Eifersuchtsdramen. Bei den Bonobo-Affen geht es ebenfalls friedlich zu, denn sie setzen Sex als Konfliktlösung ein. Also erst streiten, dann paaren; und weil man sich prinzipiell mit jedem streiten kann, kann man sich auch mit jedem paaren.

Es gibt also genug Beispiele im Tierreich, in denen Polygamie kein Vorrecht der Mächtigen ist und sich die Spezies im Überlebenskampf trotzdem durchgesetzt hat. Der Grund: Wenn alle Sex miteinander haben, erzeugt dies extrem viele genetische Kombinationen, durch die eine Tierart flexibler auf die wechselnden Reize der Umwelt reagieren kann.

Dass nur die Starken polygam leben, kommt selten vor. Wenn, dann vor allem bei Raubtieren, die in hierarchischen Gemeinschaften leben. Wie etwa bei den Löwen, deren Rudelchef einen Harem um sich schart. Bei Wölfen und Schakalen gibt es zwar keinen Harem, doch dafür stattet das Alpha-Männchen auch anderen Weibchen als seiner Alpha-Frau einen Besuch ab, die dann allerdings ihre Konkurrentinnen so einschüchtert, dass sie aufgrund ihrer Angsthormone oft nicht schwanger werden können.

Nichtsdestoweniger geht es auch hier darum: Der oder die Starke versucht, möglichst viel Erbgut im Rudel einzubringen. Denn in Jäger- und Räuberbünden zählt weniger die bunte Vielfalt als der zuverlässige Erhalt bestimmter Fitnessmerkmale, wie etwa Kraft und Ausdauer – und dafür sind die Chancen umso höher, je mehr die Kräftigsten und Ausdauerndsten, also die Besten, ihre Gene weitergeben können.

Möglich also, dass die Polygamie der Mächtigen beim Homo sapiens auch etwas damit zu tun hat, dass er im Grunde seines Herzens und allen demokratischen Fortschritten zum Trotz immer noch ein Raubtier ist. Nicht umsonst sagte schon der englische Philosoph Thomas Hobbes: «Homo homini lupus», der Mensch ist des Menschen Wolf.