Berichte aus dem Wartesaal des Lebens

Peter Bichsel «Heute kommt Johnson nicht» versammelt die Kolumnen der letzten drei Jahre.

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Seit über dreissig Jahren schreibt Peter Bichsel Kolumnen und hat damit zu seiner unverwechselbar eigenen literarischen Form gefunden. Die Texte, die Monat für Monat in der «Schweizer Illustrierten» erscheinen und im Band «Heute kommt Johnson nicht» nun zu dauerhafter Aufbewahrung gebunden sind, stammen aus den Jahren 2005 bis 2008. Sie bilden nicht nur um dringliche Themen kreisende Gedanken des Autors ab, sondern spiegeln auch den Lauf der Zeit und gesellschaftliche Entwicklungen.

Zukünftiges und Vergangenes

Das Eisenbahnfahren und das Sitzen in Kneipen gehört seit jeher zu Bichsels Themen. Das Warten wird bereits im Titel gesetzt und später vielfältig variiert. «Ob Menschen das Warten können?» Wohl eher nicht, wenn man sie im Zug kurz vor der Ankunft am Ziel beobachtet. Die frühe Konditionierung auf ein ewiges Warten auf etwas, das kommen soll, das sobald es da ist, durch das Warten auf etwas anderes ersetzt wird, hat dem Menschen die Unmittelbarkeit des Erlebens geraubt. «Vielleicht bilden sie sich ein, dass ihnen das Fernsehen die Welt in die Stube liefert, und sie merken gar nicht mehr, dass <ihre> Welt sie selbst sind und dass ihre Welt sehr klein geworden ist, während ihnen das Fernsehen eine grosse Welt vorspielt», schreibt er dazu.

Das Warten auf Zukünftiges korrespondiert wunderbar mit der Erinnerung an Vergangenes. «Wie früh das schon beginnt, dass man eine Vergangenheit hat», wundert sich der Autor.

Nationalismus und Heimat

Natürlich macht sich Peter Bichsel auch noch über vieles andere Gedanken. Über Macht und Ohnmacht zum Beispiel, sei es in Wirtschaft, Politik oder im Privaten. Oder über das Geschichtsverständnis der Schweizer und ihr spezielles Verständnis von Integration. Fussballeuphorie nimmt er zum Anlass, Heimat zu definieren. «Heimat jedenfalls ist etwas Persönliches, und Nationalität, die selbstverständliche, die einem zufällt bei Geburt, ist noch lange nicht Heimat. In Heimat muss man hineinwachsen oder hineinerwachen.»

Und Bichsel prangert an: Die unhumane und gewalttätige Effizienz, die Informationsflut, die Entdeckungshunger in Lernhysterie verwandelt hat. Oder die Auswüchse der Partygesellschaft. Da Peter Bichsel jedoch stets nach «Spuren der Liebe» sucht, handeln all seine Berichte letztlich vom Menschsein und Menschbleiben. Matthias Peter

Peter Bichsel: Heute kommt Johnson nicht, Kolumnen. Suhrkamp, Frankfurt, 2008, Fr. 34.30

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