Bally mit neuer Ausstrahlung

Er ist schön, fast zu schön. Und er weiss es auch. Mit seinem schwarzen, vollen Haar, seinen weissen Zähnen und dem Drei-Tage-Bart verkörpert der 39jährige Brian Atwood den typischen Männer-Model-Typ: gross, schlank, mit gebräuntem Teint. Weit ist diese Einschätzung nicht gefehlt.

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Wildleder-Sandale 575.–. (Bilder: Bally)

Wildleder-Sandale 575.–. (Bilder: Bally)

Er ist schön, fast zu schön. Und er weiss es auch. Mit seinem schwarzen, vollen Haar, seinen weissen Zähnen und dem Drei-Tage-Bart verkörpert der 39jährige Brian Atwood den typischen Männer-Model-Typ: gross, schlank, mit gebräuntem Teint. Weit ist diese Einschätzung nicht gefehlt. Der Sunny-Boy aus Chicago begann seine berufliche Karriere nach seinem Kunst- und Architektur-Studium in Illinois und der Weiterbildung zum Modedesigner in New York tatsächlich als Fotomodell. Bis er 1996 von Gianni Versace in Mailand eingestellt wurde, um die Zweit-Linie des Unternehmens, Versus, zu entwerfen. Von da führte sein Weg schon bald in Richtung Schuh-Design. Zuerst wurde er bei Versace Chefdesigner für die Damen-Accessoires, 2001 lancierte er seine eigene Damenschuh-Kollektion. Dies mit Erfolg: 2003 wurde Atwood für seine ausgefallenen Modelle mit dem begehrten Swarovski Perry Ellis Award ausgezeichnet.

Im Februar 2007 holte der neue Geschäftsführer von Bally, Marco Franchini, den Designer als Creative-Director ins Unternehmen. Seit sechs Jahren ist dieser Posten bei Bally erstmals wieder besetzt.

Weg von der Biederkeit

Ein Interview mit Brian Atwood zu führen, ist eine lockere, herzliche Sache. Der Designer ist es gewohnt, sich in Szene zu setzen, er liebt Gesellschaft. So weiss er sogleich eine Antwort auf die Frage, wie man das angeschlagene Image des einst für Qualität und zeitlose Eleganz stehenden Leder-Unternehmens wieder auf Vordermann bringt: «Die Marke soll nicht mehr so kühl und distanziert sein, sondern entspannter, leichter, ohne dabei an Glamour zu verlieren», antwortet er spontan.

Eine Kostprobe dieser neuen Leichtigkeit bekam man anlässlich der Bally-Sommer-Präsentation im Mailänder Showroom zu sehen: Die etwas biedere Note des früheren Bally-Auftritts ist durch einen luftigen, sommerlich-sportlichen Stil ersetzt worden. «Ich will, dass die Bally-Kleider und Schuhe wieder sinnlicher, jugendlicher sind und dabei ihren diskreten Chic behalten», beschreibt Brian Atwood das neue Image. Leichte Stoffe, zarte Drucke auf Chiffons und eine schmeichelnde Farb-Palette, bestehend aus Sand-, Beige- und Rost-Tönen, geben den Kleidern ein easy Freizeit-Feeling. «Ich habe mich für die Stoffe an den Mosaiken türkischer Moscheen inspiriert», sagt Atwood.

Auch die Schuh-Mode erlebt eine Modernisierung. Sandaletten mit Keilabsätzen im Stil der 40er-Jahre, Espadrilles aus Wildleder, Taschen aus Python und Abend-Schuhe aus fein drapiertem Stoff geben der Damen-Kollektion eine edle Note. Der Herr trägt im Sommer Bally-Slippers aus gelochtem Wildleder und Espadrilles mit einem Bast-Rand.

Ups and Downs während 157 Jahren

Die Marke Bally wieder zum Erfolg zu bringen, ist kein leichtes Unterfangen. Zu viele Ups and Downs hat das Unternehmen erlebt. Gegründet 1851 in Schönenwerd von den Brüdern Carl und Fritz Bally, expandiert die Marke schnell und zählt bald zu den begehrtesten Schweizer Luxusprodukten. Bereits 1881 produziert Bally jährlich zwei Millionen Paar Schuhe und verkauft diese in allen grossen Städten der Welt. Im gleichen Jahr geht in London die erste Bally-Boutique auf. 1916 wird ein Rekordjahr: 3,9 Millionen Paar Schuhe werden verkauft. Das Unternehmen beschäftigt in dieser Zeit 7159 Mitarbeiter im In- und Ausland.

Die weltweite Depression der 30er- Jahre macht auch vor Bally nicht Halt. Und im Zweiten Weltkrieg wird das Leder knapp, so dass andere Materialien wie Gummi, Kork, Holz und Stroh für die Schuh-Herstellung verwendet werden. Doch bereits in den 50er-Jahren beginnt für Bally wieder ein rasanter Aufschwung, der jedoch bereits zehn Jahre später wegen des steigenden Imports von Billig-Schuhen zu schwinden beginnt.

Die eigentliche Krise der Firma beginnt 1977 mit der Übernahme von Bally durch Werner K. Rey. Nur neun Monate später verkauft er das Unternehmen an den Oerlikon-Bührle-Konzern. Dieser schafft es auch nicht, die Marke erneut zum Erfolg zu bringen. Kommt dazu, dass die weltweite Rezession die Firma schwer trifft. 1999 wechselt Bally schliesslich wieder den Besitzer und geht an die amerikanische Investoren-Gruppe Texas Pacific Group. Die neuen Inhaber brauchen viel Geld und Geduld, um das Schweizer Label zurück in die schwarzen Zahlen zu bringen.

Erst mit Marco Franchini, dem neunten Bally-Chef in zehn Jahren, findet der Leidensweg ein vorläufiges Ende. Die Schuhproduktion ist inzwischen vom Stammsitz in Schönenwerd nach Caslano am Luganersee verlegt worden. Dort vereint der Geschäftsführer ein internationales Kreativ-Team, das die Produkte-Palette neu definieren will. «Es ist wichtig, dass Bally seine Schweizer Identität zum Ausdruck bringt und nicht seine Seele verliert, wie das viele andere Firmen tun», sagt Geschäftsführer Franchini. «Bally-Schuhe bleiben Swiss made und stehen für die Effektivität und Qualität unserer täglichen Arbeit.»

240 Filialen

Heute gibt es weltweit 240 Bally-Filialen, 72 Duty-free Niederlassungen und 422 unabhängige Geschäftspartner. Allein in der Schweiz hat es 11 Boutiquen. 2006 erzielte das Unternehmen mit 900 Mitarbeitern 350 Millionen Franken Umsatz. 2008 dürfte dieser die 500-Millionen-Grenze überschreiten. Dies dank des Einstiegs in den chinesischen Markt. «China ist heute das wichtigste Absatzgebiet für Bally-Produkte», sagt Franchini. Bally macht 50 Prozent ihrer Verkäufe mit Schuhen. Accessoires und Prêt-à-Porter nehmen die andere Hälfte ein, davon betragen die Kleider nur10 Prozent.

Wer heute nach Schönenwerd fährt, findet am ehemaligen Bally-Sitz nur noch die Archive. Ein kostbarer Fundus für den neuen Designer Atwood, der als Erstes eine Reise in die Vergangenheit des über 150 Jahre alten Schuh-Herstellers machte. «Die Archive sind einmalig und eine wertvolle Quelle der Inspiration.» Mögen sie bald Früchte tragen.

Yvonne Forster

Python-Tasche 3000.–, -Schuhe 795.–.

Python-Tasche 3000.–, -Schuhe 795.–.

Wildleder-Espadrilles für den Herrn 250.–.

Wildleder-Espadrilles für den Herrn 250.–.

Keil-Sandalette mit Holzsohle 530.–.

Keil-Sandalette mit Holzsohle 530.–.

Wildleder-Tasche für den Herrn 995.–.

Wildleder-Tasche für den Herrn 995.–.

Der neue Bally-Designer Brian Atwood. (Bild: Yvonne Forster)

Der neue Bally-Designer Brian Atwood. (Bild: Yvonne Forster)

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